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Die Thurgauer Hürdenläuferin Yasmin Giger holt an der U23-EM Bronze und schliesst die Lehre ab

Die Thurgauerin Yasmin Giger gönnt sich nach anstrengenden Monaten eine Pause.

Die Thurgauerin Yasmin Giger gönnt sich nach anstrengenden Monaten eine Pause.

Die 19-jährige Leichtathletin Yasmin Giger ist trotz Doppelbelastung nicht zu stoppen und überzeugt beim Saisonhöhepunkt im schwedischen Gävle. Nun macht sie sich Gedanken über ihre Zukunft.

Yasmin Giger kommt in Sportkleidern zum Gespräch. Auf die Tartanbahn geht sie jedoch nicht. Die 19-jährige Thurgauerin verbringt den Nachmittag stattdessen am Bodensee. Sie will die Sonne geniessen, Freunde treffen – einfach einmal eine Pause einlegen. «Zuletzt hatte ich viel zu wenig Zeit dafür», sagt Giger und setzt sich im Hafen von Romanshorn unter einen Sonnenschirm. Sie bestellt eine heisse Schokolade und beginnt dann von den vergangenen Monaten zu erzählen, die viel Kraft kosteten und am Wochenende mit einem Höhepunkt endeten. An der U23-EM im schwedischen Gävle holte Giger eine Bronzemedaille über 400 m Hürden.

Die Ostschweizerin hatte im Vorfeld nicht damit gerechnet. «Die Menschen um mich haben mir mehr zugetraut als ich mir selbst», sagt sie und lacht. Giger war schon immer zurückhaltend mit ihren Zielen und traut sich selbst noch zu wenig zu. Sie wusste jedoch auch, dass es in diesem Jahr nicht einfach sein wird. «Weil so viel los war», sagt Giger. Denn parallel zum Sport bereitete sie sich diesen Frühling auf die Lehrabschlussprüfungen ihrer kaufmännischen Ausbildung vor.

Lernen, während die anderen schlafen

Die Doppelbelastung machte sich bemerkbar. Im Training blieb oft zu wenig Zeit, um an Details zu arbeiten. Nach einer langen Lernphase fehlte auch einmal die Konzentration. «Und ich gab mich schneller zufrieden», sagt Giger. Für den Wettkampf galt das alles jedoch nicht. Denn Giger ist eine, die über sich hinauswachsen kann, wenn es um Medaillen und Siege geht. Damit sie diese Stärke jedoch ausspielen konnte, entschied sie sich, nur die wichtigsten Wettkämpfe zu bestreiten. Zu entscheiden, welche das sind, war jedoch gar nicht so einfach. Vor allem die Staffel-WM in Japan brachte sie ins Grübeln.

Es gab die Gedanken, abzusagen. Denn mit dem Vorbereitungscamp dauerte diese zwei Wochen. Zwei Tage nach ihrer Rückkehr stand die erste Abschlussprüfung an. Zudem musste sie durch die Absenz drei weitere Tests nachholen. Doch dann sprach sie über die Zweifel mit ihrem Firmgötti, der Mutter und dem älteren Bruder Zaafir, die ihr auch sonst immer beistehen. Diese bestärkten sie, auf sich selbst zu hören. Sie sagten jedoch auch, dass sie Giger so einschätzen würden, dass sie dank ihrer Disziplin beides schaffen könne.

Am Ende entschied sich Giger für den Grossanlass. Sie packte ihre Schulbücher ein, druckte die Zusammenfassungen aus. Im Flugzeug lernte sie, als alle noch schliefen. Und in Japan las sie im Hotelzimmer, während ihre Kolleginnen in der Lobby Uno spielten. «Mein Umfeld hatte recht – wie immer», sagt Giger und lacht. Sie schaffte alles. Mit der 4×400-m-Staffel qualifizierte sie sich in Japan für die WM diesen Herbst in Doha. Sie bestand die Lehrabschlussprüfung. Und sie reüssierte an der U23-EM, ihrem Saisonhöhepunkt.

«Ich will wissen, wo meine Grenzen liegen»

Bronze ist für Giger bereits die fünfte Medaille an einem internationalen Grossanlass. «Früher dachten die Leute vielleicht, ich sei noch so jung und die Medaille ein Zufall», sagt Giger. Mit dem dritten Rang beweise sie nun das Gegenteil. Sie hatte bisher noch keine schlechte Saison, immer wurde sie besser. «Es bringt jedoch nichts, wenn man nur als junge Athletin gut ist», sagt Giger. «Erst jetzt wird es ernst.» Ein Reifungsprozess hat sie auch an sich selbst festgestellt. Früher startete sie an Wettkämpfen, ohne zu wissen, was für eine persönliche Bestleistung sie aufweist. Es ging nur um die Freude am Laufen. Nun gewinnen die Wettkämpfe und Zeiten an Bedeutung.

Die Erwartungen der Zuschauer werden grösser. Auch die Frage steht im Raum, wie es nun weitergeht, jetzt wo sie die Lehre abgeschlossen hat. Wird sie weniger arbeiten und dem Sport mehr Platz einräumen? Giger hat noch keine Antwort auf diese Frage. Sie wird sich in den kommenden Tagen mit ihren Chefs im Ausbildungsbetrieb zusammensetzen und dann weiterschauen. Zuerst möchte sie jedoch eine Pause einlegen, die Sonne am Bodensee geniessen, mit Freunden Glace essen. Denn schon bald ist die Zeit dafür wieder knapp. Die zweite Saisonhälfte steht an. Und mit ihr die Frage, was nach ihrer Jahresbestleistung von 56,39 Sekunden in Schweden noch möglich sein wird. «Ich will wissen, wo meine Grenzen liegen», sagt Giger.

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