Mountainbike
Einbeiniger startet bei einem der härtesten Rennen weltweit im Wallis

Der Belgier Arnout Matthys verlor als 15-jähriger sein rechtes Bein. Am Montag startet er zum 6-tägigen Perskindol Swiss Epic im Wallis, mit 365 km und 12’7500 hm eines der härtesten Mountainbike-Rennen der Welt. Sein Teampartner ist der weltcuperfahrene Berner Ex-Rennfahrer Sepp Freiburghaus.

Caroline Doka
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Arnout Matthys bewältigt mir nur einem Bein die schwierigsten Strecken.

Arnout Matthys bewältigt mir nur einem Bein die schwierigsten Strecken.

Caroline Doka

Wie um Himmelswillen kam der Belgier Arnout Matthys auf die Idee, ausgerechnet am Perskindol Swiss Epic im Wallis teilzunehmen, das vom 12. bis 17. September in 6 Etappen von Zermatt nach Verbier führt und als eines der härtesten Bikerennen weltweit gilt? Und dann nicht einmal in der einfacheren Flow Variante, sondern auf der Originalstrecke mit insgesamt 365 km und 12’750 hm?

Die Herausforderung ist schon für einen Sportler mit zwei gesunden Beinen enorm. Arnout jedoch fährt mit nur einem Bein. Er lacht: «Es soll ein tolles Rennen mit vielen schöne Abfahrten sein. Ein Rennen, das mir Spass machen, aber auch eine Herausforderung sein wird. Das möchte ich mir gönnen.» Auch die Alpenwelt des Wallis begeistert den Belgier. Als Kind sei er mit den Eltern hier in den Ferien gewesen. Damals, als er noch beide Beine hatte.

Als 15-Jähriger das rechte Bein verloren

Sein rechtes Bein verlor Matthys als 15-Jähriger. Er geriet mit dem Velo unter einen Zug. «Eine jugendliche Dummheit», sagt er, «aber das Leben hört mit wegen eines solchen Ereignisses nicht auf. Es gibt so viele Chancen, und ich möchte sie nutzen!». So begann er mit 20 Jahren Strassenrad und Mountainbike zu fahren, nahm an Rennen, Rundfahrten, Marathons und an Etappenrennen wie der Transalp teil.

Arnout Matthys

Arnout Matthys

Caroline Doka

«Ich wurde dann etwas ruhiger, habe geheiratet, ein Haus gebaut, es kamen zwei Kinder zur Welt.» Doch bald zog es den heute 38-Jährigen wieder aufs Rennvelo und aufs Bike, es folgte die Teilnahme an der Corcodile Trophy in Australien. «Das hat mir gefallen, also dachte ich mir, warum nicht noch mehr solche Dummheiten?»

Ex-Rennfahrer Freiburghaus ist Matthys’ Teampartner

Und so sagte Arnout Matthys begeistert zu, als der Hauptsponsor Perskindol ihm einen Startplatz offerierte, um besondere sportliche Herausforderungen zu fördern, und ihm einen tollen Teampartner organisierte. Matthys wird mit keinem geringeren als dem weltcuperfahrenen Berner Ex-Rennfahrer Sepp Freiburghaus an den Start gehen, der letztes Jahr vom aktiven Rennsport zurücktrat.

Sepp Freiburghaus

Sepp Freiburghaus

Caroline Doka

Freiburghaus ist u.a. Eliminator Weltcup-Sieger und erreichte beim letztjährigen Swiss Epic Rang 4. «Ich weiss, was einen am Swiss Epic erwartet. Dieses Rennen mit jemandem zu bestreiten, der es mit nur einem Bein fährt, finde ich toll, und ich habe grossen Respekt vor Arnout», sagt der 29-jährige Elektriker. «Ich kenne Arnout noch nicht, wir haben erst ein paar Mal telefoniert, aber als Teilnehmer der Corocodile Trophy und der Paralymics weiss er, was er kann. Ich freue mich, am Swiss Epic sein Teampartner zu sein.»

Ein langer Weg, aber es lohnt sich

Was Arnout Matthys, der im belgischen Wichelen bei Gent lebt und in der Organisation von Outdoor-Sportevents arbeitet, so am Zweiradsport begeistert, sei die Faszination an der Bewegung, am Draussensein, daran, die eigenen Grenzen zu spüren und Fortschritte zu machen. Klar seien mit dem Biken auch Risiken verbunden, er habe schon diverse Knochenbrüche erlitten, aber wenn es weiter nichts sei...

Er sagt das so leicht. Wo es doch alles andere als einfach war am Anfang auf dem Rad mit nur einem Bein. «Es brauchte Zeit», sagt er. «Nur schon das Aufsteigen. Ich brauchte eine Schulter, einen Baum. Jetzt geht es meist auch ohne Hilfe.» Und wenn es bergauf ging auf Kies oder im Matsch, habe er jeweils zu kräftig in die Pedalen getreten, das Rad habe durchgedreht und er sei gestürzt.

«Ich habe peu à peu gelernt, die Kraft richtig zu dosieren. Es war ein langer Weg. Aber es ist ein tolles Gefühl, etwas Schwieriges plötzlich zu können. Das gibt mir grosse Befriedigung und Mut. Und der Lohn ist enorm. Ich habe unglaublich Spass am Biken. Und jeder, dem ich auf den Trails begegne, ist begeistert und feuert mich an. Ein tolles Gefühl.» Seit zwei Jahren versucht der unermüdliche Belgier, auf dem Hinterrad zu fahren. Ein, zwei Meter schafft er bereits, doch er musste sie sich mit vielen Stürzen verdienen. «Das mit dem Hinterrad können wir nächste Woche zusammen üben», schmunzelt Sepp Freiburghaus, «es geht am einfachsten am Berg».

Gehen bergauf mühsamer als fahren

Das Perskindol Swiss Epic führt auf schönen aber anspruchsvollen Singletrails mit lagen Anstiegen und Abfahrten Von Zermatt nach Verbier. Das muss für einen Fahrer mit nur einem Bein eine grosse Herausforderung sein. Matthys nickt: «Schwierige Anstiege kosten mich sehr viel Kraft und Zeit – vor allem, wenn ich schieben muss. Gehen ist weitaus mühsamer für mich als fahren.

Ich versuche darum, in den einfacheren Passagen und zu Beginn der Steigungen langsamer und kraftsparender zu fahren, dafür dort, wo andere schon schieben, möglichst lange auf dem Bike zu bleiben, weil es für mich besser geht.» Um schön locker zu sein, schwört Matthys vor dem Start auf wärmendes Öl für sein Bein. Und wenn die Muskeln unterwegs gar zu arg spannen, will er sich an einem Perskindol-Posten eine Massage gönnen. Eine Beinprothese auf dem Bike übrigens wäre ihm nur im Weg, meint Matthys.

Eine Schulter zum Aufsteigen

Arnout Matthys freut sich auf das Rennen mit Sepp Freiburghaus. Die beiden haben sich bereits intensiv ausgetauscht, lernen sich aber erst in Zermatt kennen. Muss Sepp Freiburghaus als Teampartner eines einbeinigen Athleten etwas Spezielles beachten oder wissen? «Sollte ich am Berg schneller sein als Sepp, was ich nicht glaube, werde ich nicht mitten im Aufstieg auf ihn warten, sondern erst oben.»

Aufsteigen brauche viel Zeit, wenn da nicht gerade ein Baum zum Abstützen sei. Im Rennen kann könne ihm Sepp Freiburghaus helfen, indem er ihm seine Schulter hinhalte, damit er leichter aufsitzen könne. «Überhaupt finde ich es schöner, zu zweit zu fahren», sagt Arnout Matthys. «Es ist lustiger, man kann zusammen reden und erfährt nach und nach, mit wem man da überhaupt unterwegs ist. Darauf freue ich mich sehr.»

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