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Gregor Kobel steht heute erstmals im Nati-Tor – wer ist der Nachfolger von Yann Sommer?

Um 20:45 Uhr testen die Schweizer Fussballer gegen Griechenland. Der neue Nationaltrainer Murat Yakin sorgt für eine Premiere auf der Torhüterposition. Im Mittelpunkt: Dortmund-Goalie Gregor Kobel. Ein Porträt.

Etienne Wuillemin
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Auf zur neuen Herausforderung: Gregor Kobel start mit Borussia Dortmund am Samstag in die Bundesliga Saison.

Auf zur neuen Herausforderung: Gregor Kobel start mit Borussia Dortmund am Samstag in die Bundesliga Saison.

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Die grösste Aufmerksamkeit heute Abend bei diesem Testspiel der Schweizer Nati gegen Griechenland gehört Murat Yakin. Klar, schliesslich hat der Nachfolger von Vladimir Petkovic seinen ersten Auftritt als Nationaltrainer.

Doch in Basel kommt es um 20:45 Uhr zu einer weiteren Premiere, die nicht ganz uninteressant ist. Im Tor der Nationalmannschaft steht nämlich erstmals Gregor Kobel. Seit dieser Saison spielt der 23-Jährige bei Borussia Dortmund, 15 Millionen Euro hat Dortmund für den Schweizer Torhüter nach Stuttgart überwiesen.

Das ist viel Geld, gerade während der Pandemie. Und zeigt, wie gross die Hoffnungen sind, die der 23-Jährige nun schultert. Die Zuversicht in der Stadt ist gross. Und die Erwartungen an Kobel nicht kleiner. Er soll einen gewichtigen Teil dazu beitragen, den Abstand auf das zuletzt übermächtige Bayern München zu verringern. Oder im besten Fall: Titel zu gewinnen.

Bald ein Konkurrenz-Kampf im Nati-Tor? Yann Sommer und sein möglicher Nachfolger Gregor Kobel im Training vom Montag.

Bald ein Konkurrenz-Kampf im Nati-Tor? Yann Sommer und sein möglicher Nachfolger Gregor Kobel im Training vom Montag.

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Der Saisonstart mit Dortmund ist ihm geglückt. Er ist die Nummer eins, vor Marwin Hitz und Roman Bürki. Und er hat auf Anhieb überzeugt. Zwar musste er durchaus schon das eine oder andere Gegentor einstecken - aber Kobel wusste zu gefallen mit seiner Ausstrahlung, mit seinem guten Coaching der Mitspieler, mit seinen Qualitäten am Fuss. Am Wochenende schliesslich stoppt er beim 3:2-Sieg seines BVB gegen Hoffenheim zweimal einen Stürmer, der alleine auf ihn zulief. Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc sagte hinterher:

«Von aussen hat man vielleicht zum ersten Mal gesehen, warum wir ihn geholt haben. Aber er tut uns schon die ganze Zeit sehr gut.» Das ist ein schönes Lob.

Und nun darf Kobel gegen Griechenland also zum ersten Mal im Nati-Dress auflaufen. Der neue Nationaltrainer Murat Yakin will nicht gleich einen offen Kampf auf der Goalie-Position ausrufen, Yann Sommer ist weiterhin die Nummer 1 und wird gegen Italien am Sonntag im Tor stehen. Aber Yakin sagt:

«Wir haben eine spannende und interessante Ausgangslage, Gregor ist ehrgeizig und macht Druck.»

Die EM erlebte Kobel noch in der Rolle des Ergänzungsspielers. Nach dem Vorbereitungscamp in der Schweiz reiste er bereits wieder ab, stiess nach dem ersten Gruppenspiel dann aber doch wieder dazu, weil sich Jonas Omlin verletzte. Nun strebt er nach Höherem.

Die Nati hatte für ihn schon immer einen grossen Stellenwert. Seine Augen leuchten, als er die Episode erzählt: «Erinnern Sie sich an die WM 2006? Da spielte die Schweiz in Dortmund gegen Togo. Das Stadion war voll, alle Fans in Rot gekleidet. Einer davon war ich. Die Atmosphäre war elektrisierend – das habe ich so seither nie mehr erlebt.» Neun Jahre jung war Kobel damals beim 2:0 der Schweiz gegen Togo.

Ein Vertrag für fünf Jahre – und weiterhin drei Schweizer Torhüter beim BVB

In Dortmund hat Kobel gleich für fünf Jahre unterschrieben. Der Vertrauensvorschuss, den er in Dortmund geniesst, ist immens. Stefan Effenberg, in Deutschland noch immer eine Fussball-Legende, meldete vor Saisonstart:

«Ich bin geneigt, zu sagen, Gregor Kobel wird die nächste grosse Nummer nach Manuel Neuer.»

Nicht ganz so euphorisch, aber doch ziemlich überzeugt, tönt es bei BVB-Sport-Direktor Zorc. Er lobte Kobel für «Ehrgeiz», «Zielstrebigkeit» und «Konstanz». Gerade letzteres zeichnete Kobels Vorgänger im BVB-Tor, Roman Bürki, nie aus. Darum entschied sich der Klub, zu handeln.

Weil Bürki sich gegen einen leihweisen Transfer zum FC Basel entschied, wird die Konstellation mit drei Schweizer Torhütern in Dortmund zumindest bis im Winter bestehen bleiben.

Ein Bild mit Symbolcharakter: Roman Bürki verlässt das Spielfeld, Gregor Kobel ist die neue Nummer 1 im Dortmunder Tor.

Ein Bild mit Symbolcharakter: Roman Bürki verlässt das Spielfeld, Gregor Kobel ist die neue Nummer 1 im Dortmunder Tor.

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Wer aber ist Kobel? Der Mann, der mit 23 Jahren in Deutschland bereits so nachhaltig Spuren hinterlassen hat, dass es nur eine Frage der Zeit scheint, bis er Yann Sommer im Tor der Schweizer Nati ersetzt?

Gregor Kobels Karriere beginnt im Nachwuchs der Grasshoppers. Schnell einmal gelangt er zur Erkenntnis, dass die Perspektiven zu wenig gut sind. Mit 16 Jahren trifft er darum eine wegweisende Entscheidung. Er bricht das Gymnasium ab und zieht alleine nach Deutschland.

In der Akademie von Hoffenheim sind die Bedingungen so, wie er sich das vorstellt. Es ist der erste Schritt einer von langer Hand geplanten Karriere. Es ist dabei sicher kein Nachteil, dass Kobels Vater, Peter, über einige Erfahrung als Profisportler verfügt. Er war Eishockeyspieler, spielte viele Jahre in der NLA bei Davos und dem ZSC.

Die erste Erfahrung: Abstiegskampf mit Augsburg

Patrick Folletti ist Goalie-Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Er sagte einmal: «Gregor war schon in jungen Jahren extrem fokussiert – für einen 12-Jährigen damals vielleicht zu ehrgeizig.» Und weiter: «Ich würde nicht jedem 16-Jährigen empfehlen, so früh ins Ausland zu wechseln – aber in Gregors Fall ist es super aufgegangen, weil Hoffenheim einen klaren Plan mit ihm entwickelt hatte.»

Um den Durchbruch zu hoffen, muss Kobel allerdings weiterziehen. Der erste grosse Schritt vollzieht er anfangs 2018. Er lässt sich von Hoffenheim nach Augsburg ausleihen. Erhält dort erstmals die Gelegenheit, in der Bundesliga regelmässig zu spielen – mitten im Abstiegskampf. Kobels Berater, Philipp Degen, erinnert sich am Telefon: «Er hat das bravourös gemeistert.»

Die nächste Station: Aufstieg mit Stuttgart

Im Sommer 2018 geht die Reise weiter. Nach Stuttgart, in die 2. Bundesliga. Was auf den ersten Blick überraschend wirkt, ist nicht Zufall, sondern ebenfalls Teil des Karriereplans. Stuttgart ist aus der Bundesliga abgestiegen, der Verein strebt mit aller Macht den sofortigen Wiederaufstieg an. «Nach dem Abstiegskampf konnte Gregor nun erleben, wie es ist, immer gewinnen zu müssen. Auch das hat er bravourös gemeistert», sagt Degen.

Der Aufstieg gelingt. Mehr noch. In der Saison darauf gehören die Stuttgarter zu den positiven Überraschungen der Bundesliga, erreichen auf Anhieb Platz 9. Auch Kobel trägt massgeblich dazu bei, es gelingt ihm erneut eine herausragende Saison.

Das Ziel: So stabil sein, dass er Rückschläge übersteht

Was zeichnet Kobel aus? Philipp Degen sagt: «Die Kunst in der heutigen Zeit als Fussballprofi ist es, Talent und Mentalität zu vereinen. Sonst wirst du früher oder später überholt. Darum haben wir uns gefragt: Wie bekommen wir es hin, dass Kobel lernt, mit Drucksituationen umzugehen. Und dass er im Kopf so stabil ist, dass er Rückschläge verarbeiten kann.»

Und nun also Dortmund. Im Idealfall haben ihn die Stationen in Augsburg und Stuttgart gut vorbereitet auf die nun wartende grosse Herausforderung.

Noch ist er erst in der Rolle des Ersatztorhüters: Gregor Kobel tröstet seine Mitspieler nach dem Aus im EM-Viertelfinal gegen Spanien.

Noch ist er erst in der Rolle des Ersatztorhüters: Gregor Kobel tröstet seine Mitspieler nach dem Aus im EM-Viertelfinal gegen Spanien.

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Was gibt Degen die Gewissheit, dass sich Kobel durchsetzt? «Dass er ein guter Torhüter ist, hat er längst bewiesen. Und es ist klar, dass jeder Profi immer auf Bewährung ist. Gregor hat früh gelernt, sich alleine durchzukämpfen. Er hat Schritt für Schritt genommen. Er ist überzeugt von sich – aber immer demütig. Das wird ihm helfen in Dortmund.»

Degen selbst weiss, wie es ist, in Dortmund zu spielen. Er war zwischen 2005 und 2008 ebenfalls ein Borusse. Und natürlich auch Nati-Verteidiger, er stand bei jenem Spiel der Schweiz gegen Togo auf dem Feld. Stammtorhüter in der Nati, es ist das erklärte Ziel für Gregor Kobel. Der erste Schritt auf dem Weg dazu folgt heute Abend gegen Griechenland.

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