National League

Die heilsame Macht der Trainer: Ambri-Piotta und die SCL Tigers verdanken die Playoffs vor allem ihren Trainern

Mit Trainer Luca Cereda ist Ambri wieder das wahre Ambri geworden.

Mit Trainer Luca Cereda ist Ambri wieder das wahre Ambri geworden.

Die Aussenseiter Ambri-Piotta und die SCL Tigers verdanken die Playoffs vor allem ihren Trainern. Mit Trainer Luca Cereda ist Ambri wieder das wahre Ambri geworden und erst mit Heinz Ehlers hat in Langnau das Zeitalter der Playoffs begonnen.

Ambri ist vom rechten Weg abgekommen. Statt die eigene Kultur zu ehren, wird versucht, zu werden wie Lugano. Stars und Startrainer kommen und gehen, die Schulden werden immer grösser und die Erfolgserlebnisse immer seltener. In diesen Zeiten der Not reift bei Präsident Filippo Lombardi im Laufe der Saison 2015/16 die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Ambri soll sich wieder auf seine Kultur besinnen und das wahre Ambri werden.

Aber kein Kanadier, kein Finne und kein Schwede, auch keiner aus dem Welschland oder der Deutschschweiz kann Ambri als Trainer zu seinen Ursprüngen zurückführen. Das vermag nur ein Sohn der Leventina. Und allein kann er das auch nicht. Er braucht einen Sportchef, der mit dieser Kultur vertraut ist und ihm den Rücken freihält.

Weniger «ideologisch» als Arno Del Curto 

Filippo Lombardi findet die zwei Männer, die einerseits in der Seele stockkonservative Ambri-Traditionalisten, aber hockeytechnische Revolutionäre sind, Beziehungen in alle Welt pflegen und das moderne Hockey kennen. Paolo Duca (37) wird im Frühjahr vom Captain zum Sportchef befördert und Luca Cereda (37) wird nach einem Lehrjahr beim Farmteam Ticino Rockets sein Trainer. Luca Cereda mahnt mit seiner Hockey-Besessenheit ein wenig an Arno Del Curto.

Wie Heinz Ehlers, aber weniger grantig. Luca Cereda

Wie Heinz Ehlers, aber weniger grantig. Luca Cereda

Aber er ist weniger «ideologisch», sein Ego ist kleiner und er ist geduldiger. Mit der Fähigkeit, aus einem Minimum ein Maximum herauszuholen ähnelt er Heinz Ehlers, ist aber weniger grantig. Er war einst eines der grössten Talente unseres Hockeys (Torontos Erstrundendraft), aber gesundheitliche Schwierigkeiten (Herzoperation) verunmöglichten die grosse NHL-Karriere und deshalb beginnt er noch vor seinem 30. Geburtstag seine Ausbildung zum Trainer.

Er lebt die Leidenschaft vor, die er von seinen Spielern erwartet. Er fordert ein «totales» Hockey wie Heinz Ehlers in Langnau. Die Scheibe oder der scheibenführende Gegenspieler werden unter Beibehaltung von Ordnung in den eigenen Reihen gejagt. Dank dem Rückhalt durch Sportchef Paolo Duca ist Luca Cereda (mit einem jederzeit kündbaren «gewöhnlichen» Arbeitsvertrag) in seiner ersten Saison trotz eines zweitletzten Platzes nie infrage gestellt worden ist.

Geduld hat sich gelohnt

Die Geduld hat sich gelohnt. Gleich in seiner zweiten Saison hat er Ambri zum ersten Mal seit 2014 in die Playoffs geführt. Diese Playoffs 2019 sind wertvoller als alle vorangegangenen, ja sogar als das gegen Lugano verlorene Finale von 1999. Nie war Ambri so populär wie heute, nie war Ambri so sehr das wahre Ambri wie heute. Und so wie Langnau das Pech hat, nun gegen Lausanne spielen zu müssen, so hat Ambri das Pech, ausgerechnet auf Biel zu treffen.

Gegen Langnau, Servette, ja sogar gegen Lugano wären die Siegeschancen höher als 50 Prozent. Aber nicht gegen Biel. Ambri hat in der Qualifikation alle vier Partien verloren. Weil die Bieler Gaukler und Individualisten wie Damien Brunner in ihren Reihen haben, die sich dem gegnerischen Druck immer wieder zu entziehen wissen. Aber eine Überraschung ist möglich.

Eine Respektfrage: Heinz, nicht «Hene»

Die Langnauer haben beim Saisonstart 2016 nach Jahren der Wirren endlich ihre Identität («Hockey Country») gefunden. Aber nach wie vor keinen Patron, der das Personal im Griff hat. Sie verlieren gleich neunmal hintereinander. Sportchef Jörg Reber hält trotzdem eisern an Scott Beattie fest. Aber genug ist genug.

Erst mit Heinz Ehlers hat in Langnau das Zeitalter der Playoffs begonnen.

Erst mit Heinz Ehlers hat in Langnau das Zeitalter der Playoffs begonnen.

Von höherer Stelle, vom Verwaltungsrat, wird ein Kommandowechsel verordnet. Bei der Wahl des neuen Chefs vertrauen die Herren nicht mehr der Sportabteilung. Sie ziehen eigene Erkundigungen ein und kommen zum Schluss, dass nur einer infrage kommt: Heinz Ehlers (53). Der Däne ist in Lausanne trotz exzellenter Arbeit gefeuert worden und daheim in Kopenhagen mit der Regelung privater Angelegenheiten beschäftigt.

Er muss erst dazu überredet werden, die Arbeit im Hockey wieder aufzunehmen. Mit dem Auto brettert er schliesslich nach Langnau und am 4. Oktober 2016 steht er zum ersten Mal an der Bande (0:3 gegen Ambri). Langnaus grösste Zeit seit Einführung der Playoffs (1986) hat begonnen. Die Playoffs gegen Lausanne, erst die zweiten nach 2011 in der Geschichte, sind die vorläufige Krönung.

Ein Bessermacher

Heinz Ehlers ist kein Besserwisser. Er ist ein Bessermacher. Er verbindet die soziale Kompetenz der Skandinavier mit der Akribie eines helvetischen Buchhalters, britischem Sinn für schwarzen Humor und Selbstironie. Er hat die notwendige Sturheit, um sein Konzept durchzusetzen, die schmerzhafte Direktheit, um ohne Umwege zu erklären, was er will und ein feines Gespür für die Stimmung in der Kabine und die Dynamik eines Spiels.

Wie sehr Heinz Ehlers (mit Vertrag bis 2021) inzwischen in Langnau verehrt und respektiert wird, zeigt sich an einer Nebensächlichkeit. Die Emmentaler pflegen die Vertrautheit mit einem Menschen mit dem Vornamen auszudrücken. Aus Hans wird «Hausi», aus Fritz «Fridu» und aus Jakob «Köbu». Aber keiner nennt Heinz «Hene». Stets ist vom «Heinz» die Rede.

Heinz Ehlers ist kein Besserwisser. Er ist ein Bessermacher.

Heinz Ehlers ist kein Besserwisser. Er ist ein Bessermacher.

Es ist die höchste Form von Respektbezeugung. Die SCL Tigers sind nominell (in der Gesamtsumme des Talentes) zusammen mit Ambri neben den Lakers das schwächste Team der Liga und sie bezahlen nur zwei Spielern mit Schweizer Lizenz mehr als 300 000 Franken brutto (Pascal Berger und Ivars Punnenovs). Aber sie stehen in der oberen Tabellenhälfte, weil der Trainer aus jedem ein Maximum herausholt.

Eine Überraschung wäre eine Sensation

Heinz Ehlers lässt «totales» Hockey spielen wie Luca Cereda in Ambri: die Scheibe oder der scheibenführende Gegenspieler werden unter Beibehaltung von Ordnung gejagt. Wie weit kann Langnau kommen? Gewinnen die Emmentaler mit ihm zum ersten Mal ein Playoffspiel in der höchsten Liga? (2011 schieden sie sieglos gegen den SCB aus).

Gegen Biel, Ambri oder Servette hätten sie eine Erfolgschance von über 50 Prozent gehabt. Gegen Lausanne sind es weniger als 50 Prozent. Weil Lausanne taktisch die welsche Antwort auf Langnau ist. Aber mit doppelt so viel Talent. Eine Überraschung wäre eine Sensation.

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