Videobeweis

Der Schiri-Keller ist eine Glasbox: So funktioniert der Schweizer VAR

Der Video Assistant Referee (VAR) verfolgt das Spiel.

Der Video Assistant Referee (VAR) verfolgt das Spiel.

Im neuen Video Operation Room in Volketswil scheint alles bereit zu sein für den Videoschiedsrichter in der Schweiz. Warum es trotzdem Fehler geben wird, und wie die Liga über Fehlentscheide kommuniziert.

Wenn heute zwischen Sion und Basel die neue Saison startet, gilt es ernst. Nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Schiedsrichter. Neu stehen sie nicht mehr nur auf dem Platz, sie sitzen auch vor den Bildschirmen.

Als Hauptprobe für diese erste Partie im Tourbillon testet Sions U21 am Mittwoch gegen Bavois. Während sich die Teams warm machen, bereitet sich ein Schiedsrichterteam ebenfalls vor - über drei Stunden Fahrzeit vom Stadion entfernt im zürcherischen Volketswil. Statt wie in Deutschland in einem Keller in Köln, befindet sich der Schweizer Video Operation Room (VOR) im 2. Obergeschoss eines Bürogebäudes. Grund für den Standort ist die Firma NEP, die für die Fernsehsender vier von fünf Super-League-Partien produziert.

Der VAR entscheidet meistens alleine

In einer grossen Glasbox finden sich fünf identische Arbeitsstationen mit jeweils drei Plätzen. In der Mitte sitzt der Video Assistant Referee (VAR), links sein Assistent (AVAR), rechts ein Techniker. Die beiden Video-Schiedsrichter verfügen je über zwei grosse Bildschirme, der Techniker über einen, auf dem alle Kameraeinstellungen zu sehen sind. Er stellt für die Videoschiedsrichter die Blickwinkel zusammen. Der VAR verfügt über einen gewöhnlichen Fernseher und einen zweiten Bildschirm, auf dem er mehrere Kameraeinstellungen mit einer Verzögerung von drei Sekunden sieht. So kann er bei strittigen Situationen rasch die Aktion nochmals anschauen. Meistens entscheidet der VAR alleine. Der AVAR kann zur Hilfe beigezogen werden, wenn die Partie unterbrochen wird. Die Hauptaufgabe des AVAR ist es, das Spiel zu beobachten, wenn der VAR eine Situation prüft und das Spiel weiterläuft.

So sehen die Arbeitsstationen aus: In der Mitte der Video Assistant Referee (VAR), links sein Assistent (AVAR), rechts ein Techniker.

So sehen die Arbeitsstationen aus: In der Mitte der Video Assistant Referee (VAR), links sein Assistent (AVAR), rechts ein Techniker.

Schiedsrichter Sandro Schärer vergewissert sich, dass die Verbindung nach Volketswil funktioniert und pfeift das Spiel an. Wenn etwas Strittiges passiert, markiert der VAR die Situation mit einer grünen Taste, mit der roten klinkt er sich in die Unterhaltung der Schiedsrichter ein. Die Kommunikation in Volketswil ist derweil protokollarisch. «Possible Foul», sagt der VAR bei einem Foul im Mittelfeld, das dann relevant wird, wenn daraus ein Tor entsteht. Mit «Reset» löscht er diese Situation wieder.

Inzwischen läuft die 24. Minute, Schiedsrichter Sandro Schärer pfeift Penalty für Bavois. «Aber schau es bitte nochmals an», bittet Schärer. «Alles gut, gut gemacht», hört er ein paar Sekunden später. Der anschliessende Penalty landet an der Latte. Wenig später erzielt Sion die Führung zum 1:0. Während die Spieler jubeln, herrscht in Volketswil Aufregung. Der Angriff wird auf Abseits, Fouls oder Handspiele geprüft, ehe der VAR die Bestätigung gibt: «Alles gut.»

Kosten von insgesamt 3 Millionen Franken

Neun Monate dauerte die Vorbereitungsarbeit für das Projekt. Allein diese Phase kostete 1,5 Millionen Franken. Gleich viel bezahlen Liga und Verband pro Jahr für den Unterhalt des Systems. 36 Testspiele wurden durchgeführt, 18 VAR und 10 AVAR ausgebildet. «Man muss sich bewusst sein, dass die Schiedsrichter vor dem Bildschirm eine andere Arbeit haben, als sie das vom Platz her kennen», sagt Hellmut Krug, der für die Ausbildung der Schiedsrichter zuständig ist. Auch deshalb gibt er zu:

Die Ansicht, der VAR würde Diskussionen verschwinden lassen, ist längst der Erkenntnis gewichen, dass es mehr Gesprächsstoff gibt. Eine Diskussion über Handspiele etwa, wie man sie in der Champions League oder in der Bundesliga beobachten konnte, will Schiedsrichterchef Sascha Amhof verhindern.

In der Schweiz gibt es anders als in den grossen Ligen keine kalibrierte Linie, keine Torlinien-Technologie und statt über 20 Kameras können die Schiedsrichter nur auf 6 bis 10 Einstellungen zurückgreifen. Von einer Light-Version will die Liga dennoch nichts wissen. «Ich glaube nicht, dass man keine guten Entscheide treffen kann, weil man weniger Kameras hat», ist Ligapräsident Schifferle überzeugt. «Entscheidender ist es, dass das Personal gut geschult ist.»

Die Schweizer Liga scheint aus der schwachen Kommunikation der Bundesliga gelernt zu haben. Statt in Deutschland, wo die Journalisten erst ein Jahr nach der Einführung in den Kölner Keller durften, lud die SFL die Medienschaffenden bereits vor dem ersten Spiel ein. Zudem will die Liga getroffene Entscheide besser kommunizieren. Dabei nimmt man sich die amerikanische Major League Soccer zum Vorbild, die VAR-Entscheidungen in Erklärungsvideos begründet. Unklar ist aber, wann die Schweizer Schiedsrichter damit starten. Klar ist dagegen, dass der VAR schon am ersten Spieltag zum Einsatz kommt. Die Fifa hat grünes Licht gegeben.

Bei Sion gegen Bavois kommt es kurz vor der Pause zu einer heiklen Situation. Handspiel oder nicht? Der VAR gibt Entwarnung: «Alles gut. Du kannst abpfeifen.»

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