Selbst der grosse, mächtige SCB ist nur so gut wie sein Torhüter. Das ist eine Erkenntnis aus dem gestrigen Spiel. Der bessere letzte Mann hat diese erste Partie gewonnen. Für einmal war Leonardo Genoni ein Lottergoalie.

Er ist in zwei Schritten zum gewöhnlichen Torhüter gemacht worden. Zuerst hat er zwei Direktduelle gegen Fredrik Pettersson verloren. Zweimal läuft der bissige Zauberschwede alleine auf ihn zu und versenkt die Scheibe. Zum 1:1 und zum 1:2. Nun trifft den Torhüter keine Schuld, wenn er so alleingelassen wird.

Aber grosse, charismatische Torhüter gewinnen sehr oft dieses einsamen Duelle Mann gegen Mann. Dass Leonardo Genoni zweimal vom gleichen Stürmer überlistet wird, ist ungewöhnlich und wer es so will, konnte gestern darin bereits ein Zeichen eines heraufziehenden Unheils erkennen.

Und tatsächlich rutscht dem mehrfachen Meistergoalie im letzten Drittel bei nummerischer Überlegenheit seiner Mannschaft (!) die Scheibe zum Siegestreffer ins Netz – es ist das bisher wohl fatalste Tor, das er in Bern kassiert hat.

Aber Eishockey ist ein Mannschaftsport. Und eine grosse, mächtige Hockeymaschine wie der SCB sollte eigentlich dazu in der Lage sein, in einem Spiel vor eigenem Publikum – dem grössten Europas – mehr als zwei Treffer zu produzierten. Es wäre also arg polemisch und billig, Leonardo Genoni die Schuld für diese Niederlage in die Schoner zu schieben.

Tiefe Gründe für die Niederlage

Auf den ersten Blick mag ein Torhüterfehler der Grund für den Fehlstart in dieses Halbfinale sein. Auf den zweiten Blick wird allerdings schnell klar, dass die Niederlage tiefere Gründe hat. Die Berner spielen nach wie vor kein Playoff-Hockey. Im Viertelfinale hatten sie das Servettes Operettenteam eliminiert und gestern sassen sie noch immer in der Hockey-Oper.

Aber es wurde nicht mehr Operettenhockey gespielt. Um beim Musik-Vergleich zu bleiben: Statt in der Hockey-Oper musste der Meister gestern bei einem Hockey-Hardrock-Konzert auftreten – und merkte es nicht. Die Berner sind spielerisch klar besser.

Sie laufen schneller – was bei Bernern an und für sich bemerkenswert ist – und sie lassen die Scheibe schneller laufen. Wer mit dem Bären offen tanzt, ist verloren. Wer aber dem Bären auf den Füssen herumsteht, wer ihm keinen Raum lässt um sich im Walzertakt zu drehen, der die Räume eng macht hat eine gute Chance.

Hockeytechnisch erklärt: der SCB ist nur mit bissiger, hartnäckiger Störarbeit (Fachsprache: Forechecking) zu besiegen. Die Verteidiger schon beim Spielaufbau unter Druck setzen. Verhindern, dass die grosse, mächtige SCB-Maschine in Fahrt kommt. Störarbeit im Maschinenraum.

Und dann, wenn sich die Gelegenheit bietet, blitzschnelle Nagelstiche anbringen. Genau das haben die Zürcher getan. Es ist ihnen nicht gelungen, den SCB spielerisch zu bezwingen. Mit schöneren Spielzügen. Es ist ihnen nur gelungen, den SCB am entfalten seines überlegenen Potenzials zu hindern und mit drei Nadelstichen drei Treffer zu erzielen.

SCB bleibt Favorit

Sind nun die ZSC Lions Final-Favoriten? Nein, sind sie nicht. Ihre Spielweise ist nämlich enorm kräfteraubend. Zwischenzeitlich drohte ihnen bereit gestern der Schnauf auszugehen und sie gerieten im Mitteldrittel arg in Rücklage. Damit zeichnet sich ab: dieses Halbfinale wird ein «Sauerstoff-Halbfinale».

Die alles entscheidende Frage wird sein, ob die ZSC Lions die Energie haben um notfalls über sieben Spiele mit der gleichen Leidenschaft, Hartnäckigkeit, mit dem gleichen Mut und der gleichen Energie zu werke zu gehen wie gestern.

Und was immer noch für den SCB spricht: Erstens: Leonardo Genoni ist und bleibt ein grosser Torhüter. Noch einmal wird er sich nicht dreimal so erwischen lassen wie gestern. Um zum Abschluss noch einmal polemisch zu werden: gegen einen SC Bern mit einem Leonardo Genoni in Hochform hätten die ZSC Lions gestern nicht gewonnen.

Zweitens: Kari Jalonen ist ein grosser Trainer. Er wird es wohl nun doch schaffen, seinen Jungs beizubringen, dass die Playoffs begonnen haben. Gelingt ihm das nicht, schrumpft er zum normalen Trainer.