NHL

Der Beckenbauer des Eishockeys: Josi spielt in Nashville überragend

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Roman Josi ist in Nashville der beste Spieler im besten Team der Welt. Seine Nashville Predators sind das punktbeste NHL-Team. Die Rolle des Schweizers in dieser Mannschaft kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

John van Boxmeer kommt als Scout der Buffalo Sabres viel in der NHL herum. Immer wieder sieht der 62-Jährige Spieler, die bei ihm nostalgische Gefühle wecken. Van Boxmeer brachte einst als Trainer des SC Bern den 16-jährigen Roman Josi in die NLA: «Wir hatten immer wieder Junioren im Training. In der Gruppe mit den Berger-Brothers und Etienne Froidevaux fiel er mir sofort auf.» Er sagte schon damals, dieser Junge werde es sehr weit bringen. Nicht in der NLA. Sondern in der NHL. Später wunderte er sich, dass im NHL-Draft 2008 vier Verteidiger vor Josi gezogen wurde. «Er war damals weltweit der beste 18-jährige Verteidiger und es war schon erstaunlich, dass das so viele nicht erkannten.»

Der ehemalige SCB-Trainer sieht sich längst bestätigt. Um es plakativ zu sagen: Josi ist inzwischen der beste Spieler der besten Mannschaft der Welt. Seine Nashville Predators sind das punktbeste NHL-Team. Die Rolle des Schweizers in dieser Mannschaft kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In der öffentlichen und medialen Wahrnehmung ist zwar Captain Shea Weber die dominierende Figur. Aber van Boxmeer sagt: «Ich unterhalte mich oft mit den Leuten von Nashville. Sie sagen alle, Josi helfe inzwischen Weber, nicht umgekehrt.» Josi, der bescheidene, so gut geerdete Berner Bub lässt sich von solch einem Kompliment nicht aus der Fassung bringen: «Der gute John meint es halt gut. Aber Weber und ich ergänzen uns tatsächlich sehr gut und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mit ihm spielen darf.»

Der Traum vom Stanley-Cup

Im Sommer 2012 hat Ryan Suter Nashville verlassen und seither ist Josi Standardpartner des 29-jährigen Weber. Die beiden bilden das beste und teuerste Verteidigerpaar der Welt und dürften es noch eine Weile bleiben. Die Chancen stehen gut, dass es Nashville gelingt, um diese beiden Abwehrspieler herum eine Mannschaft zu bauen, die erstmals den Stanley-Cup in die Hauptstadt der Country Music bringt und als Dynastie über mehrere Jahre lang die NHL dominiert. Weber verdient pro Saison 14 Millionen Dollar, sein Vertrag läuft bis 2021. Josis Kontrakt endet 2020 und ist insgesamt 27 Millionen wert. Aber er ist erst 24 Jahre alt. Die besten Jahre liegen noch vor ihm und er schmunzelt: «Na ja, so mit 27 sei das beste Alter für einen Verteidiger. Da muss ich hart arbeiten, um diese Erwartungen auch zu erfüllen.»

Weber und Josi haben enormen Einfluss auf das Spiel und eine schier unfassbare Präsenz. Die beiden bilden das perfekte Duo und haben bisher exakt gleich viele Skorerpunkte gebucht: 42. Weber (193/106 kg) ist etwas grösser und schwerer als Josi (189/90) und der Mann fürs Grobe mit ziemlich genau doppelt so viel Strafminuten wie sein helvetischer Partner. Er ist ein rauer Titan. Josi wirkt im Spiel dominierender, magischer. Er ist ein sanfter Titan. Wenn er mit Scheibe vorwärtsstürmt, dann zieht er die Aufmerksamkeit aller Zuschauer im Stadion auf sich. Weil jeder weiss, dass irgendetwas passieren wird. Josi hat die ganz seltene Gabe, das Spiel ein oder zwei Züge im Voraus lesen zu können – offensiv und defensiv. Deshalb gelingen ihm die genialen Zuckerpässe, deshalb erkennt er sofort die Lücken im gegnerischen Abwehrdispositiv und sticht hinein und deshalb schliesst er die Lücken in der eigenen Verteidigung, bevor der Gegner davon profitieren kann. Er ist öfter und länger im Scheibenbesitz als Weber.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass er in drei bis vier Jahren absolut unbestritten der beste Verteidiger der NHL und damit der Welt sein wird. Der beste Verteidiger einer WM war er schon. Beim Silber-Turnier 2013. Um einen Vergleich mit dem Fussball aus der guten alten Zeit der Liberos zu bemühen: Weber mahnt an Franco Baresi, Josi an Franz Beckenbauer. Allerdings wird er nach seiner Karriere beim SCB nicht die gleiche Rolle spielen können wie Beckenbauer bei Bayern München. Die Rolle des Kaisers ist beim SCB auf Lebzeiten für Marc Lüthi reserviert.

Eine halbe Stunde auf dem Eis

Beim 2:3 gegen Philadelphia hatte Josi 30:49 Minuten Eiszeit und Weber 28:26 Minuten. Er sagt, in der NHL seien solche Einsatzzeiten eher zu verkraften als in der NLA. Weil die Laufwege auf dem kleineren Eis kürzer und die Räume für die Stürmer enger seien. Es mache für ihn eigentlich gar keinen so grossen Unterschied, ob er 15 oder 25 Minuten Eiszeit habe und er benötige wegen der langen Präsenszeiten auch kein spezielles Training. «Viel Eiszeit ist eher eine Frage der Gewohnheit. Es käme mir inzwischen komisch vor, wenn ich nur 15 Minuten Einsatzzeit bekäme. Ich käme dann wahrscheinlich gar nicht mehr richtig ins Spiel.»

Es ist nicht sicher, dass Mark Streit mit den Philadelphia Flyers die Playoffs noch erreicht. Es ist auch keineswegs sicher, dass die Nashville Predators mit Josi den Stanley-Cup gewinnen. Aber möglich ist beides. Noch nie hat ein Schweizer bei einem Stanley-Cup-Sieger eine zentrale Rolle gespielt. Josi wird der erste sein. Wenn nicht 2015, dann in einem der nächsten Jahre.

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