Derby
Aufregung und Hass prägen das Manchester-Derby

Die Millionen der Scheichs katapultierte Manchester City an die Spitze der englischen Premier League. Nun kommt es zum brisanten Duell zwischen der City und Manchester United.

Raphael Honigstein, London
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Das berühmteste Banner des englischen Vereinsfussballs muss aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben, obwohl es nur eine Zahl zeigt: Mit dem grossen, aktuell eine schwarze «34» tragenden Plakat ärgern die Fans von Manchester United im Old Trafford ihre nunmehr seit 1976 trophäenlosen Feinde von City.

Beim Stadtderby im City-of-Manchester-Stadion wird die 34 natürlich nicht zugelassen, genauso wenig wie die elf radikalen United-Sportfreunde, die beim Ligacuphalbfinal im Januar vergeblich mit ein paar Golfbällen und Dart-Pfeilen Einlass begehrten. Dass sie nach der Partie noch anderen Hobbys frönen wollten, hatte ihnen die Polizei nicht abgenommen.

In einer drei Kilometer langen «exclusion zone» zwischen Stadtzentrum und den Eastlands darf heute kein Alkohol ausgeschenkt werden, die örtliche Belegschaft rechnet mit dem Schlimmsten.

Englands traditionell einseitigstes Stadtderby war aufgrund der unterschiedlichen Gewichtsklassen der Kontrahenten bis vor kurzem nur etwas für Lokalpatrioten.

Jetzt sind Aufregung und Hass noch grösser, weil der sportliche Wert des Duells dem internen Prestige gerecht wird: Die Scheich-Millionen aus Abu Dhabi haben die Hellblauen zu einem ernst zu nehmenden Rivalen aufgebaut, der den Roten in dieser Saison erstmals den Platz an der Sonnenseite der Tabelle streitig macht.

Nur drei Punkte trennen den Tabellenzweiten United von City auf Platz vier. «Ich glaube nicht, dass wir in den vergangenen Jahren so ein Kopf-an-Kopf-Rennen hatten», sagt Superintendant Jim Liggett, der Derby-Einsatzleiter.

Im «Daily Telegraph» wurde die veränderte Statik in der Stadt mit der Seifenoper «Dallas» verglichen: «Alex Ferguson ist JR Ewing. City war früher Cliff Barnes, der ewige Verlierer. Heute sind sie Bobby, ein echter Konkurrent.»

Viel Geld für Qualitätsspieler

«City ist eine Spitzenmannschaft, das ist ein Fakt», sagt selbst Sir Alex Ferguson, der United-Trainer. «Sie haben sehr viel Geld für Qualitätsspieler ausgegeben und einen guten Start erwischt. Das bringt Schärfe in diesen Match.» Citys Sommer-Investitionen von knapp 150 Millionen Euro, unter anderem für den spanischen Weltmeister David Silva von Valencia und Hamburgs Jérôme Boateng, haben die hoch verschuldeten Nachbarn aus dem Süden der Stadt zudem auch gegenüber den eigenen Fans in die Defensive getrieben.

Fergusons Erklärung, dass man nur wegen der «überteuerten Preise» auf namhafte Verstärkungen verzichtet habe, fand wenige Abnehmer. Umso wichtiger ist es für United, dass City nichts gewinnt, wie Paul Scholes zugibt. «Wir können nicht alle Titel holen, aber am Ende müssen wir unbedingt vor City stehen», sagt der Mittelfeldspieler.

In den englischen Medien, auch das ist neu, wird das Team von Roberto Mancini als leichter Favorit gesehen. City muss zwar auf den rot gesperrten Stürmerstar Mario Balotelli verzichten, doch das Fehlen von Wayne Rooney fällt auf der roten Seite stärker ins Gewicht. Der 25-Jährige laboriert an einer Knöchelverletzung und wurde von Ferguson zur «Konditionierung» für eine Woche nach Niketown in Oregon geschickt.

Die ungewöhnliche Massnahme freut den Sponsor, wirft aber Fragen auf, zum Beispiel nach der mentalen Verfassung des Nationalstürmers. Rooney hatte nach einem heftigen Flirt mit City im vergangenen Monat überraschend einen neuen Vertrag bei United unterschrieben.

City-Trainer unter Druck

Mancinis Hoffnungen liegen ganz auf Waynes ehemaligem Streitgefährten Carlos Tévez. «Er ist phänomenal; der beste Spieler, den ich je erlebt habe», sagt City-Torwart Joe Hart. «Er kann eine Mannschaft allein tragen. Wenn wir kollektiv stinken und er gut spielt, haben wir immer noch eine gute Chance.»

Hart steht nach zwei nächtlichen Sauftouren mit Teamkollegen persönlich unter Druck, das gilt auch für Mancini. Glaubt man Kabinengeflüster, droht die aus der Wüste finanzierte Revolution ihren nächsten Anführer zu fressen; Mancini habe bereits einen Teil des bunt zusammengestellten Teams «verloren», berichtet der Boulevard. «Lügen und Müll», entgegnete der Italiener, «die Zeitungen wüten gegen uns, weil City von einem Italiener trainiert wird. Die Engländer sind Nationalisten, was den Fussball betrifft.»

Das stimmt, was den Klubfussball betrifft, eher nicht. Mancini kann bei Kollege Carlo Ancelotti von Chelsea nachfragen: Solange Eigentümer, Spieler und Trainer den Ruhm des eigenen Klubs mehren, interessieren sich die Anhänger auf der Insel überhaupt nicht für die Pässe der Protagonisten. Und die Derbys müssen sie natürlich auch gewinnen.