Eishockey-WM
Unsere Nationalmannschaft ist ein Team der Herzen, nicht des Verstandes

Dass das Schweizer Nationalteam die Viertelfinals an der Eishockey-WM in Russland verpasst hat, kann auch gute Auswirkungen auf unseren Verband haben. «Nordwestschweiz»-Eishockeyexperte Klaus Zaugg erklärt in seiner WM-Analyse, weshalb.

Klaus Zaugg, Moskau
Klaus Zaugg, Moskau
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Trainer Patrick Fischer (r.) hat die Schweiz zwar nicht in den WM-Viertelfinal gecoacht, aber unter seiner Leitung hat das Team attraktives Eishockey geboten

Trainer Patrick Fischer (r.) hat die Schweiz zwar nicht in den WM-Viertelfinal gecoacht, aber unter seiner Leitung hat das Team attraktives Eishockey geboten

Keystone

Ach, welch ein Spektakel haben uns die Schweizer in Moskau geboten. Aber ach, am Ende stehen wir mit leeren Händen da. Und wenn wir über den Tellerrand des Spektakels von Moskau hinausblicken, halten wir erschrocken inne. Seit Sean Simpson im Sommer 2014 die Nationalmannschaft verlassen hat, seit der Auflösung der taktischen Ordnung, haben wir gerade drei von 15 WM-Partien mit drei Punkten gewonnen. Ja, wir haben es 2015 in Prag und nun in Moskau fertiggebracht, gegen den Absteiger zu verlieren. In Prag reichte es mit allem Glück für die Viertelfinals. Jetzt sind wir im letzten Vorrundenspiel gescheitert.

Der optische Eindruck ist ja grandios. Wir haben mit Leidenschaft und Mut, mit Bravour und Bravado auch die Titanen herausgefordert. Jedes Spiel ein Spektakel, ja meistens sogar ein Drama und viermal haben wir eine Führung vergeigt – das hat es an einer WM seit 1998 noch nie gegeben. Unter Patrick Fischer haben wir eine Nationalteam der Herzen. Aber leider keine des taktischen Verstandes.

Als leidenschaftlich zerbrechlich habe ich die Schweizer vor dem Turnier bezeichnet – und leidenschaftlich zerbrechlich war sie. Ihr Spiel habe ich als «Pausenplatz-Hockey» bezeichnet – und «Pausenplatz-Hockey» auf Weltniveau haben die Schweizer zelebriert. «Pausenplatz-Hockey» ist nicht despektierlich gemeint. Auf dem Pausenplatz wird mit Herz und nicht mit taktischem Verstand gespielt.

Wir können gegen jeden Gegner gewinnen oder verlieren

Durch die Globalisierung der Hockey-Welt ist die WM inzwischen so ausgeglichen wie nie. Wir können gegen jeden Gegner gewinnen oder verlieren. Die Spanne reicht vom WM-Final in Stockholm 2013 bis zur temporären Abstiegsgefahr in Moskau 2016. Die Differenz macht mehr denn je die Detailarbeit. Will heissen: jene Faktoren, die in diesem unberechenbaren Spiel eingeübt und berechnet werden können. Das Spiel in Über- und Unterzahl, die defensive Organisation. Eishockey ist im eigenen Drittel Organisation und in der offensiven Zone Improvisation.

Unter Ralph Krueger war unser Spiel in allen drei Zonen Organisation – und nun ist unser Spiel auf dem ganzen Eisfeld Improvisation. Bei der einzigen WM, als Improvisation und Organisation im Gleichgewicht waren, haben wir den Final erreicht: 2013. Im Powerplay waren wir in Moskau von 16 Teams die Nummer 10 und im Boxplay die Nummer 14. So reicht es einfach nicht.

Die offensive Ausrichtung ist nicht falsch

Die neue offensive Ausrichtung ist nicht falsch. Wir haben dafür inzwischen genug Talent. Aber diese neue Philosophie ist ein riskantes Spiel mit dem taktischen Feuer. Weil wir ohne Not unsere in jahrelanger Arbeit seit 1998 erarbeiteten Tugenden – Detailarbeit, Defensivspiel – aufgegeben haben. Der Vorwurf trifft nicht Nationaltrainer Fischer und es ist richtig, dass sein Vertrag im Juni verlängert wird. Diese charismatische Persönlichkeit hat eine hohe emotionale Hockey-Intelligenz und versteht es, seine Jungs zu begeistern – so wie wir das in Moskau eindrücklich erlebt haben.

Aber die taktische Grundarbeit ist nicht sein Ding und das wussten wir schon vor Moskau. Er ist im letzten Herbst ins kalte Wasser geworfen worden und bei seinem Arbeitgeber kann er sich mit niemandem auf Augenhöhe über die Anforderungen des internationalen Hockeys unterhalten. Verbandsdirektor Florian Kohler kompensiert den anhaltenden Verlust der sportlichen Kompetenz (Peter Zahner, Peter Lüthi, Ueli Schwarz) nicht. Sein Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer ist hoffnungslos überfordert. Internationales Hockey und Führungsaufgaben sind ihm so fremd wie dem Massai die Offsideregel. Der böse Spruch von mutigen Löwen (den Spielern), die von administrativen Eseln geführt werden, kommt der Wahrheit nahe.

Fischer hat für die WM-Expedition das Motto «1291» gewählt. Daraus ist «1515» geworden. Ein ehrenvoller Untergang. Wenn das Scheitern in Moskau die gleichen Auswirkungen auf unsere Verbandsgeneräle hat wie die Niederlage von Marignano 1515 auf unser Land – nämlich die Rückkehr zum Realismus – dann ist Moskau 2016 letztlich ein Erfolg. Und Fischer kann sich trösten. Es sind schon ganz andere Herren besiegt aus Moskau heimgekehrt. Beispielsweise Napoléon.