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Epochale Krise bei Juventus Turin: Nicht mal Trainer Allegri glaubt noch an den Titelgewinn

Vier Niederlagen aus elf Spielen bedeuten für den italienischen Rekordmeister den schlechtesten Saisonstart seit Jahren. Trainer Massimiliano Allegri sitzt trotzdem fest im Sattel.

Lukas Plaschy, Rom
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Selbst der frühere Erfolgstrainer Massimiliano Allegri bringt Juventus Turin nicht in die Erfolgsspur.

Selbst der frühere Erfolgstrainer Massimiliano Allegri bringt Juventus Turin nicht in die Erfolgsspur.

Emanuele Pennacchio / EPA

Was haben Empoli, Sassuolo und Hellas Verona gemeinsam? Sie gehören im italienischen Fussball zu den so genannten «Provinciali». Vereine aus der Provinz, welche meist im unteren Teil des Klassements anzutreffen sind. Aktuell verbindet sie noch etwas anderes. Alle drei besiegten in dieser Saison schon Juventus Turin.

Mit 15 Punkten nach 11 Runden liegt die «Vecchia Signora» momentan auf dem neunten Platz, und damit im Niemandsland der Serie-A. Die ex-aequo an der Tabellenspitze stehenden Napoli und Milan sind bereits 16 Zähler entrückt. Selbst Trainer Massimilano Allegri muss eingestehen, dass die Juve frühzeitig aus dem Titelrennen ist. «Ich denke, das war es wohl für die Meisterschaft».

Nun gilt es die Reihen zu schliessen und zu retten, was noch zu retten ist. Vor dem wichtigen Champions-League-Gruppenspiel gegen Zenit Sankt Petersburg von heute Dienstag hat sich die Mannschaft deshalb ins clubeigene «J Hotel» zurückgezogen und bleibt dort voraussichtlich bis zum samstäglichen Heimspiel gegen die Fiorentina. «Ritiro», das Einrücken in eine Art Trainingslager, nennt sich diese in Italien meist von feurigen Clubpräsidenten wie etwa Lazio Roms Claudio Lotito praktizierte Strafmassnahme. Für die «Alte Dame» aus dem aristokratisch-unterkühlten Turin mutet dieser Schritt eher ungewöhnlich an.

Leithammel Giorgio Chellini (rechts) und seine harte Kritik an der Juve-Ausgabe 2021.

Leithammel Giorgio Chellini (rechts) und seine harte Kritik an der Juve-Ausgabe 2021.

Filippo Venezia / EPA

Chiellini: «Wir sind kein Team»

Ob die paar Tage in Klausur ausreichen, um den Schwung wieder zu finden bleibt indes fraglich. Die Probleme bei den Bianconeri sind vielschichtig. Das Kader scheint suboptimal zusammengestellt und tritt auf dem Platz selten als Einheit auf. Bezeichnend als anfangs Saison der verletzte Captain Giorgio Chiellini auf der Bank seinem Coach zuflüsterte, man sei «kein Team».

Im Mittelfeld tummeln sich zu viele ähnliche Spielertypen ohne zündende Ideen. Schmerzlich vermissen die Tifosi einen genialen Regisseur à la Pirlo oder Pjanic. Aber auch designierte Leithammel wie Abwehrrecke Leonardo Bonucci oder Stürmer Alvaro Morata lassen in den spielentscheidenden Phasen Führungsqualitäten vermissen. Vermeintliche Stars wie der Schwede Dejan Kulusevski, der Brasilianer Arthur oder der zurückgeholte Moise Kean haben ihre «Juve-Tauglichkeit» (bisher) nicht bewiesen.

Allegri sprach nach der jüngsten Niederlage in Verona davon, dass seine Spieler «überheblich und selbstgerecht» in die Partie gegangen seien. Während seiner ersten Amtszeit zwischen 2014 und 2019 hatte der Coach mit Juventus fünf Meistertitel und vier Cupsiege gefeiert und stand zudem zweimal im Finale der Champions-League. Gegen die vermeintlich kleinen Teams mit dem Auge des Tigers anzutreten, war eines der Hauptmerkmale der damaligen Juve-Ausgabe gewesen.

Agnellis Paradigmenwechsel

Mitschuld an der aktuellen Misere des 36-fachen italienischen Meisters trägt aber auch die Vereinsführung unter Präsident Andrea Agnelli. Der Neffe des legendären Fiat-Bosses Gianni Agnelli wollte 2018 einen Paradigmenwechsel einleiten.

Juve, jahrelang der Inbegriff von Rationalität und Pragmatismus sollte nach dem Willen des Mehrheitsaktionärs nun für Champagnerfussball und Spektakel stehen. Dafür holte man den damals 33-jährigen Cristiano Ronaldo für 117 Millionen Euro von Real Madrid. Der Portugiese sollte Glamour, mehr Präsenz in den sozialen Medien sowie Tore für den langersehnten dritten Triumph in der Champions-League garantieren.

«Resultattrainer» Allegri musste dem «Schöngeist» Maurizio Sarri weichen, welcher wiederum nur ein Jahr später durch Trainerneuling Andrea Pirlo abgelöst wurde. Während Sarri zumindest den Scudetto gewann, schaffte Pirlo gerade noch die Champions-League-Qualifikation.

So holte man auf diese Spielzeit eiligst Allegri aus seinem zweijährigen Sabbatical zurück. Der Vierjahresvertrag über jährlich 9 Millionen Euro gibt dem 54-jährigen Toskaner viel Macht und trotz anhaltender Krise eine (vorläufige) Jobgarantie. Als Liebhaber von Pferderennen amüsierte sich Allegri in der Vergangenheit, den Journalisten zu erklären, es genüge auch im Fussball «mit einer Nasenlänge Vorsprung» zu gewinnen. Momentan liegt das schwarzweiss gestreifte Juve-Streitross aber mehrere Längen hinter der Konkurrenz zurück.

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