Leichtathletik
Die Frau, die den Stab verlor – Kambundji vor der Hallen EM

Sieben Monate nach ihrem Missgeschick bei der Europameisterschaft in Zürich sprintet Mujinga Kambundji an den Hallen-EM erneut um Medaillen. Doch wie sehen ihre Chancen tatsächlich aus?

Simon Steiner
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Enttäuscht: Mujinga Kambundji (links) nach ihrem Missgeschick in der Staffel.

Enttäuscht: Mujinga Kambundji (links) nach ihrem Missgeschick in der Staffel.

KEYSTONE

Ob auf der Strasse, im Bus oder im Zug: Überall wird Mujinga Kambundji von wildfremden Menschen auf jene Szene angesprochen. An den Europameisterschaften im vergangenen August in Zürich sprintete Kambundji so schnell wie nie eine Schweizerin zuvor und stiess in die kontinentale Spitze vor. In den Köpfen der Leute aber blieb ein Moment haften, welcher die 22-jährige Bernerin erst richtig populär machte. Kambundji ist die Frau, die an den EM beim Start zur Sprintstaffel den Stab verlor.

An den Titelkämpfen in Zürich wurde Kambundji auf einen Schlag landesweit bekannt. Medienanfragen und Einladungen aller Art häuften sich, ohne dass Kambundji der Rummel um ihre Person zu viel geworden wäre. «Ich bin mit der neuen Situation ziemlich gut zurechtgekommen – auch dank der Unterstützung aus meinem Umfeld», sagt sie. «Ich habe viele Leute kennen gelernt und durchweg positive Reaktionen erhalten.» Von Sponsoren allerdings wurde Kambundji, um deren Management sich seit November der Bündner Giusep Fry kümmert, bisher noch nicht überrannt.

Training in Deutschland

Den Fokus auf das Sportliche hat die Tochter eines Kongolesen und einer Bernerin nicht verloren. «Das Training hat erste Priorität, dann die Erholung und dann der Rest», sagt die mehrfache Schweizer Rekordhalterin. Im Alltag hat sich für Kambundji nach den Europameisterschaften denn auch wenig geändert. Wie bereits in der letzten Saison verbringt sie in der Regel drei Tage pro Woche in Mannheim, wo sie der Trainingsgruppe des deutschen Coachs Valerij Bauer angehört. Dort profitiert sie nicht nur von dessen Know-how, sondern auch von starken Trainingspartnerinnen wie der früheren 100-m-Europameisterin Verena Sailer. Hinzu kommt, dass sie in Mannheim kaum soziale oder anderweitige Verpflichtungen hat. «Der Erholung ist das nur förderlich», sagt sie.

Wie letzten Sommer im Freien hat Kambundji nun auch in der Hallensaison einen eklatanten Leistungssprung vollzogen. Ende Januar pulverisierte sie in Magglingen den Schweizer Rekord über 60 m gleich beim ersten Meeting des Winters. Die dort aufgestellte Marke von 7,18 Sekunden egalisierte die Schnellstarterin, die an einer privaten Wirtschaftshochschule in Bern studiert, seither gleich zweimal. In der europäischen Bestenliste steht sie gegenwärtig an vierter Position.

Die Nummer vier

Damit ist Kambundji zusammen mit 800-m-Läuferin Selina Büchel – auch die Hallen-WM-Vierte von 2014 geht als nominelle Nummer 4 ins Rennen – die grosse Hoffnungsträgerin an den Indoor-Europameisterschaften, die heute in Prag beginnen. Kambundji weiss, dass eine Medaille in Reichweite liegt, sagt aber: «Ich versuche, nicht zu sehr darüber nachzudenken, was drinliegt. 60 Meter sind so kurz und alle sind eng zusammen.» Den Erwartungsdruck – den eigenen und den äusseren – will die Bernerin ins Positive drehen: «Es macht mehr Spass, wenn man weiss, dass man vorne mitlaufen kann.» Und Kambundji weiss noch etwas anderes: «Der perfekte Lauf ist mir diesen Winter noch nicht gelungen.»