Patrick Seabase
Dieser Schweizer Radprofi überquert Pässe ohne Bremsen: «Ich sehe mich als Künstler, nicht als Sportler»

Der Berner Patrick Seabase radelt an einem Tag über fünf Schweizer Pässe – mit einem Velo mit einem Gang und ohne Bremsen. Mit seinen Filmen will er Menschen inspirieren.

Raphael Gutzwiller
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Immer auf der Suche nach der besten Aussicht: Patrick Seabase.

Immer auf der Suche nach der besten Aussicht: Patrick Seabase.

Red Bull Media House GmbH

Patrick Seabase tritt in die Pedale, aber kommt kaum vom Fleck. Der Gegenwind wird stärker, die Steigung grösser, auf den Pflastersteinen holpert es. Langsam nähert er sich dennoch dem Gipfel des Gotthard-Passes. Ein Zwischenziel. Seabase sagt in die Kamera: «Das ist das Schlimmste, was ich je gemacht habe.» Er sitzt schon seit über zehn Stunden auf dem Velo, hat 276 Kilometer zurückgelegt. Geschafft hat er es aber noch nicht. Er leidet weitere viereinhalb Stunden, ehe er sein persönliches Ziel beim Oberarsee erreicht.

Das Streckenprofil von der Strecke von Patrick Seabase für den Film «UnBRAKEable» – mit einem Klick auf die einzelnen Punkte erfahren Sie mehr:

Die Szene entstammt dem neusten Film von Patrick Seabase. «UnBRAKEable» heisst er. Darin überquert der 36-jährige Berner an einem Tag fünf Schweizer Pässe. Einmal ist er am tiefsten Punkt der Schweiz, am Lago Maggiore, später auf dem Furkapass auf fast 2500 Meter über Meer. Er legt 325 Kilometer und über 9000 Höhenmeter in 14 Stunden und 39 Minuten zurück. Und das alles mit einem Velo, eigentlich dazu da wäre, auf der Bahn im Kreis zu fahren. Das Velo von Patrick Seabase ist ein Fix Gear Bike, oder auch Fixie-Bike genannt. Es hat nur einen Gang, keine Bremsen, nie Leerlauf.

Der Trailer zum Film «UnBRAKEable»:

Inspirieren statt Konkurrenzdenken

Patrick Seabase reist nie an die Olympischen Spielen, trägt nie das gelbe Leadertrikot der Tour de France, holt nie einen Meistertitel. Seabase will nicht gewinnen. Konkurrenzdenken liegt ihm nicht. «Mein Ziel ist es die Menschen zu inspirieren», sagt er.

Wir erreichen Patrick Seabase per Videoanruf in New Mexiko, wo er die Eltern seiner Frau besucht. Ob beruflich oder privat: Seabase denkt global. Da passt sein internationaler Künstlername ideal. Eigentlich heisst er Patrick Seegrunder, Seabase ist eine etwas falsche Übersetzung des Nachnamens. Seabase hat nicht nur den Namen eines Künstlers, auch sonst sieht er sich eher als Künstler denn als Sportler. «Mein Instrument ist das Velo. Und mein Endprodukt die Filme», sagt er. «Mich kann man nicht mit einem gewöhnlichen Radprofi vergleichen. Am ehesten vielleicht mit einem Snowboarder oder einem Skater.»

Seabase will in seinen Filmen für spekakuläre Bilder sorgen.
11 Bilder
Der Berner heisst eigentlich Seegrunder. Der Künstlername ist eine abgewandelte Übersetzung.
Der Aufstieg zum Gotthardpass ist hart.
Patrick Seabase hat viele Tattoos. Seine Brust ziert der Spruch: Live to Skate. Leben, um zu skaten. Heute sieht Sebase jener Spruch als Metapher zur Freiheit.
Für seinen neusten Film legt 325 Kilometer und über 9000 Höhenmeter an einem einzigen Tag zurück.
Patrick Seabase ist 36 Jahre alt.
Das perfekte Bild ist Seabase wichtig in seinen Filmen.
Seabase trainiert wie ein Sportler, sieht sich selber aber eher als Künstler.
Seabase kennt auch den Schweizer Olympiasieger Fabian Cancellara (links).
Die Bremstechnik auf dem Fixie-Bike ist einzigartig.
Erkundet mit seinem Velo die Welt, hier fährt er in Eritrea: Patrick Seabase.

Seabase will in seinen Filmen für spekakuläre Bilder sorgen.

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Doch während Filme dieser Extremsportarten vor allem von Tricks leben, erscheint das Velofahren im Film relativ eintönig. «Ich mache das langweiligste, was es gibt», sagt Seabase selber und lacht. «Aber genau deshalb kann ich viele Menschen inspirieren. Ich möchte, dass die Menschen meine Filme sehen und sich denken: Das, was er kann, kann ich auch.» Tatsächlich sollen seine Bewunderer ihn nachahmen. 2021 lanciert sein Sponsor Red Bull eine Kampagne, in der die Tour nachgefahren werden kann – natürlich in Etappen. Wer das schafft, erhält das sogenannte «Seabase-Brevet».

Patrick Seabase über seine Motivation und den schönsten Moment des aktuellen Films:

Während das Radfahren an sich scheint wenig spektakulär erscheint, überzeugen die Filme durch beeindruckende Bilder, passende Musik, berührende Zitate. Mit Drohnen und mehreren Kameras werden imposante Videoaufnahmen eingefangen, welche die Schönheit der Umgebung zeigen. «Das wichtigste für mich ist es, an einem beeindruckenden Ort zu fahren und damit inspirierende Bilder zu generieren», sagt er. Dazu recherchiert Patrick Seabase wie ein Journalist. Immer auf der Suche nach der schönsten Strecke und der besten Geschichte dahinter. «Dinge zu entdecken gibt mir allergrösste Befriedigung», sagt er.

In seinem neusten Film entdeckt Seabase wenig Neues, geht dafür zurück an jene Schweizer Orte, die für ihn eine grosse Bedeutung geniessen. Er hat sich seine Lieblingsroute in der Schweiz zusammengestellt. Entstanden ist die Idee aufgrund des Coronavirus, welches Reisen erschwert. Der Film soll eine Werbung für die Schönheit der Schweiz sein.

Die Leistung, die er dabei erbringt, wird für den Extremradfahrer zu dessen grösster Herausforderung. Noch eine grössere als bei seinem bisher schwersten Abenteuer: Vor fünf Jahren macht Seabase auf sich aufmerksam, als er mit seinem Fixie-Bike die härteste Etappe der Tour de France aus dem Jahr 1910 nachfuhr. Dabei überquerte er fünf Pyrenäenpässe, 309 Kilometer sowie über 7611 Höhenmeter in 12 Stunden und 54 Minuten. Nun steigert er diese Leistung noch.

Lebt ab 16 Jahren mit Künstler zusammen

Bereits mit 16 Jahren zieht Patrick Seegrunder zu Hause aus, wohnt danach bei Künstlern. Er skatet gerne, hat die Fotokamera immer dabei. Schon da verbindet er Sport und Kunst. Seine Brust ziert ein Tattoo mit dem Spruch: «Live to Skate». Leben, um zu skaten. Heute sieht Seabase den Spruch als Metapher zur Freiheit. Einfach das zu machen, was man liebt. Dabei führte er zwischenzeitlich ein gewöhnliches Leben. KV-Lehre, Berufsmatura, Systemingenieur. Für Grossfirmen macht er Planungen im Umgang mit IT-Ressourcen. Glücklich wird er dabei nicht. «Irgendwann wurde mir das zu langweilig. Dann habe ich alles über den Haufen geworfen.»

Seegrunder startet damit, Rad zu fahren. Einfach für sich, ohne Ambition sich mit anderen zu messen. «Das war nie mein Ziel», sagt er. Ein Bekannter portraitiert in einem Videoblog den vernarrten Fixie-Biker. Das ist 2008. Red Bull wird auf Seabase aufmerksam, nimmt ihn unter Vertrag. Später kommen andere Sponsoren dazu: Ausrüster Assos, Samsung und Continental. Patriack Seabase macht das Radfahren zu seinem Beruf.

Geschwindigkeiten von 94 km/h – und das mit einem Rücktritt

Täglich trainiert der Berner, legt viele Kilometer auf seinem Velo zurück. Nicht immer macht er das mit einem Bahnrad, häufiger nimmt er ein Rennrad. «Mit dem Fixie-Bike ist es extrem anstrengend. Täglich damit zu trainieren, wäre kaum möglich», sagt Seabase. Die Bremstechnik mit dem Rücktritt ist speziell und bei glitschigem Untergrund gefährlich. Auf seinem Fixie-Bike liegt sein Rekord bei 94 km/h, beim aktuellen Film erreichte er 68 km/h. Wenn auch nicht ungefährlich, Seabase ist fasziniert von seinem Velo: «Ich liebe es, weil es das schlichteste Fahrrad ist, das es gibt.» Auf dem Fixie-Bike kann man nie stillbleiben, die Beine müssen immer treten, sonst bremst es.

Ein Gang, keine Bremsen: Das Rad von Patrick Seabase.

Ein Gang, keine Bremsen: Das Rad von Patrick Seabase.

Red Bull Media House GmbH

Patrick Seabase will mit diesem aussergewöhnlichen Velo noch so einiges entdecken. Wenn er plötzlich eine schöne Strecke sieht, inmitten des Himalayas, würde er sich aufmachen und die Strecke erkunden. «Denn es gibt nichts Schöneres, als auf dem Velo die Welt zu erkunden.»