EM 2016
Die grosse Zeit des Spätzünders

Vor einem Monat wurde Olivier Giroud bei einem Testspiel gegen Kamerun nocht ausgepfiffen. Jetzt antwortet der ungeliebte Stürmer seinen Kritikern mit Toren.

Markus Brütsch, Paris
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Olivier Giroud führt Frankreich zu einem 5:2-Triumph gegen Island.

Olivier Giroud führt Frankreich zu einem 5:2-Triumph gegen Island.

KEYSTONE/AP/PETR DAVID JOSEK

Der Regen prasselte so laut aufs Dach, dass Didier Deschamps bei der Pressekonferenz nicht immer gut zu verstehen war. Aber klar wurde gleichwohl, dass sich der Coach der Franzosen darüber beklagte, wie unbarmherzig Olivier Giroud am Abend zuvor beim Testspiel gegen Kamerun ausgebuht worden war. «Die Pfiffe sind ungerecht. Er arbeitet enorm fürs Team und schiesst trotzdem Tore», sagte Deschamps. In den sozialen Netzwerken aber gab es Aufrufe, man solle beten, dass sich Giroud bis zur EM noch verletze.

Einen Monat später sitzt dieser Giroud im Trainingszentrum Clairefontaine vor den Medien. Es ist der Tag nach dem 5:2 über Island, zu dem Giroud zwei Tore und zu Griezmanns 4:0 einen raffinierten Assist beigesteuert hat. Hatten alle gedacht und sich getäuscht. «Ich denke nicht, dass ich den Ball noch berührt habe», gibt Giroud zu.

Die Episode zeigt, wie sehr sich sein Standing innerhalb von fünf Wochen verändert haben muss, wenn er es sich leisten kann, auf einen spektakulären Assist zu verzichten. Mit Standing Ovations hatte ihn das Publikum bei seiner Auswechslung bedacht und die Uefa zum «Man of the match» gewählt. «Ich denke, dass dies mein bestes Spiel im blauen Trikot gewesen ist», sagte Giroud danach. «Mit Griezmann verstehe ich mich eben blind.»

Die Rufe nach Karim Benzema, dem suspendierten Torjäger, sind längst verstummt. Genauso wie jene nach den beliebten Alexandre Lacazette von Lyon, Kevin Gameiro vom FC Sevilla und Hatem Ben Arfa, der in der letzten Woche von Nice zu Paris Saint-Germain transferiert wurde.

Die Franzosen verfügen über ein Potenzial an Angreifern, wie kein anderes Land. Mit Griezmann, Payet und Giroud besässen sie nun den besten Dreizack Europas, schrieb am Montag eine Zeitung. Und da sind auch noch Pierre-André Gignac, der in der Saison 14/15 stolze 21 Tore für Marseille geschossen hatte und seither mit einem Millionenvertrag für Tigres in Mexiko spielt, sowie Anthony Martial von ManUnited und Kingsley Coman von den Bayern.

Dass sich Giroud einmal gegen eine solche Konkurrenz durchsetzen würde, hätte noch vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten. Er gehörte nie einer Nachwuchsauswahl an, spielte mit knapp 24 Jahren erstmals in der Ligue 1 und debütierte unter Laurent Blanc als 25-Jähriger in der Équipe Tricolore. Bei Grenoble Foot hatte ihm Trainer Mehmed Bazdarevic sogar prophezeit, es reiche sicher nicht für die Ligue 1, und wahrscheinlich nicht mal für die Ligue 2.

Also ging Giroud in die dritte Liga zu Istres, wurde dann beim zweitklassigen Tours Torschützenkönig und hätte zu Celtic Glasgow wechseln können. Doch der unterschätzte Spätzünder, ein Musterprofi von A bis Z, unterschrieb bei Montpellier und traf damit ins Schwarze. Mit 21 Toren schoss er die Südfranzosen 2012 zum Meistertitel und wurde dank dieser Referenz für 12 Millionen Euro vom FC Arsenal übernommen. «Er schien überhaupt nicht prädestiniert für eine solche Karriere», sagte René Girard, der damalige Trainer Montpelliers, nun der Zeitung «L’Équipe». Aber ganz tief in sich drin habe sich Giroud dieses Ziel in den Kopf gesetzt und mit viel Geduld daraufhin hingearbeitet. «Ich hatte es nie leicht», sagt Giroud, «ich habe vor allem wegen meiner mentalen Stärke reüssiert.»

Zehn Tore in elf Spielen

Hinter sich hat er seine vielleicht beste Saison. Seit Oktober letzten Jahres hat er in elf Länderspielen, in denen er nur einmal über 90 Minuten eingesetzt wurde, zehn Tore geschossen. 19 seiner 20 Treffer für Frankreich hat er unter Deschamps erzielt. «Viele, die mich nicht mögen, sagen, ich sei eher für den Gegner eine Verstärkung als für meine Mannschaft», sagt Giroud süffisant, «doch Deschamps sieht es anders und vertraut mir.»

Für Arsenal schoss er in der letzten Saison 16 Ligatore, und als es in der Champions League um den Einzug in die K.-o.-Phase ging, beim 3:0 in Piräus einen Hattrick. Und doch wurde er zuletzt dafür kritisiert, zu viele Chancen ausgelassen und damit Mesut Özil den Assistrekord verdorben zu haben.

Der Arbeiter Giroud spielt vielleicht nicht so aufregend wie Talent Benzema, aber er hat in 53 Länderspielen 20 Tore geschossen und damit den besseren Schnitt als der Real-Stürmer mit 27 Treffern in 81 Partien.

Bei der EM hat Giroud bisher drei Mal getroffen. «Jetzt wollen wir gegen Deutschland Revanche für das 0:1 bei der WM in Brasilien», sagt Giroud, «und danach die EM gewinnen.» Es heisst, er lasse sich den Bart wachsen, um ihn dann nach dem Triumph in den drei Landesfarben zu färben.

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