French Open
Roger Federer droht mit Liebesentzug – seine Ankündigung, womöglich nicht zum Achtelfinal anzutreten, sorgt für Zündstoff

Roger Federer erwägt einen Verzicht auf die Achtelfinals der French Open, die für ihn den Stellenwert eines Vorbereitungsturniers auf die Rasensaison mit Wimbledon haben. Diese Offenheit wird ihm dieser Tage in Frankreich womöglich noch um die Ohren fliegen.

Simon Häring
Drucken
Teilen
Roger Federer wird im Sommer der Wahrheit wohl Entscheidungen treffen müssen, die ihm nicht nur Sympathien einbringen.

Roger Federer wird im Sommer der Wahrheit wohl Entscheidungen treffen müssen, die ihm nicht nur Sympathien einbringen.

Ian Langsdon / EPA

Wie ein angezählter Boxer habe er sich gefühlt, bekannte Roger Federer um 02.00 Uhr Ortszeit in Paris, nachdem er sich nach über dreieinhalb Stunden hartem Kampf gegen den Deutschen Dominik Koepfer (25, ATP 59) für die Achtelfinals der French Open qualifiziert hatte. Obwohl der 7:6, 6:7, 7:6, 7:5-Krimi wegen der Ausgangssperre, die in Frankreich ab 21.00 Uhr in Kraft tritt, vor leeren Rängen stattfand, war es eine dieser Nächte, die Federer sentimental stimmen. Weil er weiss, dass ihm nicht mehr viele dieser Momente bleiben. Viele glauben, er spiele nicht nur in Paris, um sich für Wimbledon vorzubereiten, sondern auch, um sich zu verabschieden.

Federer vs. Koepfer: Die Higlights der dritten Runde.

Roland Garros

Sagen würde er das natürlich nie, das Brimborium, das um ihn veranstaltet würde - es wäre unerträglich, und würde ihn von dem ablenken, was ihn auf der Zielgeraden seiner Karriere antreibt: der Traum von einem letzten Triumph in Wimbledon. Daraus hat er nie ein Geheimnis gemacht.

Nach dem Erfolg gegen Koepfer sagte er: «Ich erwarte, dass dieser Kampf Spuren hinterlassen wird.» Nach den zwei Operationen am Knie und einer langen Pause habe er nicht erwartet, in Paris drei gute Spiele zeigen zu können. Interessant werde nun, wie der Körper auf die Belastung reagiere, sagte Federer. Und stellte in Aussicht, womöglich zu seinem Achtelfinal vom Montag gegen den Italiener Matteo Berrettini (29, ATP 9) anzutreten. Auch, weil er sich keine Chancen auf den Turniersieg ausrechnet. Er sagt:

«Ich muss mir die Frage stellen: Für was soll ich ein Risiko eingehen, wenn ich das nicht muss? Wichtig ist, dass ich mich selber daran erinnere, wofür ich hierher gekommen bin. Was mein Ziel ist. Und das ist nicht, die French Open zu gewinnen.»

Für die allermeisten Tennis-Spieler ist der Einzug in die Achtelfinals eines Grand-Slam-Turniers eine Glanzleistung, und diesen Auftritt zu opfern, stünde nicht zur Debatte. Doch für Roger Federer gelten bekanntlich andere Massstäbe. Bei seinem 80. Grand-Slam-Turnier steht er zum 68. Mal mindesten in der Runde der letzten 16. Und mit seinen bald 40 Jahren ist er ohnehin der älteste Spieler im Hauptfeld des Turniers. Der Körper wird ihm die Signale geben, ob er die unpopuläre Entscheidung treffen wird, nicht zum Achtelfinal anzutreten. Es wird eine Entscheidung des Kopfes. Es wäre ein Liebesentzug an Paris, und nicht der erste.

Erst das zweite Mal seit 2015 in Paris

2016 verpasste er dort erstmals seit 1999 ein Grand-Slam-Turnier, nach 68. Teilnahmen in Folge. Bei den letzten fünf Austragungen war Federer nur ein Mal dabei: 2019, als er die Halbfinals erreichte. Im letzten Jahr erholte er sich von zwei Knieoperationen. In den beiden Jahren zuvor hatte er aus freien Stücken verzichtet – weil ihm Wimbledon wichtiger war. Das hatte ihm damals auch Kritik eingebracht. Mats Wilander schrieb in der Sportzeitung «L'Equipe»: «Egal, was du für diesen Sport getan hast, du kannst nie genug tun, ihm zurückzuzahlen, was er dir gegeben hat. Roger hat eine Verantwortung gegenüber dem Sport. Diese stirbt nie.»

Federer hat von Anfang an offengelegt, dass die French Open in diesem Jahr für ihn nur den Stellenwert eines Vorbereitungsturniers haben.

Federer hat von Anfang an offengelegt, dass die French Open in diesem Jahr für ihn nur den Stellenwert eines Vorbereitungsturniers haben.

Thibault Camus / AP

Fragezeichen wegen der Familie

Nun wird Federers Ankündigung, einen Verzicht auf den Achtelfinal in Erwägung zu ziehen, heiss debattiert. Patrick McEnroe, der Bruder von John McEnroe und ein renommierter TV-Experte, sagt: «Ich mag es nicht, dass er das gleich nach dem Spiel sagt.» Weit versöhnlicher gestimmt ist diesmal Wilander. Gegenüber «Eurosport» sagte er: «Ich liebe und respektiere ihn für das, was er gemacht hat. Roger hätte das Handtuch werfen und sagen können: Wisst ihr was? Ich hatte genug Training für Wimbledon. Aber er will gewinnen, das beeindruckt mich.» Wilander sagte das aber bevor Federer davon sprach, aus dem Turnier auszusteigen.

Vielleicht spielen aber noch ganz andere Überlegungen eine Rolle. Federer wohnt in diesem Jahr im Hotel, die Familie konnte ihn nicht begleiten. In der übernächsten Woche spielt er in Halle, dazwischen bleibt ihm nur eine Woche Pause vor Wimbledon. Ob ihn die Familie dorthin wird begleiten wird können, ist noch nicht restlos geklärt. Auch das dürfte in den nächsten Stunden eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen.

Noch ist offen, ob die Familie Roger Federer wie hier 2016 nach Wimbledon wird begleiten können.

Noch ist offen, ob die Familie Roger Federer wie hier 2016 nach Wimbledon wird begleiten können.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Sicher ist: Roger Federer war noch nie ein Freund von Halbheiten. Er hat in seiner Karriere immer wieder unpopuläre Entscheidungen getroffen, kalkuliert, pragmatisch.

Er hat von Anfang an offengelegt, welchen Stellenwert die French Open in diesem Jahr für ihn haben: jenen eines Vorbereitungsturniers. Vielleicht wird man ihm das in Frankreich dieser Tage noch um die Ohren fliegen. Aber in welcher Liebesbeziehung kommt das schon nicht vor?

PS: Wie auch immer Roger Federer sich entscheiden wird, für einen in seinem Lager wird der Achtelfinal ohnehin ein Erfolg: Sein Trainer Ivan Ljubicic ist zugleich der Agent von Matteo Berrettini.

Aktuelle Nachrichten