Eishockey
Die Schweizer müssen um die Viertelfinals bangen

Noah Schneeberger bringt es auf den Punkt: «Unser einziger Trost: auch die Russen mussten schwitzen …» Nach einem zeitweise wilden Spektakel verliert die Schweiz gegen Russland 1:5 (0:1, 0:1, 1:3).

Klaus Zaugg
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Die Schweiz schwört sich auf das Spiel gegen Russland ein.
8 Bilder
Reto Berra kassiert das 0:1.
Wieder trifft Russland.
Die Russen jubeln.
Patrick Fischer gibt Anweisungen.

Die Schweiz schwört sich auf das Spiel gegen Russland ein.

Keystone

Nach fünf von sieben Vorrundenpartien sind wir weniger gut als vor einem Jahr in Prag. Wir haben erst sieben Punkte. Zwei weniger als zum gleichen Zeitpunkt bei der letzten WM. Das ist vorerst die bittere Wahrheit von Moskau.

Die Schweiz schwört sich auf das Spiel gegen Russland ein.
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Reto Berra kassiert das 0:1.
Wieder trifft Russland.
Die Russen jubeln.
Patrick Fischer gibt Anweisungen.

Die Schweiz schwört sich auf das Spiel gegen Russland ein.

Keystone

Wie potemkinsche Dörfer

Der Mut der Schweizer zur Offensive vermag phasenweise zu begeistern. Dieser vortreffliche optische Eindruck aber täuscht, wie die Dörfer des Fürsten Potemkin, über taktische und defensive Unzulänglichkeiten hinweg, die zu den Punktverlusten gegen Kasachstan, Dänemark und Norwegen geführt haben. Die Mannschaft steht irgendwo im Niemandsland zwischen Mut und Naivität.

Schaffen wir die Viertelfinals doch noch – wofür es wahrscheinlich gegen Schweden und Tschechien Punkte braucht –, dann werden wir den Mut zur offensiven Ausrichtung preisen. Wenn es nicht reicht, diesen Mut als taktische Naivität und als Überschätzung der eigenen Möglichkeiten kritisieren. Es wäre ein Rückfall zurück ins letzte Jahrhundert, als es so oft geheissen hat: gut gespielt, aber verloren. An der WM ist Resultathockey gefordert.
Immerhin hat sich gegen Russland ein Spieler rehabilitiert. Im Startspiel gegen Kasachstan unterläuft Reto Berra der Jahrzehnt-Lapsus (zum 1:1), der uns den Sieg und in der Endabrechnung vielleicht die Viertelfinals kostet. Aber entscheidend ist die Reaktion auf ein Missgeschick. Gegen die Russen spielte Berra erstmals fast auf dem Niveau der Silber-WM von 2013.

Doch er sagt: «Dieses Spiel war eine Katastrophe.» Um dann doch zu relativieren: er haben auch viel Gutes gesehen. Diese spontane Reaktion entspricht der Enttäuschung über seine Hilflosigkeit in der Niederlage. Die Fangquote von 86,84 Prozent spiegelt nicht seine grosse Leistung. Aber letztlich ist es eben doch ein potemkinsches Dorf: Die vielen grossen Paraden haben zu wenig Substanz. 86,84 Prozent Fangquote reichen nicht. Für Punktgewinne gegen Schweden und Tschechien muss unser Goalie mehr als 92 Prozent der Schüsse abwehren.
Der Nationaltrainer war froh, dass gegen die Russen das Boxplay erstmals funktioniert hat (kein Tor in Unterzahl) und dass die Anzahl Fehler rückläufig war. Aber ein Fehlpass von Samuel Walser in der Angriffszone ist der Ausgangspunkt jenes Konters, der zum 0:1 führt. Ein Treffer, dessen Wirkung Patrick Fischer hinterher als «tödlich» bezeichnen wird.

Wieder können wir das potemkinsche Beispiel heranziehen: Die Abwehr sah recht gut und in Unterzahl gar prächtig aus. Aber am Anfang der Niederlage stand erneut ein unverzeihlicher Fehler.
Die Partien gegen Schweden (heute 19.15 Uhr) und Tschechien (Dienstag 11.15 Uhr) werden theoretisch einfacher sein als das Drama gegen die Russen. Aber in der Praxis ebenso schwierig. Weil beide Mannschaften eher geduldiges, organisiertes und pragmatisches Hockey spielen – also nicht ein so dynamisches, wildes, forderndes Vorwärtshockey wie die Russen.

Es war einfacher, mit dem wilden russischen Bären zu tanzen, als nun mit den schwedischen und tschechischen Rechenkünstlern taktisch zu knobeln. Wir haben vor einem Jahr unter Glen Hanlon gegen beide je einen Punkt geholt. Daran wird Patrick Fischer in der WM-Schlussbilanz gemessen werden.

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