Eishockey-WM
Philippe Furrer: «Während einer WM bekomme ich nichts mit»

SCB-Verteidiger Philippe Furrer ist der «Modell-Held» unseres ruhmreichen WM-Teams. Er gewährt Einblick in den Alltag der Schweizer Hockey-Helden in Stockholm und verrät, wie das Team es schafft, ruhig zu bleiben.

Klaus Zaugg, Stockholm
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Zweikampfstark: Verteidiger Philippe Furrer im Duell mit dem Tschechen Jan Kovar.keystone

Zweikampfstark: Verteidiger Philippe Furrer im Duell mit dem Tschechen Jan Kovar.keystone

Immer wieder betonen die Spieler und ihr Trainer Sean Simpson gebetsmühlenartig, wie gut die Stimmung sei. Aber was bedeutet eine gute Stimmung konkret? Keiner kann es so gut erklären wie der SCB-Verteidiger Philippe Furrer. Er personifiziert als «Modell-Held» geradezu die ruhmreiche Stockholmexpedition.

Gute Stimmung bedeutet Ruhe im WM-Rummel, Konzentration auf das Eishockey, ein bisschen Ablenkung, aber nicht Remmidemmi. Es geht darum, für das Team eine Wohlfühloase zu schaffen.

Darin ist Philippe Furrer ein Meister seines Faches. Sozusagen ein Wohlfühloasen-Gärtner. Wenn die Welt während der WM untergeht, wird es der SCB-Meisterverteidiger wahrscheinlich als Letzter erfahren. Er lebt nämlich im Raumschiff Weltmeisterschaft. Abgeschottet von den Irrungen und Wirrungen des irdischen Alltags. «Während einer WM bekomme ich nicht mit, was die Medien berichten. Auch nicht im Internet. Mir ist im Laufe der Zeit klar geworden, dass mich alles, was über mich oder über die Mannschaft geschrieben wird, ablenkt und in der Konzentration stört. Auch andere Spieler halten das inzwischen so.»

Dann würde es wahrscheinlich kaum einer merken, wenn die Welt während der WM untergehen sollte. «Wahrscheinlich nicht. Ich telefoniere zwar mit meiner Frau und mit meinen engsten Kollegen. Aber dann reden wir über persönliche Angelegenheiten und nie über Eishockey. Ich kann höchstens aus den Fragen der Journalisten schliessen, in welche Richtung die Berichterstattung laufen könnte.»

Perfekte, äussere Bedingungen

Zu einer guten Stimmung gehören perfekte äussere Bedingungen. Philippe Furrer sagt, diese Umstände seien hier in Stockholm geradezu perfekt. «Es heisst, Stockholm erlebe gerade den schönsten Frühling seit bald hundert Jahren. Dieses schöne Wetter ist für mich persönlich wichtig. Wir sind das einzige Team in unserem Hotel. Das gibt uns ein Gefühl, ein Zuhause zu haben. Wir leben in einer grossen Stadt. Das gibt uns die Möglichkeit, uns auch mal zu zerstreuen. Oft sind wir fünf oder sechs Spieler, die vor der Bettruhe noch einen Spaziergang in der Stadt machen und in ein Café sitzen.» Und Autogramme geben? «Nein, bisher sind wir noch nie erkannt worden.»

Was Philippe Furrer auch typisch macht für dieses WM-Team: Er spielt, wie so viele andere, jetzt sein bestes Hockey. Er hat zwar eine Brille in der Statistik (0 Tore, 0 Assist). Aber er ist ein defensiv verlässlicher Rumpelverteidiger und der SCB kann froh sein, dass er jetzt erst aufblüht. Sonst würde er längst in der NHL verteidigen. Die Rangers haben ihn 2003 als Nummer 179 gedraftet. Er hat nicht nur die Postur für die NHL (187 cm/92 kg). Er spielt in Stockholm auch wie ein NHL-Verteidiger. Vorbei die Zeiten, als er ein Unglücksrabe und für seine Blackouts legendär war. Unvergessen das Eigentor zum 0:1 im WM-Viertelfinal von 2008 gegen Russland (Schlussresultat 0:6).

Das legendäre Eigentor

Als er Martin Gerber mit einem Befreiungs-Slapshot in die nahe Ecke bezwang. «Ich habe seither viel Mentaltraining gemacht», sagt Furrer zu seinem erstaunlichen Reifeprozess. «Und es spielt eine Rolle, dass ich mich körperlich so gut fühle wie noch nie. Jahrelang konnte ich wegen Verletzungen nicht ohne Schmerztabletten spielen.» Deshalb galt Philippe Furrer als «Porzellan-Verteidiger»: Er war ständig verletzt. Wie sein Bruder Thomas (21). Thomas war drauf und dran, diese Saison in der NLB Fuss zu fassen (Sierre). Doch dann musste er wegen einer Gehirnerschütterung aufgeben. «Er will es nächste Saison noch einmal versuchen. Aber er hat noch keinen Klub.» Philippe Furrer hofft, dass sein Bruder eine Chance bei den SCL Tigers bekommt.