EM-Barrage
Die Schweizer Fussballerinnen vor dem Endspiel: «Auch 2019 dachten wir, die Welt geht unter – doch die Entwicklung geht einfach immer weiter»

Heute Abend um 20 Uhr empfängt die Schweiz in Thun Tschechien zum Rückspiel in der EM-Barrage (live bei uns im Ticker und Stream). Was aber läuft gut im Schweizer Frauenfussball, wo liegen Probleme?Eine Bestandesaufnahme vor dem wegweisenden Spiel.

Etienne Wuillemin
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Klartext vom Chef: «Es ist das wichtigste Spiel meiner Ära in der Schweiz», sagt Nils Nielsen.

Klartext vom Chef: «Es ist das wichtigste Spiel meiner Ära in der Schweiz», sagt Nils Nielsen.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Ehrlichkeit ist wohltuend. Und auch im Fussball-Business gibt es tatsächlich Menschen, die noch sagen, was sie denken. Nils Nielsen zum Beispiel.

Seit Januar 2019 ist er der Trainer des Schweizer Frauen-Nationalteams. Jetzt, nach etwas mehr als zwei Jahren, kommt es zur mit Abstand wichtigsten Partie seiner Ära: dem Barrage-Rückspiel gegen Tschechien. Es geht um die EM-Qualifikation. Und es geht vor allem darum, ob der Frauenfussball im Juli 2022 auch hierzulande zum grossen Thema wird, weil die Schweiz nach 2017 endlich wieder an einem grossen Turnier dabei ist.

Die Fragerunde vor dem grossen Spiel (heute, 20 Uhr, live SRF info) ist fast vorbei, als Nielsen ansetzt zu einer bemerkenswerten Rede: «Manchmal sagt man ja, das erste Spiel sei das wichtigste, weil der erste Eindruck haften bleibt. Aber bei mir ist das anders. Weil die Wahrnehmung über dieses Team bereits bestanden hat, ich habe sie geerbt. Seit ich hier bin, heisst es: ‹Dieses Team versagt, wenn es wirklich zählt.› Also ist dieses Spiel für mich der ­Moment, in dem wir allen zeigen müssen, dass wir Leistung bringen, wenn es darauf ankommt.» Kunstpause. Und weiter: «Das bedeutet nun nicht automatisch, dass wir gewinnen werden. Aber jede Spielerin wird alles geben, dass sich die Schweiz für die EM qualifiziert. Auch wenn ich sie danach vom Platz tragen muss. Das ist ein Versprechen. Und genauso verspreche ich, dass alle ziemlich nervös sind. Auch ich. Denn eines ist klar: Dieser Abend wir viele Fragen beantworten.»

1:1 endete das Hinspiel in Tschechien am Freitag. Darum reicht der Schweiz nun ein 0:0 oder jeder Sieg, um an die EM zu fahren. Der schnelle Kunstrasen kommt den Schweizerinnen entgegen. Dass der Gegner das Spiel öffnen muss, ebenfalls.

«Die Welt geht nicht unter - auch wenn die EM-Qualifikation misslingen sollte. » Tatjana Haenni im Gespräch in Zürich im Museum des FC Zürich, das zum 50-Jahre-Jubiläum eine Ausstellung mit Meilensteinen im Schweizer Frauenfussball zeigte.

«Die Welt geht nicht unter - auch wenn die EM-Qualifikation misslingen sollte. » Tatjana Haenni im Gespräch in Zürich im Museum des FC Zürich, das zum 50-Jahre-Jubiläum eine Ausstellung mit Meilensteinen im Schweizer Frauenfussball zeigte.

ewu

Szenenwechsel. Tatjana Haenni empfängt in Zürich zum Gespräch. Sie ist beim Schweizer Fussballverband zuständig für den Frauenfussball. Seit gut einem Jahr hat sie Einsitz in der Geschäftsleitung. Bald einmal sagt sie: «Wenn ich zehn Jahre zurückschaue und sehe, was seither gegangen ist, dann ist das toll. Aber wenn ich den Ist-Zustand analysiere, sage ich auch: es bleibt viel zu tun!»

Es ist nicht nur Zufall, dass das A-Nationalteam in den letzten Jahren stagniert hat. «Andere Länder investierten in die ­Talentförderung, haben uns ein- und überholt», sagt Haenni. Holland, Belgien, aber auch ­Österreich sind Beispiele dafür, Spanien und Italien sowieso.

Für Haenni gibt es zwei Schlüsselfragen. «Wie gelingt es, dass mehr Mädchen zum Fussball kommen? Und zwar zwischen fünf- und achtjährig, nicht erst mit 12.» Und: «Wie fördern wir Talente so, dass sie weder die Lust noch die Geduld verlieren, weil sie merken, dass Mädchen im Schweizer Fussball kaum Perspektiven haben?»

Neue Meisterschaft für Mädchen bis 8 Jahre? Auf Anhieb 19 Anmeldungen

Haenni wird in den nächsten Jahren mit Nachdruck auf diese Punkte schauen. Und erzählt ein Beispiel, das ihr Freude bereitet: «In Zürich hat der regionale Verband als neues Ligaformat eine Meisterschaft für F-Juniorinnen ausgeschrieben. Es sind 19 Team-Anmeldungen eingegangen – das ist grossartig.» Der Appell an die Klubs in der ganzen Schweiz ist klar: Angebote schaffen, auch für Mädchen. Noch immer gibt es nur in einem Drittel der Klubs Frauen- oder Juniorinnenteams.

Logisch, dass dem A-Nationalteam darum eine besondere Rolle zukommt. Haenni sagt: «Einerseits gäbe die EM-Qualifikation einen riesigen Schub. Die Namen der Spielerinnen würden in der Gesellschaft bekannter. Das kann kein Geld der Welt gutmachen. ­Andererseits geht die Entwicklung in vielen Bereichen einfach weiter. Ein Misserfolg könnte gar wachrütteln. Ich erinnere an 2019: Auch damals dachten wir nach der verpassten WM, die Welt gehe unter. Aber so war es nicht. Ein Jahr später fanden wir mit der Axa einen Titelsponsor für die Schweizer Liga. Die Spiele kommen regelmässig am TV. Die Welt dreht sich also weiter.»

Mag sein. Mit dabei sein an der EM ist trotzdem toller als zuschauen. Das Versprechen gilt.