Euro 2020 gegen Tokio 2020
EM-Fieber und Olympia-Frust: Fussballer sind erwünscht, Olympioniken werden verstossen

Die zwei ersten sportlichen Megaanlässe seit zwei Jahren stehen vor der Türe. Doch es gibt grosse Unterschiede im Empfinden für Fussball-EM und Olympische Sommerspiele. Während Europa die Stadien grosszügig öffnet, verschliessen sich die Japaner vor den Gästen aus aller Welt.

Christian Brägger und
Rainer Sommerhalder
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Während in den kommenden vier Wochen die Fussball-EM Tausende begeisterte Fans in die elf Stadien lockt, protestieren in Tokio Einheimische gegen die erwarteten 11 500 Olympischen Sportlerinnen und Sportler.

Während in den kommenden vier Wochen die Fussball-EM Tausende begeisterte Fans in die elf Stadien lockt, protestieren in Tokio Einheimische gegen die erwarteten 11 500 Olympischen Sportlerinnen und Sportler.

Keystone/AP

Man müsste meinen, es wäre umgekehrt. Mit den neuen Trenddisziplinen Streetbasket, Skateboard, Surfen, Karate und Sportklettern sprechen die Olympischen Sommerspiele vermehrt ein junges Publikum an. Doch anstatt neue Kundensegmente zu generieren, stösst der grösste Sportanlass der Welt bei den Gastgebern auf teilweise vehemente Ablehnung. Bewohner, Politiker, Ärzte, Unternehmer und Medien sagen mehr oder weniger deutlich: Kommt nicht nach Tokio.

Am anderen Ende der Euphorie-Skala steht die Fussball-EM. Dabei scheint das Konzept mit elf Spielorten über ganz Europa verteilt doch die dümmste Variante in Zeiten einer Pandemie. Man macht das, was dem Virus letztlich zum globalen Erfolg verholfen hat: man reist umher. Doch anstatt mit Skepsis reagieren die verschiedenen Veranstalter mit Tagen der offenen Tür. Für die Fussballer und ihre Fans wurden schon vor Wochen die Stadien teilweise grosszügig geöffnet.

Stimmung hier, Tristesse dort. Der grosse Vergleich der beiden Sport-Highlights des Sommers in zehn Punkten.

Wie viele Sportler, Funktionäre, Journalisten und Fans reisen an?

Euro: Gesamtzahlen sind schwierig abzuschätzen. Die Schweizer Fussballer vor Ort begleiten knapp 50 Journalisten, die Nati-Delegation selbst umfasst 26 Spieler sowie 28 Staffmitglieder. Bis am 1. Juni haben 1164 Schweizer ein Ticket für die EM-Partie gegen Wales gekauft, 2700 sind es gegen Italien, und 869 gegen die Türkei.

Olympia: Insgesamt 59 000 Personen haben eine Akkreditierung für die Olympischen Spiele. Wegen Covid hat man die ursprüngliche Zahl von 180 000 Personen drastisch gekürzt. Im Fokus stehen die rund 11 500 Sportlerinnen und Sportler aus rund 200 Ländern. Dazu kommen 10 000 Trainer, Betreuer und Funktionäre sowie 25 000 akkreditierte Journalisten. Zusätzlich stehen rund 70 000 Einheimische als freiwillige Helfer im Einsatz.

Sind ausländische Fans willkommen?

Euro: Ja, aber. In Baku zum Beispiel sind nur die ausländischen Fans jener Nationen, die dort auch spielen, willkommen – dies bei einer Stadionauslastung von 50 Prozent. Schweizer Staatsbürger mit einem Matchticket können mit einem aktuellen, negativen Covid-19-Testerergebnis und elektronischem Visum einreisen. Grundsätzlich gibt es grosse Kapazitätsunterschiede, Ungarn beispielsweise will unter strikten Einlassbeschränkungen die Puskas-Arena in Budapest ganz füllen, das wären dann über 60 000 Zuschauer.

Olympia: In Tokio sind. keine ausländischen Zuschauer zugelassen. Da in der japanischen Hauptstadt schon seit dem 25. April und noch bis zum 20. Juni wegen Corona der Ausnahmezustand herrscht, steigen die Chancen, dass letztlich gar keine oder eine nur sehr begrenzte Anzahl einheimischer Zuschauer zu den Wettkämpfen zugelassen werden. Alleine der Verzicht auf ausländische Zuschauer beschert den Organisatoren 500 Millionen Dollar Mindereinnahmen.

Wie viel Bewegungsfreiheit haben die Besucher?

Euro: Das öffentliche Leben normalisiert sich europaweit grösstenteils. In Aserbaidschan sind derzeit die Läden und Restaurants offen, mit Maskenpflicht in Innenbereichen. In allen EM-Stadien gibt es strikte Auflagen, und ein individuelles 30-Minuten-Zeitfenster, während dem man Einlass bekommt.

Olympia: Weil in Japan erst drei Prozent der Bevölkerung geimpft sind, basiert das umfassende Schutzkonzept darauf, dass keine Vermischung zwischen Teilnehmenden und Einheimischen geschieht. So ist es den Olympioniken etwa untersagt, sich in der Stadt Tokio zu bewegen oder in einem Restaurant zu essen.

Welchen Vorteil haben geimpfte Sportler und Fans?

Euro: Für Baku gibt es keinen Vorteil. Alle brauchen einen negativen Corona-Test für die Hin- wie für die Rückreise. Da die Nati in der Bubble reist, reicht für die Einreise in eine anderes Land wie Italien ein negativer PCR-Test. Aus Italien können vollständig Geimpfte und Genesene neu ohne Test und Einreiseformular zurückreisen.

Olympia: Die Organisatoren machen keinen Unterschied zwischen geimpften und nicht geimpften Teilnehmern. In den letzten 96 Stunden vor der Abreise nach Japan müssen sich alle zweimal testen lassen und in Japan ist für die Athleten ein täglicher Covid-Test vorgesehen. IOC-Präsident Thomas Bach geht davon aus, dass rund 80 Prozent der Sportler geimpft sein werden.

Wie steht es mit der Infrastruktur?

Euro: Ganz am Anfang sollte die EM in 13 Städten stattfinden, dann waren es 12, und wegen der Pandemie sind es nun noch 11: Amsterdam, Baku, Bukarest, Budapest, Kopenhagen, Glasgow, London, München, Rom, Sevilla und St.Petersburg. Stadien wurde keine neu erbaut. Die EM soll insgesamt Einnahmen in der Höhe von 2,1 Milliarden Euro generieren.

Olympia: Insgesamt gibt es 42 Wettkampfstätten, davon sind acht für einen permanenten Betrieb nach Olympia neu gebaut worden. Allein das neue Nationalstadion mit 68 000 Sitzplätzen hat beinahe 1,5 Milliarden Dollar gekostet. Die Gesamtkosten der Spiele belaufen sich auf offiziell 15,4 Milliarden Dollar. Eine staatliche Prüfung hat jedoch einen Betrag von knapp 28 Milliarden Dollar errechnet. Alleine die Verschiebung um ein Jahr wegen Corona kostete 2,8 Milliarden Dollar.

In welchen Punkten steht der Anlass in der Kritik?

Euro: Es gab Diskussionen, weil gerade die paneuropäische EM zu übermässiger Reisetätigkeit führt. Und dass die Zeit für einen solchen Grossanlass einfach noch nicht reif sei. Doch grundsätzlich hat das Turnier in mehreren Städten auch einen Vorteil, weil man wohl, falls nötig, auf andere Spielorte ausweichen könnte.

Olympia: Das Hauptproblem ist die weltweite Beteiligung. Es werden Delegationen aus rund 200 Ländern in Japan erwartet, auch aus Gegenden, in denen das Virus weiterhin grassiert. Auch die Kostenexplosion des Anlasses bereitet den Japanern Kopfzerbrechen. Doch eine Absage ist zumindest finanziell auch keine Alternative. Sie würde die Organisatoren weitere 16,5 Milliarden Dollar kosten.

Wie sehen die Einheimischen den Megaanlass?

Euro: Teile der Bevölkerung tun sich schwer damit, dass gerade der Fussball zuerst hochgefahren wird. Doch es herrscht grundsätzlich so etwas wie Aufbruchstimmung, weil sich die Lage langsam entschärft. Was man aber niemals erwarten darf: Ein Fussballfest, wie man es von vergangenen Turnieren her kannte.

Olympia: In der jüngsten repräsentativen Umfrage von «Kyodo News» sprachen sich lediglich 24,5% der Befragten dafür aus, die Spiele im Juli abzuhalten. Dabei war es eines der strategischen Ziele der Organisatoren, mit dem weltweit ausstrahlenden Sportfest der latenten Fremdenfeindlichkeit der japanischen Bevölkerung entgegenzutreten. Das Festhalten am Anlass gegen den Volkswillen ist diesem Ziel nicht förderlich. Auch 10 000 freiwillige Helfer aus Japan haben ihre Zusage wegen Corona zurückgezogen.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie?

Euro: «Die Organisation der Reisen ist viel komplizierter und komplexer als bei früheren Turnieren», sagt SFV-Medienchef Adrian Arnold. Der Verband braucht natürlich mehr finanzielle Mittel als sonst, nur schon die vielen Flüge an die Spielorte und die Hotelübernachtungen in Einzelzimmern schlagen zu Buche.

Olympia: Das Klumpenrisiko in Tokio, wo sich 339 Wettkämpfe in 33 Sportarten geografisch auf eine Agglomeration beschränken, ist viel höher als beim dezentralen Fussball-Konzept. Japan hat während der Pandemie den gleichen Weg gewählt wie andere Inselstaaten und das Land komplett abgeschottet. Bis heute sind die Grenzen für Ausländerinnen und Ausländer zu. Belohnt wurden die Japaner mit bisher tiefen Fallzahlen, wobei die aktuell dritte Welle die bislang stärkste ist. Ausgesprochen schleppend verläuft hingegen der Impfprozess. Bislang sind weniger als drei Prozent der Bevölkerung geimpft. Das Aufweichen der Politik geschlossener Grenzen, ungeimpfte Einheimische und ein träges Gesundheitssystem verstärken die Angst vor Olympia.

Welche Rolle spielen die Verbände Uefa und IOC?

Euro: Der europäische Verband trat sehr bestimmt auf mit der Forderung nach offenen Stadien. Das verwundert nicht, denn es geht natürlich auch um viel Geld. Bei der EM 2016 in Frankreich nahm sie laut eigenem Geschäftsbericht 1,9 Milliarden Euro ein, fast 400 Millionen davon fielen auf die Ticketeinnahmen. Selbstredend sind ihr Einnahmen für diese EM weggebrochen und vor allem ihre Kosten gestiegen, weshalb sie 25 bis 35 Prozent weniger Erfolgsprämien an die Teilnehmer ausschütten will. Nichtsdestotrotz erhält jeder Nation mit der erfolgreichen Qualifikation ein Antrittsgeld von 9,25 Millionen Euro.

Olympia: Die Kritik am Internationalen Olympischen Komitee, an den Spielen in Tokio festzuhalten, ist ungleich grösser als bei Uefa und Fussball-EM. Durch verschiedene Vergabe- und Korruptions-Skandale sowie den Gigantismus der Spiele wird die Organisation medial sehr kritisch beäugt. Für das IOC und zugleich auch alle olympischen Sportverbände ist die Durchführung der Sommerspiele finanziell überlebenswichtig. Gut 5 Milliarden Dollar nimmt das IOC während eines olympischen Zyklus an TV- und Marketinggelder ein – und die Sommerspiele sind dabei das unbestrittene Flaggschiff.

Wie steht die Politik zum Anlass?

Euro: München hat sich lange schwergetan, Zugeständnisse an die Uefa zu machen hinsichtlich Zuschauerkapazitäten. In Dublin und Bilbao konnten sie dieses Zugeständnis nicht einräumen – die beiden Städte fielen als Gastgeber weg. Derweil kann Russland dem Westen wieder einmal zeigen, wie gut man auch als Sportorganisator ist. Dasselbe gilt im Besonderen für Ungarns Präsident Orban.

Olympia: Die Sommerspiele haben in Japan gleich zu mehreren politischen Turbulenzen geführt. Zuerst musste der Präsident des Olympischen Komitees abdanken, da in Frankreich wegen möglicher Korruption bei der Vergabe der Spiele gegen ihn ermittelt wird. Dann erwischte es den OK-Chef von Tokio 2020. Er stolperte über sexistische Aussagen gegen Frauen. Und was das Beharren auf den Spielen für Premierminister Suga bedeutet, werden die Wahlen im Herbst zeigen.