Leichtathletik

Für die Schweizer Leichtathleten kommt es im Sommer zu einem Tanz auf zwei Hochzeiten

Bereit zum Start in die Saison: Die Schweizer Leichtathleten Mujinga Kambundji, Kariem Hussein, Noemi Zbären und Selina Büchel.

Bereit zum Start in die Saison: Die Schweizer Leichtathleten Mujinga Kambundji, Kariem Hussein, Noemi Zbären und Selina Büchel.

Die Schweizer Leichtathleten rund um Kariem Hussein und Mujinga Kambundji sind startklar für eine wichtige Saison mit Europameisterschaften und Olympischen Spielen.

Hussein ist wieder im Lot

«Ich bin auf Kurs», sagt Kariem Hussein. Der Hürden-Europameister ist eben aus dem Trainingslager in der Türkei zurückgekehrt, wo er bei besten Bedingungen und ohne Beschwerden an seinem Formaufbau arbeiten konnte. Das ist nicht selbstverständlich: Im Winter kämpfte der 27-jährige Thurgauer mit einer hartnäckigen Reizung der Patella-Sehne, die ihm bereits in der vergangenen Saison zu schaffen gemacht hatte. «Der Grat zwischen Belastung und Überbelastung ist schmal», sagt er. «Wenn man nicht ganz im Lot ist und etwas zu stark forciert, beginnt man das an irgendeiner Körperstelle zu spüren.»

Kariem Hussein im Anflug.

Kariem Hussein im Anflug.

Inzwischen ist Hussein wieder im Lot – und hat die Knieprobleme überwunden. Im März hat der Medizinstudent sein vorläufig letztes Spitalpraktikum beendet und kann sich nun bis im September ganz auf die Leichtathletik konzentrieren. Was sich vor allem in zusätzlicher Erholungszeit niederschlägt. «Jetzt ist alles auf den Sport ausgerichtet», sagt er. «In der Vergangenheit habe ich oft um das Studium herum geplant, nun ist es umgekehrt.»

Zu einem Tanz auf zwei Hochzeiten kommt es bei Hussein in diesem Sommer gleichwohl. Mit den Europameisterschaften von Anfang Juli in Amsterdam und den Olympischen Spielen von Mitte August in Rio weist die Saison mehr als einen Höhepunkt auf. «Das ist vor allem mental eine grosse Herausforderung», sagt er. «Aber ich nehme diese gern an und freue mich darauf.»

Eher Jäger als Gejagter

In Amsterdam wird der 400-m-Hürdenläufer nach seinem Goldlauf von 2014 im Zürcher Letzigrund als Titelverteidiger an den Start gehen. Als Gejagter sieht sich Hussein trotzdem nicht. «Ich fühle mich eher wieder als Jäger», sagt er und verweist auf die Bestenliste des vergangenen Jahres. Mit seiner Zeit von 48,45 Sekunden, gelaufen an den Schweizer Meisterschaften in Zug, taucht er dort im globalen Vergleich an 11. Stelle auf – und nicht mehr als erster Europäer wie im Jahr zuvor, sondern als drittbester.

Der Goldlauf über 400m-Hürden von Kariem Hussein an der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich

Der Goldlauf über 400m-Hürden von Kariem Hussein an der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich

Auch wenn die Karten in dieser Saison wieder neu gemischt werden: Das Ranking macht deutlich, dass Hussein an den beiden Titelkämpfen unterschiedliche Rollen spielen wird. In Amsterdam wird er zu den Favoriten gehören, in Rio zu den Aussenseitern unter den Medaillenkandidaten. Wie rasch sich die Hierarchie in seiner anspruchsvollen Disziplin ändern kann, hat der Ostschweizer allerdings an der WM in Peking erlebt: Dort scheiterten die Jahresschnellsten bereits in den Vorläufen, bevor im Halbfinal auch für Hussein Endstation war. Das Credo des Europameisters ist daher dasselbe wie vor seinem Titelgewinn in Zürich: «Das Schwierigste ist, in den Final zu kommen. Wenn man einmal dort ist, ist alles möglich.»

Wenn Husseins Plan aufgeht, sollte er in dieser Saison deutlich schneller laufen können als noch 2014. Vor allem auf die Verbesserung seiner Grundschnelligkeit hat er mit seinem Coach Flavio Zberg einen besonderen Fokus gelegt. Zudem hat sich Hussein inzwischen an die bereits im vorletzten Winter mit Krafttraining dazugewonnene Muskelmasse gewöhnt. «Ich habe jetzt wieder ein besseres Körpergefühl», sagt der Hürdenläufer, der am Pfingstsamstag in Zofingen in die Wettkampfsaison startet und sich am 28. Mai beim Diamond-League-Meeting in Eugene (USA) dem ersten internationalen Vergleich stellt. Dies im Wissen darum, dass auch die Konkurrenz im Winter nicht geschlafen hat. «Es werden alle stärker sein als in der letzten Saison.»

Kambundji ohne den Staffel-Ärger

Mujinga Kambundji kehrt der Schweizer Staffel 2016 den Rücken.

Mujinga Kambundji kehrt der Schweizer Staffel 2016 den Rücken.

Die schnellste Schweizer Sprinterin ist bereits fulminant in die Saison gestartet – mit der Ankündigung, sich vorläufig aus der 4×100-m-Staffel zurückzuziehen. Wegen Differenzen mit Staffelcoach Laurent Meuwly konzentriert sich Mujinga Kambundji heuer auf ihre Einzeleinsätze. «So kann ich Energie sparen und muss mich nicht mehr ärgern», sagt die Schweizer Rekordhalterin über 100 m und 200 m, die eine Rückkehr zur Staffel in Zukunft nicht ausschliesst. Die 23-jährige Bernerin blickt auf eine gelungene Vorbereitung zurück, obwohl sie in der Hallensaison unter den Erwartungen blieb. «Mir hat wohl ein Grossanlass gefehlt», sagt Kambundji, die dafür bekannt ist, an den Meisterschaften zur Bestform aufzulaufen. Dazu bekommt sie nun im Sommer mit EM und Olympia umso mehr Gelegenheit. Kambundji ist vor allem bei der EM in Amsterdam eine Final- und Medaillenkandidatin. Ihre Trainingsbasis hat sie nach wie vor in Mannheim bei Valerij Bauer, der auch als deutscher Nationalcoach fungiert – eine Konstellation, die nicht überall gern gesehen wird, seit Kambundji den Einheimischen den Rang abläuft. Dabei scheint ihre Entwicklung nicht abgeschlossen. «Ich will noch schneller werden», sagt sie.

Zbären mit Verspätung

Seit Mitte Februar schlägt sich die die U23-Europameisterin und WM-Sechste von 2015 mit gesundheitlichen Beschwerden herum.

Seit Mitte Februar schlägt sich die die U23-Europameisterin und WM-Sechste von 2015 mit gesundheitlichen Beschwerden herum.

Der Wettkampf muss noch warten: Hürdensprinterin Noemi Zbären hat ihren Saisonstart um rund einen Monat verschoben – auf Anfang Juni. Seit Mitte Februar schlägt sich die die U23-Europameisterin und WM-Sechste von 2015 mit gesundheitlichen Beschwerden herum. Sehnenentzündungen in beiden hinteren Oberschenkeln zwangen Zbären nicht nur zum Verzicht auf die Hallen-WM, sondern auch zu alternativem Training. Die 22-jährige Emmentalerin machte aus der Not eine Tugend und setzte in der Saisonvorbereitung einen stärkeren Akzent auf den Flachsprint. Inzwischen sind auch Sprünge über (noch tiefere) Hürden wieder möglich. Nach einem Trainingslager Mitte April in Spanien zeigt sich Zbären jedenfalls zuversichtlich: «Ich konnte wieder mehr trainieren als erwartet.» Ihre Arbeitsbelastung im Studium hat die angehende Mikrobiologin dagegen auf rund 50 Prozent reduziert – wenig für ihre Verhältnisse. Wenn Zbären die gesundheitlichen Probleme hinter sich lassen kann, wird sie sowohl an den Europameisterschaften als auch bei den Olympischen Spielen eine Kandidatin für den Final sein. Dabei plant sie Schritt für Schritt: «Zuerst steht die EM im Vordergrund», sagt sie.

Büchel neu als Vollprofi

Selina Büchel setzt nun ganz auf den Sport.

Selina Büchel setzt nun ganz auf den Sport.

Selina Büchel setzt nun ganz auf den Sport: Die Schweizer Rekordhalterin über 800 m hat ihre 20-Prozent-Anstellung als Raumplanungszeichnerin per Ende April aufgegeben. «Ich erhoffe mir nun mehr Zeit für die Erholung», sagt die 24-jährige Toggenburgerin. Ansonsten verfolgt die amtierende Hallen-Europameisterin ihren Weg wie bis anhin. Zwar ist sie im November von Mosnang nach Wil SG umgezogen, ihrer Trainingsgruppe beim Dorfverein KTV Bütschwil bleibt sie aber auch nach ihrem Aufstieg zur Weltspitze treu. «In diesem Umfeld ist es mir wohl», sagt Büchel, die am kommenden Sonntag beim Läufermeeting im deutschen Pliezhausen mit einem Rennen über 600 m in die Wettkampfsaison einsteigen will. Dass sie ihre Form auf zwei Saisonhöhepunkte ausrichten kann, hat sie im letzten Jahr bewiesen, als sie nach ihrem Schweizer Rekord von Anfang Juli in Paris an der WM in Peking nochmals stark auftrumpfte – obwohl ihre Taktik im Halbfinal nicht ganz aufging. Dennoch hat Büchel für diesen Sommer klare Prioritäten gesetzt. Obwohl sie sich an der EM bessere Medaillenchancen ausrechnen darf, heisst das Hauptziel Rio: «Olympische Spiele sind das Grösste, was man als Athletin erleben kann.»

Über den EM-Halbmarathon zum Olympiamarathon

Maja Neuenschwander gilt als Schweizer Marathon-Hoffnung.

Maja Neuenschwander gilt als Schweizer Marathon-Hoffnung.

Mit Maja Neuenschwander und Tadesse Abraham planen auch die beiden Schweizer Marathon-Rekordhalter einen Doppelstart an den Europameisterschaften in Amsterdam (6.–10. Juli) und den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro (5.–21. August). Für sie geht es allerdings nicht beide Male über die volle Distanz. Weil sich so kurz nacheinander nicht zweimal eine sinnvolle Marathonvorbereitung absolvieren lässt, figuriert an den kontinentalen Titelkämpfen stattdessen ein Halbmarathon im Programm. Bereits in der Hallensaison hat Stabhochspringerin Nicole Büchler ihre Ambitionen auf Top-Klassierungen bei den grossen Meisterschaften angemeldet – mit mehreren Schweizer Rekorden und insbesondere dem 4. Rang an der Hallen-WM in Portland. Auch Léa Sprunger hat im Winter angedeutet, dass in ihrer erst zweiten Saison nach dem Disziplinenwechsel von 200 m zu 400 m Hürden einiges von ihr zu erwarten ist. Aktuell haben 12 Schweizer Einzelathleten die Olympialimite erfüllt, dazu hat sich die Sprintstaffel der Frauen einen Startplatz in Rio gesichert. Die Selektionsperiode dauert noch bis am 11. Juli.

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