Analyse
Wie der neue Trainer Xavi Hernandez den mit 1,35 Milliarden Franken verschuldeten FC Barcelona zum Grössenwahn verführt

Klublegende Xavi Hernandez soll dem verschuldeten FC Barcelona als Trainer zu altem Glanz verhelfen. Gelingen soll das mit neuen Spielern, finanziert mit geliehenem Geld. Gebaut werden damit Luftschlösser.

Simon Häring
Simon Häring
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Eigengewächs, Klubikone und nun Hoffnungsträger: Barcelonas neuer Trainer Xavi Hernandez soll dem Verein zu altem Glanz verhelfen.

Eigengewächs, Klubikone und nun Hoffnungsträger: Barcelonas neuer Trainer Xavi Hernandez soll dem Verein zu altem Glanz verhelfen.

Alejandro Garcìa / EPA

Als Aussenstehender musste man sich schon verwundert die Augen reiben, als man lesen konnte, Xavi Hernandez, der neue Trainer des FC Barcelona, habe seinem Präsidenten mitgeteilt, er solle Mohamed Salah, den Ägypter des FC Liverpool, der in diesem Jahr durchaus zum Weltfussballer gewählt werden könnte, «um jeden Preis» verpflichten. Salah fordert von seinem aktuellen Arbeitgeber dem Vernehmen nach 30 Millionen Franken im Jahr, wenn er seinen bis 2023 datierten Vertrag vorzeitig verlängern soll.

Barcelonas Objekt der Begierde: Mohamed Salah.

Barcelonas Objekt der Begierde: Mohamed Salah.

Keystone

Der FC Liverpool kann sich das leisten, wenn er denn will. Er spielt in der Premiere League, der reichsten Liga der Welt. Alleine aus dem Pot für die TV-Rechte erhielt man 175 Millionen Franken. Das Geschäftsjahr schloss man mit 30 Millionen Franken Gewinn ab. Die Coronapandemie spürt man zwar auch im Vereinigten Königreich, die Abhängigkeit von Einnahmen aus dem Ticketverkauf ist aber überschaubar. Den TV-Verträgen sei Dank.

Von solchen Zahlen kann man in Barcelona nur träumen. Der Verein, der keine Aktiengesellschaft, sondern statutarisch ein «gemeinnütziger Verein» ist und damit nicht gewinnorientiert, hat in den letzten Jahren einen exorbitanten Schuldenberg von 1,35 Milliarden Franken angehäuft. Alleine im letzten Jahr schrieb man 481 Millionen Verlust. Schuld daran ist die jahrelange Misswirtschaft mit völlig überrissenen Löhnen für Spieler.

Josep Bartomeu hinterliess seinem Nachfolger Joan Laporta, der im März übernahm, einen Scherbenhaufen. Auf Grundlage der Bilanzzahlen legt die spanische Liga für jeden Verein eine maximale Lohnsumme fest. Für Barcelona liegt diese für das laufende Jahr bei 350 Millionen Franken. In der Vorsaison kostete der teure aber längst nicht mehr erstklassige Kader unfassbare 617 Millionen Franken. Heisst: Barcelona muss massiv sparen.

Seit März ist Joan Laporta nach 2003 bis 2010 zum zweiten Mal Präsident des FC Barcelona. Er hat einen Scherbenhaufen übernommen.

Seit März ist Joan Laporta nach 2003 bis 2010 zum zweiten Mal Präsident des FC Barcelona. Er hat einen Scherbenhaufen übernommen.

Alejandro Garcìa / EPA

Das hatte zur Folge, dass man im Sommer nach 17 Jahren Lionel Messi ablösefrei nach Paris ziehen lassen musste. Der sechsfache Weltfussballer war zu teuer geworden. Von 2017 bis 2021 verdiente der Argentinier eine halbe Milliarde Franken, zuletzt 138 Millionen im Jahr. Zwar entlastet sein Abgang das Budget, hat aber zur Folge, dass der Markenwert des Vereins um 140 Millionen Franken gesunken ist. Schon als er noch da war, erhielt man für Testspiele nur einen Drittel der Summe, wenn Messi nicht spielte.

Im August verabschiedete sich der sechsfache Weltfussballer Lionel Messi nach 17 Jahren unter Tränen vom FC Barcelona.

Im August verabschiedete sich der sechsfache Weltfussballer Lionel Messi nach 17 Jahren unter Tränen vom FC Barcelona.

Joan Monfort / AP

Doch in Barcelona lebt man weiter auf Pump. Weil es nicht anders geht. Im März musste man einen Überbrückungskredit über 80 Millionen Franken aufnehmen, um die Gehälter zahlen zu können. Bei der Investmentbank Goldman Sachs nahm man einen Kredit über 600 Millionen Franken auf – um die Schulden neu zu strukturieren. Man geht damit auch das Risiko ein, dass man den Verein, der 140'000 Mitglieder zählt, irgendwann in eine Aktiengesellschaft umwandeln muss, um zahlungsfähig zu bleiben.

Das marode Stadion Camp Nou muss umfassend modernisiert werden.

Das marode Stadion Camp Nou muss umfassend modernisiert werden.

Keystone

Sorgen bereitet auch das marode gewordene Stadion, das Camp Nou. Die dringend notwendige Modernisierung wird 900 Millionen Franken kosten. Ende Oktober stimmten die Wahlmänner bei der Mitgliederversammlung mit einer überwältigenden Mehrheit von knapp 94 Prozent dem Antrag des Präsidiums zu, einen Kredit über 1,5 Milliarden Franken auszuhandeln. Entstehen soll ein Sportpalast für die Basketballer und Handballer, der 420 Millionen Franken kostet, eine Reihe von städtebaulichen Arbeiten rund ums Stadion und auf dem Gelände des Klubs in Sant Joan Despi, wo die Frauen- und Nachwuchsmannschaften spielen, für 120 Millionen Franken.

Und dieser FC Barcelona will mit Mohamed Salah einen der besten und teuersten Fussballer der Welt kaufen? Alleine der Gedanke daran ist nicht nur verwegen, sondern schlicht: dreist, anmassend, arrogant, abgehoben.

Das alles sind keine Attribute, die man mit Xavi Hernandez in Verbindung bringt. Von 1998 bis 2015 bestritt der nur 1,70 Meter grosse Edeltechniker 767 Spiele für Barcelona. Er wurde acht Mal Meister, gewann vier Mal die Champions League, wurde zwei Mal Klubweltmeister. Mit Andres Iniesta bildete er ein kongeniales Mittelfeldduo, wurde 2010 Weltmeister und 2008 und 2012 Europameister. Und Xavi entstammt der klubeigenen Talentschmiede «La Masia». Beim FC Barcelona ist er eine Institution.

Am 8. November übernahm er in Barcelona das Traineramt. Dass er für diesen Wechsel mehrere Millionen an den katarischen Klub Al-Sadd zahlte, wo er zuletzt arbeitete, und bekannte, schon zwei Mal abgesagt zu haben, weil er sich die Aufgabe noch nicht zugetraut habe, schadet seinem Ansehen sicher auch nicht. Wie der Umstand, dass er nicht gedenkt, einen Fussball spielen zu lassen wie sein unbeliebter Vorgänger Ronald Koeman, dem vorgehalten wird, er habe zuletzt nicht nur das tief in der Identität verankerte 4-3-3 verwässert, sondern gross gewachsene Abwehrspieler wie Abrissbirnen im Angriff eingesetzt und Barcelonas Spiel verraten.

Ende Oktober musste Roland Koeman den Trainerposten räumen.

Ende Oktober musste Roland Koeman den Trainerposten räumen.

Enric Fontcuberta / EPA

Der FC Barcelona sieht sich als Nationalmannschaft Kataloniens. Zuletzt liess man die Wahrung der Grund- und Menschenrechte in den Statuten festschreiben (was Barcelona nicht daran hindert, im Dezember zu Ehren von Diego Maradona gegen die Boca Juniors für eine Millionengage ein Testspiel in Saudi-Arabien gegen die Boca Juniors auszutragen.) «Més que un Club» heisst das Credo, Barça ist mehr als ein Verein, ein Kulturgut.

Barcelonas Selbstverständnis: «Més que un Club», mehr als ein Klub.

Barcelonas Selbstverständnis: «Més que un Club», mehr als ein Klub.

Keystone

Das gilt auch für den Fussball, den man in Barcelona spielen will und den Xavi verspricht. Als Spieler sagte er: «Der Ball ist mein bester Freund. Wenn ich nicht in ständigem Kontakt zu ihm bin, fehlt mir etwas.» Er sei ein Romantiker des Fussballs. Und wenn er über seine Philosophie spricht, dann bemüht er Wörter wie «Kultur und Gegenkultur», und «assoziatives Dreiecksspiel». Er sei «radikaler Verfechter des Ballbesitzes». Für Xavi ist der Fussball nicht nur ein Spiel um den Sieg, sondern eine Kunstform.

Der 41-jährige Xavi verkörpert all das, was Barcelona bis vor kurzer Zeit noch war und vorgibt, noch immer zu sein. Als erster Trainer in der Vereinsgeschichte wurde er im Stadion vorgestellt, die 10'500 Karten waren schnell vergriffen. Und Xavi tat wenig, um den Verein zur Vernunft zu mahnen. Zwar sagte er, er sei kein Messias, es gehe ihm nur darum, den Menschen wieder Hoffnung zu geben. Und es sei der schwierigste Moment der Klubgeschichte. Den Druck in Barcelona nannte er «bestialisch».

Die Präsentation von Xavi Hernandez als Barcelona-Trainer.

FC Barcelona

Aber Xavi sagte auch: «Wir sind der beste Klub der Welt. Wir dürfen uns nicht erlauben, unentschieden zu spielen oder zu verlieren. Es geht darum, zu gewinnen. Visca el Barça i visca Catalunya!» Es lebe Barça, es lebe Katalonien. Die Menge jubelte, als hätte man einen Titel gewonnen.

Mit Spielern wie Mohamed Salah wäre das einfacher. Doch das ist nicht die Realität. Die Ankunft von Xavi vernebelt die Sinne. Seine Worte verführen Barcelona zum Grössenwahn. Und man läuft Gefahr, dem Sirenengesang zu erliegen, wieder grosse Luftschlösser zu bauen. Mit geliehenem Geld.

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