Ambri, zweieinhalb Stunden vor Anpfiff. Heute Sonntag steigt das Tessiner Derby zwischen dem HC Ambri-Piotta und dem HC Lugano. Das Stadion ist seit Tagen ausverkauft, und dies, obwohl bereits am Vortag das gleiche Duell über die Bühne ging – nur in Lugano. Ein älterer Mann versucht an dem kleinen Kassenhäuschen vor der Valascia verzweifelt, sich doch noch ein Ticket zu ergattern. Extra aus dem Kanton Thurgau sei er angereist, lässt er die Ticketverkäuferin durch einen kleinen Schlitz im Glasfenster wissen. Keine Chance. Er wird das Spiel heute im stadionnahen «Ristorante Monte Pettine» vor dem Fernseher verfolgen – trotz der stundelangen Anreise.

Sportliche Misere

Die Leventiner müssen sportlich seit Jahren untendurch. Mehrmals konnten sie den Ligaerhalt erst in der Entscheidungsrunde gegen den NLB-Meister sichern – letztmals 2012 in fünf Partien gegen den SC Langental. Doch in Ambri sehnt man sich zurück nach erfolgreicheren Zeiten. Wie damals im Frühjahr 1999, als man sich nach dem überlegenen Qualifikationssieg erstmals für einen Playoff-Final qualifizieren konnte. Herausgefordert wurden sie von Lugano, dem reicheren, glamouröseren und erfolgreicheren Kantonsrivalen.

Die Mannschaft vom HC Ambri-Piotta nach dem überraschenden Continental-Cup-Sieg im Dezember 1998 im slowakischen Košice.

Die Mannschaft vom HC Ambri-Piotta nach dem überraschenden Continental-Cup-Sieg im Dezember 1998 im slowakischen Košice.

Prompt verloren sie die Best-of-Seven Serie mit 4:1 und müssen sich mit dem zweiten Platz begnügen. Es ist dies bis heute, nebst den beiden Siegen am Continental Cup in den Jahren 1998 und 1999, der grösse sportliche Triumph der Leventiner. Gleichzeitig aber auch die emotional schlimmste Niederlage in der bald 80-jährigen Vereinsgeschichte.

Anhänger aus der ganzen Schweiz

Das Stadion ist für die bereits zahlreich vor dem Haupteingang versammelten Fans noch nicht geöffnet. Durch ein vergittertes Tor kann man auch sehen wieso. Es tummeln sich noch dutzende Schulkinder und Familien auf der Eisbahn, wo sich in Kürze die beiden NLA-Teams duellieren werden. Eine zweite Ausseneisfläche gibt es nicht.

Plötzlich ist der Platz vor dem Stadion wie leergeräumt. Aber nicht die Valascia hat seine Tore nun geöffnet, sondern der schmucke kleine Fanshop in einem alten Tessiner-Rustico unmittelbar neben dem Leventiner Eishockeytempel. Dort decken sich jetzt mehrheitlich Fans aus der Deutschschweiz mit Accessoires aller Art ein. Nach kurzer Zeit füllt sich der Vorplatz wieder.

Wie bei fast jedem Tessiner Derby ist die Halle auch beim vierten Aufeinandertreffen der beiden Tessiner Mannschaften bis auf den letzten Platz gefüllt.

Wie bei fast jedem Tessiner Derby ist die Halle auch beim vierten Aufeinandertreffen der beiden Tessiner Mannschaften bis auf den letzten Platz gefüllt.

Es ist erstaunlich, wie viele Deutschschweizer Fans wöchentlich die lange Anreise in den obersten Zipfel der Leventina in Kauf nehmen. Einige reisen bequem mit Cars an, andere ein bisschen weniger bequem mit dem Auto durch den Gotthardtunnel. Wer aber die volle Portion Ambri einsaugen möchte, reist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an. Da wird einem so richtig klar, wie abgelegen die Valascia wirklich liegt. Das Postauto von Airolo nach Ambri-Piotta verkehrt zweimal stündlich – auf die ankommenden Züge aus der Deutschschweiz wird jedoch keine Rücksicht genommen. Vielleicht sogar absichtlich, damit die drei Restaurants vis-à-vis der Bahnhofshalle den ein oder anderen Gast mehr verzeichnen können. Der Postauto-Oldtimer den einen dann erwartet passt zur Umgebung. Die Leventina hat ihre Blütezeit längst hinter sich. Wie der HC Ambri-Piotta.

Das Herz von Ambri – die Gioventu Biancoblu

Ein paar wenige Ambri-Anhänger dürfen das Stadion bereits jetzt, vor den anderen Fans, betreten. Sie gehören zu den «Gioventu Biancoblu» – der weissblauen Jugend – und somit zum harten Kern der Fanszene von Ambri. Im unteren Teil der berüchtigten «Curva-Sud» bereiten sie ihre Fahnen und Spruchbänder vor und richten einen kleinen Fanartikel-Vertrieb ein. Gleichzeitig fährt der Mannschaftsbus der Luganesi auf dem Parkplatz vor. Unter Polizeischutz wagen sich Damien Brunner und seine Teamkollegen aus dem Car und in die Kabinen. Gällende Pfiffe und Anti-Lugano-Sprechchöre begleiten sie dazu.

Rund eineinhalb Stunden bevor die Spieler das Eis betreten, öffnen die Ordner die Eingänge ins Stadion für alle anderen Zuschauer. Kurze Zeit später sind die Ränge bereits besser gefüllt als in so manchem Super-League-Stadion. Die Stimmung im Stadion wirkt vor dem Spiel irgendwie angespannt. Nach der letzten Niederlage gegen Lugano wollen die Fans nicht wieder mit hängenden Köpfen nach Hause gehen. Obwohl Lugano als Favorit und Ambri als Aussenseiter in dieses Spiel geht, wird ein Sieg erwartet.

Sorgenkind Valascia

Dementsprechend werden die Spieler auch empfangen. Unter tosendem Applaus und ohrenbetäubenden Gesängen betreten die Spieler den Eisrink, um sich einzuspielen. Doch bereits jetzt feiern die Fans ihre Mannschaft, als hätten sie Lugano gerade mit einem «Stängeli» abgefertigt. Wer jetzt auf die Toilette muss, eine Zigarette rauchen oder sich vor Anpfiff noch mit Bier versorgen will, wird seinen Platz wohl nicht mehr zurückbekommen. Die riesige Stehrampe hinter dem Tor ist proppenvoll.

Die "Pista di Valascia" in Ambri. Im schneebedeckten Holzchalet befindet sich einer der zahlreichen Outdoor-Verpflegungstständen.

Die "Pista di Valascia" in Ambri. Im schneebedeckten Holzchalet befindet sich einer der zahlreichen Outdoor-Verpflegungstständen.

Langsam drängen sich auch die etwas ruhigeren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu ihren Sitzplätzen. Um diese zu erreichen, muss zum Teil eine schon etwas in die Jahre gekommene Holzkonstruktion überschritten werden. Es ist dies nicht der einzige Mangel, der die altehrwürdige «Piste di Valascia» vorzuweisen hat. Das Stadion ist an zwei Seitenwänden noch offen, einzig eine überdimensionale Blache und der oberste Teil der Südkurve hindern die eisig kalten Böen vor dem Eindringen in das Stadioninnere. An winterlichen Tagen ist man an bestimmten Plätzen auf der Stehplatztribüne nicht einmal vor Schneefall geschützt.

Man fühlt sich in diesem rustikalen Bau um Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückgesetzt. Eishockeyromantiker mögen da voll auf ihre Kosten kommen, dem Verband gefällt der Zustand der Valascia jedoch ganz und gar nicht. Ein neues Stadion muss her, und zwar bald.

Eishockey pur

Nach einem unterhaltsamen ersten Drittel führen die Leventiner durch einen Treffer von Thibaut Monnet mit 1:0. Wer jetzt auf ein Pausenspiel oder eine Cheerleader-Show wartet, wird enttäuscht. In Ambri steht der Eishockeysport im Vordergrund – keine herumtollenden Maskottchen, keine nervigen Werbeclips und nicht einmal musikalische Untermalung während den Spielunterbrechungen. Für Unterhaltung sorgen hier einzig und allein die Mannschaften auf dem Eis und die beiden Fankurven.

Viele Fans zieht es deshalb in den Pausen nach draussen – doch nicht nur um zu rauchen. Wer für sein leibliches Wohl sorgen will, wird quasi an die frische Luft gezwungen. Dort stehen neben zwei Toi-Toi-WC-Kabinen mehrere improvisierte Verpflegungsstände zur Auswahl. An roten Rivella-Bartischen und Oktoberfest-Bänken drängen sich die Leute, in der Hoffnung, gut genährt wieder ins Stadion zurückzukehren.

Das Lied der Berge

Wenige Sekunden vor Schluss müssen die Ambri-Fans noch eine letzte Schrecksekunde überstehen. Doch der vermeintliche Ausgleichstreffer der Luganesi zählt nicht. Ambri gewinnt das vierte Tessiner Derby der Saison mit 3:2. Die Glückseligkeit im Stadion erreicht ihren Höhepunkt, als das Lied der Berge, «La Montanara» lauthals aus tausenden Kehlen erklingt.

Die Tifosi singen die Hymne "La Montanara" nach jedem Sieg ihrer Mannschaft.

Die Tifosi singen die Hymne "La Montanara" nach jedem Sieg ihrer Mannschaft.

Nach dem Spiel endet eine Busfahrt umringt von ausgelassenen Ambri-Tifosi am Bahnhof Faido. Zusammen mit dutzenden Deutschschweizer Anhängern des Tessiner Traditionsklubs wartet man dort geschlagene 30 Minuten auf den Zug. Den Zug, der die Fans wieder zurück in den Alltag bringt. Eine monotone Stimme kündet den heranbrausenden Zug zuerst auf Italienisch und dann auf Deutsch an: «Einfahrt des Inter-Regio nach Arth-Goldau, Zug, Zürich Hauptbahnhof.»