Länderspiel
6:0-Schützenfest: So macht die Schweizer Nati Lust auf mehr

Die Schweiz darf sich auf dem 6:0 gegen Island nicht ausruhen. Und die Mannschaft weiss das. Allen voran der Trainer, der noch nicht von einem Neuanfang sprechen möchte.

Christian Brägger, Leicester
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Mit der 6:0 Gala gegen Island setzte die Schweiz ein imposantes Zeichen.
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Den Auftakt zum Schützenfest macht Steven Zuber: Er trifft in der 13. Minute zum 1:0.
Rodriguez leistete die Vorarbeit für Zuber.
Das 2:0 erzielt Denis Zakaria (links) in der 23. Minute.
Gross ist die Freude über das 2:0.
Shaqiri zeigt ein starkes Spiel.
3:0-Torschütze Shaqiri im Duell mit Palsson – das Tor gelingt ihm per Freistoss.
Kevin Mbabu steht erstmals in der Startelf.
Haris Seferovic erzielt das Tor zum 4:0 – zwei weitere werden ihm wegen Offside aberkannt.
Grosser Jubel: Xhaka freut sich mit Seferovic über dessen Tor.
Albian AJeti und Admir Mehmedi, die Torschützen des 5:0 respektive 6:0.
Nations League: Schweiz - Island, 08.09.2018
Granit Xhaka ist stolz, erstmals als Captain auf dem Feld zu stehen.
Kein Gegentor: Der Schweizer Goalie Yann Sommer muss nicht einmal hinter sich greifen.
Trainer Petkovic im Interview vor dem Match: Ein 6:0 hätte er wohl auch er nicht für möglich gehalten.
Weitere Impressionen Breel Embolo (links) gegen Palsson
Zuber und Embolo im Duell
Steven Zuber (rechts) gegen Islads Rurik Gislason
Granit Xhaka im Spiel gegen Island
Schweizer Torjubel
Xhaka gegen Islands Sigurdsson
Granit Xhaka

Mit der 6:0 Gala gegen Island setzte die Schweiz ein imposantes Zeichen.

GEORGIOS KEFALAS

Die Stimmungslage in der Nationalmannschaft ist selbstredend gut, der Burgfrieden vorerst wieder hergestellt. Doch es warten weitere Fallstricke auf Mannschaft und Trainer, der den sanften Umbruch moderieren muss.

«Island akut überfordert. Schweiz schenkt sechs ein.» Die Online-Ausgabe des «Kicker» fand bedeutungsvolle Worte, verwendete eine bildhafte Sprache nach dem Auftakt der Schweizer in der Nations League. In Tat und Wahrheit war am Samstagabend das 6:0 in St. Gallen kein Einschenken der Schweiz. Sondern vor allem dies: ein Geschenk an den Anhang. Und an sich selbst.

«Das ist nun einmal passiert, aber man muss das mehrmals bestätigen, um zu sagen, es sei ein Neuanfang», sagte Vladimir Petkovic. Von einem Neuanfang wollte der Trainer noch nicht sprechen, was auch verfrüht wäre; zumal das Team bei plus eins startete, wie er das jüngst einmal formulierte.

Petkovic weiss sehr wohl, dass in den nächsten Tagen und Wochen neue Fallstricke warten, dass dieses erfolgreiche Weibeln um die Gunst der Anhänger und Öffentlichkeit sehr schnell die Gegenrichtung annehmen kann.

Das sind die Noten für die Schweizer Spieler:

Yann Sommer: 5 Sein gefährlichster Gegner: die tiefstehende Sonne. Nie muss er zeigen, dass er seine hervorragende WM-Form konserviert hat.
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Kevin Mbabu: 5,5 Ein herausragender Einstand. Solid hinten. Aktiv nach vorne. Bringt viel Zug nach vorne. Säht immer wieder Gefahr. Weiter so!
Fabian Schär: 5 Frühe gelbe Karte. Egal. Zeigt, wie wertvoll er mit seinen klugen Bällen für das Team ist. Öffnet das Spiel immer wieder.
Manuel Akanji: 5 Souveräner Auftritt. Leitet das 1:0 zusammen mit Sommer von ganz zuhinterst ein. Stark in den Zweikämpfen.
Ricardo Rodriguez: 5,5 Das beste Länderspiel seit langem. Sehr viel Drive nach vorne. Sorgt damit immer wieder für Gefahr. Gute Flanken.
Denis Zakaria: 6 Erzielt sein erstes Tor für die Schweiz. Und gefällt auch sonst. Deutet an, dass er das Potenzial zum Behrami-Nachfolger hat.
Granit Xhaka: 5,5 Der Captain übernimmt viel Verantwortung. Er dirigiert und organisiert. Ein, zwei Fehlpässe, aber sonst ein sehr guter Auftritt.
Breel Embolo: 4 Sucht das Glück. Und findet es nicht. Aber bald? Es wäre ihm zu wünschen. Kämpft etwas glücklos. Erhalt trotzdem warmen Applaus.
Xherdan Shaqiri: 5,5 Hat in der Mitte sein neues Revier gefunden. Fühlt sich da wohler als auf der Seite und geniesst alle Freiheiten. Super Freistosstor.
Steven Zuber: 6 Klasse Tor, danach fällt alles leichter. Immer unterwegs. Viele kleine Sprints. Wirblig. Torgefährlich. Öffnet Räume für die Kollegen.
Haris Seferovic: 5,5 Endlich! Nach vielen Enttäuschungen zuletzt ein sehr starkes Spiel. Ein. Eine Vorlage. Zwei Offside-Tore. Platzt der Knoten?
Albian Ajeti: 5,5 In der 65. Minute für Embolo eingewechselt. Nur sechs Minuten später gleich mit seinem Tor-Debüt im Schweizer Dress.
Admir Mehmedi: 5 In der 72. Minute für Seferovic eingewechselt. Auch er darf bei seinem Comeback noch einen Treffer erzielen.
Djibril Sow: Keine Note In der 78. Minute für Zuber eingewechselt. Zu kurz für eine Bewertung.

Yann Sommer: 5 Sein gefährlichster Gegner: die tiefstehende Sonne. Nie muss er zeigen, dass er seine hervorragende WM-Form konserviert hat.

GEORGIOS KEFALAS

Die Versöhnungstour

Präsent sind die Misstritte der vergangenen Monate, sofern man sie so nennen will. Und so hängt fortan alles davon ab, was die Schweizer aus den Unruhen und Debatten mitnehmen, die auf ihren Köpfen ausgetragen wurden. Was sie daraus gelernt haben, vor allem hinsichtlich verbaler und nonverbaler Kommunikation. Mit ihrer Leistung bewiesen sie, keinen Schaden genommen zu haben. Und dass Gefüge und Moral weiter intakt sind.

Derzeit befinden sich die Schweizer auf einer Art Versöhnungstour und wählten die beste aller Varianten, um wieder den Fussball das dominierende Thema werden zu lassen. Sechs verschiedene Torschützen, ein jeder Treffer mit seiner eigenen Geschichte.

Über Steven Zuber zum Beispiel, der nicht nur wegen seines Traumtors in der 13. Minute Fahrt im Nationalteam aufnimmt und Admir Mehmedi auf der linken Seite hinten anstehen lässt. Über Denis Zakaria, der das 2:0 erzielte und spielerisch im Zentrum ungleich stärker als der zurückgetretene Valon Behrami ist.

In der 83. Minute war dies augenscheinlich, als er nach einem Sprint über den Platz Albian Ajeti die Torvorlage gab. Es war wie Fabian Schärs Absatzpass, der zum 5:0 durch Haris Seferovic führte, eine von zig Szenen der Schweizer, die für die wiedererlangte Lust am Fussball stand. Und nicht zuletzt für die neue Ausrichtung in der Offensive, in der man nun variabler, vertikaler und mit mehr Wucht agieren will.

Unberechenbarer dank Shaqiri

Petkovic wird selbstredend weiterhin sein Team auf Ballbesitz trimmen und die DNA nicht verändern, selbst morgen im Test in Leicester gegen England nicht. Denn auch der Tessiner hat festgestellt, dass das Spiel seiner Mannschaft zu berechenbar geworden war. Dass der Code, die Schweiz in Verlegenheit zu bringen, schnell gefunden werden kann. Mit Xherdan Shaqiri hinter der Sturmspitze dürfte dies für den Gegner schwieriger werden.

Er sagte: «Ich glaube, auf dieser Position kann ich wichtig für die Mannschaft werden und ihr noch mehr helfen.» Das war eine leichte Untertreibung, besonders dann, wenn sich der 26-Jährige die Spielfreude des Island-Auftritts bewahrt. Petkovic sagte: «Shaqiri hat extrem gut gespielt, nach vorne, nach hinten, zur Seite.»

Torschütze Ajeti, der als 15-Jähriger einst ein Angebot des FC Barcelona vor allem wegen des Zwillingsbruders ausschlug, fand nach seinem Debüt und ersten Treffer im Nationaldress den Schlaf erst spät. Die Erlebnisse hatten ihn aufgewühlt, und so beantwortete er bis in die frühen Morgenstunden die zahlreichen Glückwunsch-SMS.

Der Stürmer des FC Basel steht stellvertretend für die guten personellen Aussichten des Schweizer Teams. Sprach man im Vorfeld noch davon, die Mannschaft stelle sich von alleine auf und Petkovic nominiere eher konservativ und umgehe mögliche Reibungen, werden in Zukunft Spieler wie Ajeti und allen voran Kevin Mbabu für ebendiese sorgen. Für die Mannschaft können sie nur positiv sein – die Auffrischung tut gut. Umso besser, wenn man wie jetzt wieder im Rückenwind steht.

Nur Behrami hat nicht verstanden

Das 6:0 macht jedenfalls Lust auf mehr, weil die Perspektiven mit dem sanften Umbruch, den Petkovic eingeleitet hat, auf Wohlwollen stossen. Bis auf Behrami scheinen dies auch alle verstanden zu haben. Wenn die Schweizer auf dem Platz mit Leistung von sich reden machen, braucht den Coach alles andere wie Umstrukturierungen im Verband, die da noch kommen werden, nicht zu interessieren.

Weil dann nicht Fragen auftauchen, ob Granit Xhaka genügend Stolz besitzt, im Schweizer Nationaldress aufzulaufen. Oder ob er der richtige Captain ist, falls Lichtsteiner irgendwann nicht mehr dabei sein wird. Die Antworten waren gegen Island zu offensichtlich. Auch deswegen ist (vorsichtiger) Optimismus angebracht.

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