Fussball
Das Zwischenzeugnis für die Nati: Manchmal reif, manchmal überfordert

15 Spiele hat das Schweizer Nationalteam absolviert seit Vladimir Petkovic Trainer ist. Zeit für eine Bilanz. Heute Abend (20:45 Uhr) spielt die Schweiz in Irland.

Etienne Wuillemin, Dublin
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Die Schweizer Nati beim Training im Aviva Stadion in Dublin
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Petkovic mit Granit Xhaka.
Die Schweiz bestreitet am Freitag in Dublin ein Testspiel gegen den Euro 2016 Teilnehmer Irland. Das Aviva Stadion fasst 51'700 Plätze.
Petkovic mit Blerim Dzemaili.
Breel Embolo und Petkovic.
Petkovic mit Shani Tarashaj.

Die Schweizer Nati beim Training im Aviva Stadion in Dublin

Keystone/Walter Bieri

79 Tage noch. Dann beginnt für die Schweiz die EM. Gleich mit dem «Bruder-Duell» gegen Albanien. Für Brisanz ist von allem Anfang an gesorgt. Für die meisten Schweizer wird es im Gegensatz zu den Albanern nicht der erste Grossanlass sein. Nur für einen ist es die erste grosse Prüfung: Vladimir Petkovic.

Gut 18 Monate hatte der 52-Jährige mittlerweile Zeit, um sich als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld zu profilieren. 15 Spiele absolvierte er mit der Schweiz. Es gab neun Siege, zwei Unentschieden und vier Niederlagen. Es waren 18 zwiespältige Monate. Nein, nicht nur negativ, bei weitem nicht. Aber es war ein ständiges Auf und Ab. Wie aber sieht die Bilanz aus?

Auf dem Papier liest sich das Zwischenzeugnis gut. Petkovic verfügt über einen Punkteschnitt von 1,93. Das ist der leicht höhere Wert als unter Hitzfeld (1,77). Allerdings hat Petkovic auch erst einen Viertel so viele Spiele betreut. Geht man ins Detail ergeben sich interessante Fakten.

Überzeugt haben die Schweizer in den EM-Qualifikationsheimspielen gegen Litauen und Estland, die souverän bezwungen wurden. Dazu in den Testspielen in Polen (vor allem spielerisch) und Österreich (vor allem kämpferisch). Wobei die Spiele gegen die Amateure aus San Marino kaum bewertbar sind, die Schweizer erledigten diese Aufgaben allerdings mit höchster Seriosität.

In den allermeisten Fällen aber hinterliessen sie einen zwiespältigen Eindruck. Gute Phasen und schlechte Phasen wechselten sich ab, sogar innerhalb eines einzelnen Spiels, manchmal gar heftig. Beispielhaft sind die Spiele gegen Slowenien. Auswärts trat die Schweiz eigentlich gut auf, hätte die Partie zu ihren Gunsten entscheiden können – steht am Ende aber dennoch als Verlierer da. Noch extremer im Heimspiel. Nach 80 miserablen Minuten und dem Zwischenstand von 0:2 gelingt plötzlich die wundersame Wende. Der 3:2-Sieg ist im Rückblick der entscheidende Schritt zur EM-Qualifikation.

Genau von jenen Spielen gegen Slowenien sprechen Trainer Petkovic und Torhüter Yann Sommer, wenn sie sich an besondere Momente der vergangenen gut 18 Monate erinnern sollen. «Das Spiel in Slowenien war über lange Zeit sehr gut. Natürlich kann man sagen, wir hätten es gewinnen müssen», sagt Petkovic.

Aber es war jenes Spiel, das ihm zeigte, dass das Team bereit ist, seine Philosophie umzusetzen. Sommer sagt: «Gegen Slowenien zu Hause haben wir Moral und Reife bewiesen. Das hat mir gezeigt, dass dieses Team lebt. Dass es Rückschläge einstecken und überwinden kann. Diese Erfahrung und dieses Wissen kann an der EM extrem wichtig sein.»

Es war nicht nur gegen Slowenien, dass die Schweiz einen Match drehte. Auch beim 2:1 in Litauen musste sie leiden und einen Rückstand umbiegen. Eine weitere Parallele dazu: Der Trainer griff mit seinem Coaching jeweils entscheidend ein. Als Petkovic in Litauen Captain Inler auswechselte und Xhaka das Spieldiktat übernahm, besserte sich das Spiel. Gegen Slowenien wechselte er mit Drmic, Stocker und Embolo gar ein Trio ein, dass die Wende massgeblich prägte.

Klar ist aber: An der EM besitzen die Gegner mehr Qualität als bisher. Es werden Spiele folgen wie gegen England. Und gerade diese Spiele, vor allem auswärts, waren eine Enttäuschung. Vier Tage nach der Wende gegen Slowenien wollten die Schweizer mit breiter Brust im Wembley auftreten – sie zerschellten an den englischen Hühnen in einer Art und Weise, die selbst Pessimisten kaum für möglich gehalten hätten.

Wie gut ist diese Schweiz wirklich? Die Spiele gegen Irland und Bosnien-Herzegowina liefern weitere Indizien. Es sind die ersten Spiele ohne den Captain Gökhan Inler. Shaqiri und Lichtsteiner werden geschont. Behrami ist nach seiner Krankheit fraglich. Trainer Petkovic sagt: «Die Iren kämpfen für jeden Ball. Sie spielen mit Härte. Und sind mental zu 100 Prozent bereit.» Es ist darum eine gute Probe für das erste Schweizer EM-Spiel gegen Albanien.

Alle Spiele der Schweiz unter Vladimir Petkovic (fett = EM-Qualifikation)

England (h) 0:2
Slowenien (a) 0:1
San Marino (a) 4:0
Litauen (h) 4:0
Polen (a) 2:2
Estland (h) 3:0
USA (h) 1:1
Liechtenstein 3:0
Litauen (a) 2:1
Slowenien (h) 3:2
England (a) 0:2
San Marino (h) 7:0
Estland (a) 1:0
Slowakei (a) 2:3
Österreich (a) 2:1