Eishockey-WM
Erfolg von historischer Dimension – Medaille wird trotzdem nicht zum Standard

Die Schweizer Eishockey-Nati hat an der WM in Schweden Silber geholt. Wer jetzt erwartet, dass es an jeder WM eine Medaille gibt, liegt falsch. Trotzdem macht die neue Nati Hoffnung auf mehr.

Marcel Kuchta
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Schweizer Eishockeyaner beim WM-Torjubel

Schweizer Eishockeyaner beim WM-Torjubel

Keystone

«Wie geht es Ihnen heute», fragt die schwedische Sicherheitsbeamtin am Stockholmer Flughafen, als sie den Schweizer Pass des Reisenden erblickt. «Es geht so», antwortet dieser mit einem etwas gequält wirkenden Lächeln. «Aber Sie müssen doch nicht traurig sein», entgegnet die Schwedin freundlich, «der zweite Platz ist doch auch super!» Eigentlich hat sie ja recht, die nette Beamtin, die als Vertreter des neuen Eishockey-Weltmeisters und Gastgebers dem Verlierer Trost spenden will. Aber es ist halt die Frage aller Fragen, die man sich nach einer Finalniederlage immer wieder stellt: Hat man nun Silber gewonnen oder am Ende doch eher Gold verloren?

Wer vor WM-Beginn behauptet hätte, dass die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft mit einer Silbermedaille aus Stockholm heimkehrt, der wäre ziemlich sicher ausgelacht worden. Die Erwartungshaltung war nach zwei gescheiterten WM-Expeditionen gelinde ausgedrückt bescheiden. Es gab nicht wenige Experten, die sogar einen Abstieg in die Zweitklassigkeit befürchteten. Mit dem, was folgte, konnte niemand rechnen. Und das lässt die Leistung in einem umso strahlenderen Licht erscheinen. Die «Eisgenossen» haben mit ihrem famosen Durchmarsch bis in den Final Geschichte geschrieben und das erste WM-Edelmetall seit 60 Jahren errungen. Alleine die historische Dimension zeigt, wie wertvoll dieses Resultat ist, wie hoch man es einstufen muss.

Wie konnte es zu dieser Leistungsexplosion kommen? Der märchenhafte Lauf der Schweizer Eishockeynationalmannschaft war ein Musterbeispiel von «Teamwork» – so abgedroschen das klingen mag. Nationaltrainer Sean Simpson gelang die perfekte Kaderzusammenstellung. Er nahm im Gegensatz zu früher keine Rücksicht mehr auf
Namen, sondern nahm die Spieler mit an die WM, die hundertprozentig in sein Konzept passten. Noch im Vorjahr wäre undenkbar gewesen, dass langjährige Nationalspieler wie Ivo Rüthemann oder Thibaut Monnet zu Hause bleiben oder mit einem Platz auf der Tribüne vorliebnehmen müssen. Oder dass auf verfügbare NHL-Spieler wie Mark Streit oder
Luca Sbisa verzichtet wird. Simpsons Mut zum Risiko wurde belohnt.

Dass die Spieler unmittelbar nach der Finalniederlage gegen Schweden masslos enttäuscht waren, ist aber verständlich – und entspricht dem kompetitiven Geist
dieser Mannschaft. Wer so kurz vor dem ganz grossen Triumph stand, ärgert sich über die verpasste Chance. Es wird eine Weile dauern, bis die Akteure, die die Schweiz mit ihrem faszinierenden Steigerungslauf in Atem gehalten haben, realisieren werden, was sie geleistet haben.

Werden die Schweizer von nun an jedes Jahr zu den Medaillenanwärtern gehören? Kaum. Dafür
gibt es an den WM-Turnieren zu viele Unwägbarkeiten. Der Grat zwischen Sieg und Niederlage bleibt für die «Eisgenossen» vorderhand schmal. Die neue Spielergeneration, die in Stockholm in Erscheinung trat, verleiht aber Hoffnung, dass bis zum nächsten Medaillengewinn nicht wieder weit über ein halbes Jahrhundert vergehen wird. Diese Nationalmannschaft hat die Lust auf mehr geweckt. Zumal der nächste Höhepunkt gar nicht mehr so weit weg ist: die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014.