Fussball in Spanien
Real Madrid emanzipiert sich mehr und mehr von seiner Legende

Die Königlichen haben kapiert, dass sie auch ohne ihren 35-jährigen Captain und Anführer Sergio Ramos gewinnen können — selbst heute im Clasico gegen den formstarken FC Barcelona.

Markus Brütsch
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Da half auch der Schluck aus der Trinkflasche nichts: Captain Sergio Ramos verletzte sich bei seinem Kurzeinsatz gegen Kosovo.

Da half auch der Schluck aus der Trinkflasche nichts: Captain Sergio Ramos verletzte sich bei seinem Kurzeinsatz gegen Kosovo.

Keystone

Braucht es Sergio Ramos noch?

Diese Frage wird in Spanien in den letzten Wochen immer häufiger gestellt. Am 30. März ist der Innenverteidiger 35 Jahre alt geworden und es scheint, als würde der Zahn der Zeit nun selbst an diesem so robusten Haudegen nagen. Dass der Captain von Real Madrid den Clasico gegen den FC Barcelona verletzungsbedingt verpasst, wird in Madrid mit ungewohnter Gelassenheit hingenommen.

Nach der Niederlage im Supercup gegen Bilbao war Ramos Mitte Januar einer Meniskusoperation unterzogen und mit 54 Tagen zur längsten Verletzungspause seit 2009 verknurrt worden. Was ihn allerdings später nicht davon abhielt, sich nach lediglich einem Teileinsatz mit Real für die WM-Qualifikationspartien der Nationalmannschaft fit zu melden. Der Hintergrund: Der ehrgeizige Anführer der Furia Roja hat sich zum Ziel gesetzt, den Ägypter Ahmed Hassan in der Fifa-Rangliste als Mann mit den weltweit meisten Länderspielen - 184 an der Zahl - abzulösen.

Es passierte während des Auslaufens

Doch es kam, wie es kommen musste. Nach einem 45-minütigen Einsatz gegen Griechenland liess Nationalcoach Luis Enrique den Rekordinternationalen gegen Georgien zwar noch während 90 Minuten auf der Ersatzbank ausruhen, doch gegen Kosovo schenkte er ihm dann sein 180. Länderspiel und wechselte ihn vier Minuten vor Schluss ein. Beim Auslaufen verspürte Ramos jedoch einen Stich in der Wade und fällt nun mit einer Muskelverletzung bis Ende April aus. Gleichwohl dürfte er während der EM Hassan als Weltrekordhalter ablösen. Seine beiden von Yann Sommer abgewehrten Penaltys im November in Basel können die grossartige Karriere nicht trüben.

Nachdem der Andalusier bereits die Siege gegen Vigo und Eibar in der Liga nur von der Tribüne aus beobachtet hatte, wurde beim 3:1 in der Champions League gegen den FC Liverpool definitiv klar, dass es auch ohne den Recken geht. Der Mythos, ohne Ramos sei Real nur die Hälfte wert, bröckelt. Zumal die Königlichen nun auch dank starken Leistungen seines Stellvertreters Nacho in zwölf Spielen ohne ihren Capitán neun Mal gewonnen haben und nur eine Partie verloren ging.

Heikle Situation für Ramos — eine Trennung scheint möglich

Die Situation könnte für die Real-Legende heikel werden. Denn noch immer sind sich Ramos und der Klub nicht einig, ob und wie es im Sommer, wenn der Vertrag des Verteidigers ausläuft, weiter geht. Und die Fans werfen Ramos vor, mit seinem forcierten Länderspieleinsatz seine eigenen Interessen über jene des Klubs gestellt zu haben. Nach 16 Jahren scheint eine Trennung möglich.

So geht Real mit Zuversicht in den Clasico gegen den formstarken FC Barcelona. Obwohl mit Ramos jener Spieler fehlt, der im Hinspiel seine Mannschaft mit einem vorbildlichen Siegeswillen zum 3:1-Erfolg geführt hatte. Die Madrilenen sind bis auf drei Punkte an den führenden Stadtrivalen Atlético herangerückt und können mit einem Sieg am Tabellenzweiten FC Barcelona vorbeiziehen.