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Auf die Degradierung folgt die Versöhnung – Karim Benzema will wieder für positive Schlagzeilen sorgen

Der Stürmer ist nach bald sechs Jahren wieder zurück im Kader. Nach einer Erpressungs-Affäre lange Zeit Persona non Grata, soll Karim Benzema EM-Favorit Frankreich zum Titel schiessen. Ihm droht jedoch juristischer Ärger, im Oktober steht er vor Gericht.

Philipp Zurfluh
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Karim BENZEMA of France during the international team friendly match between France and Wales at Allianz Riviera on June 2, 2021 in Nice, France. (Photo by Baptiste Fernandez/Icon Sport via Getty Images)

Karim BENZEMA of France during the international team friendly match between France and Wales at Allianz Riviera on June 2, 2021 in Nice, France. (Photo by Baptiste Fernandez/Icon Sport via Getty Images)

Baptiste Fernandez / Icon Sport

Es war eine Nachricht, die alle Fussball-Experten überraschte und in den französischen Medien für Zehntausende Reaktionen und kontroverse Diskussionen sorgte. Die Rückkehr von Karim Benzema in die französische Nationalmannschaft. Letztmals hatte er im Oktober 2015 für die «Equipe Tricolore» gespielt. Auf den sozialen Medien geistert ein Video herum, auf dem zu sehen ist, wie Kinder und Jugendliche auf einem Fussballplatz die Bekanntgabe des EM-Kaders von Trainer Didier Deschamps verfolgen, und beim Namen von Benzema in Jubelstürme verfallen.

Doch die Nomination des 33-Jährigen von Real Madrid löst eben nicht nur Begeisterung aus, sondern ruft viele Kritiker auf den Plan. Die Bandbreite der negativen Äusserungen der Fans reichen von Unverständnis bis Entrüstung, obwohl die Mehrheit des französischen Volkes hinter Benzemas Reaktivierung steht. Dass die Personalie hohe Wellen schlägt, fusst auf dessen unrühmlicher Vergangenheit bei «Les Bleus».

Als Europameister ins Gefängnis?

Zur Erinnerung: Im Oktober 2015 hatten Bekannte von Benzema Ex-Nationalspieler Mathieu Valbuena mit einem Sexvideo erpresst. Die Aufnahme zeigte Valbuena beim Sex mit einer Unbekannten – nicht seiner offiziellen Freundin. Benzema soll seinem ehemaligen Kollegen von der Existenz des Videos berichtet und Druck ausgeübt haben, das geforderte «Schweigegeld» von 150'000 Euro zu zahlen, damit das pikante Video nicht an die Öffentlichkeit gelangt. So lautete zumindest der Vorwurf von Valbuena. Benzema suchte das Gespräch mit ihm. Die Polizei hatte bereits Ermittlungen aufgenommen, die Unterhaltung mitgeschnitten.

Einem französischen TV-Sender lagen Mitschnitte des Telefonats vor. Laut des Transkripts überliess Benzema zwar Valbuena die Entscheidung, riet ihm aber, die Veröffentlichung des Videos zu verhindern, und warnte:

«Hör zu, Alter, nichts mit irgendwelchen Vermittlern, Anwälten, Freunden, Beratern oder der Polizei. Wenn das Video weg soll, wird dich mein Freund in Lyon besuchen. Du klärst das direkt mit ihm.»

Was Benzema als Ratschlag gemeint haben will, Valbuena solle zahlen, verstand die Staatsanwaltschaft als Drohung. Unter der Anklage von Komplizenschaft läuft bis heute ein Gerichtsverfahren gegen Benzema und seine mutmasslichen Komplizen. Der Vorwurf: Beihilfe zu einem Erpressungsversuch. Der Prozess ist auf den 20. Oktober angesetzt. Benzema droht nicht nur eine hohe Geldbusse, sondern eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren. Der Stürmer bekräftigte stets seine Unschuld. Er bezeichnet den bevorstehenden Prozess als «Farce». Es könnte zur absurden Situation kommen, dass der Stürmer die Franzosen zum EM-Titel schiesst, und Monate später ins Gefängnis muss.

Benzema erhebt schwere Rassismus-Vorwürfe

Deschamps, seit 2012 Trainer der «Equipe Tricolore», hat den Angreifer seit diesem Vorfall nicht mehr berücksichtigt. Der stolze und introvertierte Profi mit algerischem Hintergrund beschuldigte Deschamps «einem rassistischen Teil Frankreichs» nachgegeben zu haben. Diese Aussage hatte den charismatischen und beliebten Trainer tief verletzt und wurde in Frankreich zu einem Politikum. Deschamps’ Haus wurde mit «Rassist» beschmiert. Deschamps, Captain des Weltmeister-Teams von 1998, betonte stets, dass jeder Spieler, unabhängig dessen Herkunft und Glaube, willkommen sei.

Benzemas überragende fussballerische Qualitäten sind unbestritten und ein Gewinn für den Weltmeister. Bei den «Königlichen» hat der spiel- und kopfballstarke Stürmer in dieser Saison 30 Treffer in 46 Einsätzen erzielt. Es ist die Klasse des vierfachen Champions-League-Siegers, auf die Deschamps schliesslich nicht verzichten konnte und wollte. Der Mannschaftsrat um Captain Hugo Lloris, Raphaël Varane und N’Golo Kanté soll sich ebenfalls für eine Rückkehr des 33-Jährigen ausgesprochen haben. Deschamps und der wuchtige, aber gleichzeitig filigrane Techniker, haben sich lange unterhalten und ausgesprochen. Und während Noël le Graët, Präsident des französischen Fussballverbands, einst noch sagte: «Wir brauchen ihn nicht mehr», feiert er nun Benzemas Heimkehr als «exzellente Entscheidung.»

Mit den Sturmpartnern Antoine Griezmann und Kylian Mbappé bildet Benzema das beste Offensivgespann an der EM. Währen seiner Karriere mehrmals mit den Polizei- und Justizbehörden in Konflikt geraten, will der Franzose nun mit Toren und positiven Schlagzeilen auf sich aufmerksam machen.

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