Kunstturnen

Die Turner leben im olympischen Dorf von Magglingen

WM-Fahrer Oliver Hegi auf dem Balkon des Schachenmannhauses in Magglingen.

WM-Fahrer Oliver Hegi auf dem Balkon des Schachenmannhauses in Magglingen.

Kunstturner sind anders – zumindest, was die Rahmenbedingungen ihres Lebens als Spitzensportler angeht. Ein Besuch in der Turn-WG in Magglingen, wo zehn Schweizer Nationalkaderturner in einer WG wohnen – so seriös wie nicht immer.

Bei den allermeisten Sportverbänden sind die Athleten der Nationalmannschaft die Aushängeschilder. Beim Turnverband sind sie Angestellte. Wer es ins Leistungszentrum nach Magglingen schafft, erhält vom STV einen beidseits jeweils auf Ende Jahr kündbaren Arbeitsvertrag. Darin sind auch der Monatslohn – je nach Status zwischen 500 und 3500 Franken – sowie die Kost und Logis geregelt.

Essen und trinken können die Kunstturnerinnen und -turner im Restaurant Bellavista im Hauptgebäude des nationalen Sportzentrums. Untergebracht sind die Frauen bei Gastfamilien, die Männer in einer Wohngemeinschaft im Schachenmannhaus, in Gehdistanz zur Trainingshalle gelegen.

Böschenstein, der angebliche Partytiger

Charme versprüht der graue Betonbau am Waldrand weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick. «Für eine Woche ist Magglingen wunderschön. Aber für zehn Jahre…», sagt einer, der während einer Dekade in einem der spartanischen Zimmer des Schachenmannhauses gelebt hat. «Ich war nie gerne in Magglingen», sagt Niki Böschenstein, der 2005 für die Schweiz als 13. das beste WM-Resultat im Mehrkampf seit 50 Jahren erzielt hatte, dessen Arbeitsvertrag 2011 im Rahmen des Neuaufbaus vom STV jedoch gekündigt wurde, rückblickend.

Dem heutigen Fitness-Instruktor wurde immer wieder mal ein unsteter Lebenswandel neben der Sporthalle nachgesagt. Auch im Schachenmannhaus soll früher unter der Regie Böschensteins die eine oder andere Party zuviel stattgefunden haben.

Wie war das also mit angeblichen «Orgien» in der WG, Niki Böschenstein? «Wer das behauptet, hat selber nie dort gelebt», weicht der Aargauer aus. «Wir wussten zu unterscheiden, wann wir topseriös sein mussten und wann es einen lustigen Abend leiden mochte.» Als Beispiel für einen solchen nennt der dreifache WM-Teilnehmer die «legendären Pokerabende», an denen er den ebenfalls im Haus wohnenden Judoka Sergej Aschwanden regelmässig abgezockt habe. Mehr nicht? Böschenstein lässt sich nicht in die Karten blicken, so wie dies gute Pokerspieler nun mal beherrschen.

Die Vorurteile trügen

Unterhalb des Schachenmannhauses befindet sich eine kleine Kapelle. Ob man dort auch beichten kann, wird dem Besucher nicht ersichtlich. Wie steht es heute mit dem Leben im Haus? Immerhin wohnen zehn junge Männer gemeinsam unter einem Dach. Für die allermeisten ist es das erste Zimmer ausserhalb des Elternhauses. Die Kiste voll mit leeren Bier- und Weinflaschen direkt vor der unspektakulären Haustüre lässt vorerst Schlimmes befürchten. Und das so kurz vor der Weltmeisterschaft.

Verantwortlich für den stolzen Verschleiss von Alkohol sind jedoch die temporären Gäste im Erdgeschoss aus einer anderen Sportart. An der Anzahl Flaschen gemessen, müssen es Ausdauerathleten sein. Diese sind bei der Ankunft des Besuchers fleissig vor dem Fernseher am Gamen, während aus den Zimmern der Turner kein Mucks zu hören ist.

Einer ist am Lernen für die Schule, ein anderer zwischen zwei harten Trainings am Schlafen, der dritte auf dem Weg zum Physiotherapeuten. Es zwickt wieder mal im Rücken. Die Waschmaschine im langen, dunklen Gang läuft gerade nicht. «Sie wird aber rege benutzt,» erklärt später WM-Fahrer Oliver Hegi. Grundsätzlich wasche jeder seine Sachen. Nach Länderkämpfen übernehme aber einer das Waschen der Nationalmannschaftsdresses.

Der Chefkoch hat nicht nur die Küche verlassen

Wir haben ein Rendezvous mit Severin Rohrer, der vom Team zum Hauschef gewählt wurde. Der dumme Spruch zur Begrüssung, wann er jeweils vor dem Wochenendurlaub zum Hauptverlesen bitte, kommt nicht gut an. Denn tatsächlich nimmt der 24-Jährige jeweils Ende Woche die Gemeinschaftsküche ab. Dort herrschte bis zu diesem Frühjahr regelmässig ein Riesenchaos. Die Kunstturner führten einen gemeinsamen Frühlingsputz durch und seither ist jede Woche einer aus dem Team für Ordnung und Sauberkeit verantwortlich.

Derzeit hat es Feldweibel Rohrer nicht gerade streng. Seit zwei Monaten wird die grosse Küche, in welcher sich die Kunstturner nach getaner Vertragsarbeit zum Ausklingen des Tages treffen, renoviert. Zusammen gekocht wird allerdings eher selten. Ab und zu mal als Gemeinschaftswerk ein Kuchen gebacken. Und mit dem zurückgetretenen Lucas Fischer fehlt zukünftig einer, der mit einer gewissen Regelmässigkeit ein feines Mahl aus dem Kochtopf gezaubert hat.

Ein Team auf sportlicher Ebene

Severin Rohrer kümmert sich auch um die Zimmerzuteilung und die Organisation des Einzugs, wenn ein Neuer ankommt. Auch als die Waschmaschine kürzlich den Geist aufgab, nahm der Hauschef die Organisation des Austauschs in die Hände.

An die WM nach Glasgow hat es Rohrer wegen diversen gesundheitlichen Rückschlägen nicht geschafft. Dass er es in der «sturmfreien» Zeit in Magglingen während der Titelkämpfe krachen lässt, dazu besteht keine Sorge. «Wir sind ein gutes Team, das auf der sportlichen Bühne etwas reissen will», sagt er.

Seriös und nicht ausufernd

EM-Silbermedaillengewinner Christian Bachmann ergänzt: «Wir sind alles Spitzensportler und können es auch lustig haben, ohne zu überborden.» Und Oliver Hegi fügt an: «Die Mentalität ist im Vergleich zu früher zweifellos seriöser geworden. Wenn wir mal an einem Abend gemeinsam TV schauen, kontrollieren wir uns selber, dass es jeder rechtzeitig ins Bett schafft.» Auch Cheftrainer Beni Fluck hat keine Bedenken: «Ich schaue schliesslich jedem am Morgen in der Trainingshalle in die Augen.»

Lagerkoller scheint in Magglingen auch ohne Pokerabende nicht mehr aufzukommen. «Wir haben es gut miteinander und das gemeinsame Ziel Olympische Spiele schweisst zusammen», sagt Hegi. «Ich fühle mich sehr wohl hier. Alles ist in der Nähe», sagt Rohrer. Die Schilderungen der Kunstturner über ihren gemeinsamen Alltag erinnern ein wenig an das Leben im olympischen Dorf. Mit dem Unterschied, dass es bei ihnen nach drei Wochen nicht zu Ende ist.

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