Leichtathletik
Die Europameisterschaften als Pacemaker für eine serbelnde Sportart

Der kontinentale Grossanlass, der kommende Woche in Zürich stattfindet, hat der Schweizer Leichtathletik bereits im Vorfeld zu neuer Dynamik verholfen. Bereits bei der Letzigrund-Abstimmung 2005 hatte man auf die Leichtathletik-EM gehofft.

Simon Steiner
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Der Auftritt der Frauen-Sprintstaffel – hier nach dem nationalen Rekord von Anfang Juli in Lausanne – verspricht aus Schweizer Optik einer der Höhepunkte der EM in Zürich zu werden.

Der Auftritt der Frauen-Sprintstaffel – hier nach dem nationalen Rekord von Anfang Juli in Lausanne – verspricht aus Schweizer Optik einer der Höhepunkte der EM in Zürich zu werden.

KEYSTONE

Die Zürcher Stimmbürger bekommen mit der Leichtathletik-EM ein Versprechen eingelöst. Als es 2005 an der Urne um den Bau des neuen Letzigrund-Stadions ging, stand in den Abstimmungsunterlagen explizit, der Veranstalter des jährlichen Meetings «Weltklasse Zürich» werde sich im Fall eines positiven Volksentscheids beim europäischen Verband um die Titelkämpfe bemühen.

Kommende Woche ist es nun so weit: 60 Jahre nach der Premiere in Bern finden die Europameisterschaften der Leichtathleten zum zweiten Mal in der Schweiz statt. Damit rückt eine Sportart in den Fokus, die in den letzten Jahren national wie international an Strahlkraft eingebüsst hat.

In der Schweiz manifestierte sich diese Entwicklung in einer anhaltend rückläufigen Tendenz bei der Zahl der Lizenzierten. Die Konkurrenz an Freizeitangeboten generell machte der olympischen Kernsportart ebenso zu schaffen wie der Boom neuer Disziplinen wie Triathlon oder Mountainbike. Gleichzeitig setzte eine schleichende Verdrängung der Leichtathletik aus dem Schulsport ein. Der traditionelle Sporttag, an dem gelaufen, geworfen und gesprungen wurde, wandelte sich zunehmend zum spielerischen Fun-Event.

Auch hausgemachte Probleme

Hinzu kamen hausgemachte Probleme wie eine Verbandspolitik, welche die Ressourcen stark auf die Förderung der Spitzenathleten konzentrierte und den Nachwuchs vernachlässigte. Mittelfristig hatte dies zur Folge, dass der Schweizer Leichtathletik die Topathleten ausgingen.

Nach den Rücktritten von Aushängeschildern wie Marcel Schelbert, André Bucher und Anita Weyermann, die den Vergleich mit der internationalen Konkurrenz nicht zu scheuen brauchten, stiess niemand nach, der die entstandene Lücke hätte füllen können. Mit Viktor Röthlin, der als Marathonläufer seinen Zenit erst als über 30-Jähriger erreichte, hatte Swiss Athletics zwar noch einen Sportler von europäischem Format. Dahinter fehlte dem Verband jedoch eine ganze Generation von Athleten.

Ein Grossanlass als Impulsgeber

Ein zentraler Beweggrund für die Lancierung des EM-Projekts war deshalb von Beginn weg, die Schweizer Leichtathletik mit einem Grossanlass wieder in Schwung zu bringen. Die Kandidatur für kontinentale Meisterschaften bot sich aus mehreren Gründen an. Die Austragung von Weltmeisterschaften kam aufgrund der fehlenden Infrastruktur nicht infrage. So wäre ein deutlich grösseres Stadion nötig. Zudem stossen die Organisatoren in Zürich bereits mit den Europameisterschaften an logistische Grenzen – etwa bei der Unterbringung der knapp 1500 Athleten und 700 Betreuer.

Auch für die Schweizer Athleten stellt die EM einen geeigneten Rahmen dar. Da die Selektionshürden im Vergleich zur WM niedriger sind, witterten zahlreiche potenzielle Teilnehmer ihre Chance, sich an einem Grossanlass im eigenen Land präsentieren zu können, und setzten alles daran, sich zu qualifizieren. Zudem sind die Aussichten auf europäischem Niveau besser, ein achtbares Resultat zu erzielen.

Im globalen Vergleich hängen die Trauben respektive Medaillen in vielen Disziplinen deutlich höher. So sind die Sprintwettbewerbe an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften derzeit ganz in amerikanischer und karibischer Hand, während die afrikanischen Athleten den Mittel- und Langstreckenlauf dominieren.

Grösserer Schub als erwartet

Die Dynamik, welche die EM in der Schweizer Leichtathletik auslöste, übertraf die Erwartungen von Swiss Athletics deutlich. Nicht weniger als 53 Athletinnen und Athleten vertreten die Schweiz in Zürich. Als der Verband im Herbst 2008 das Projekt Swiss Starters lancierte, ein Fördergefäss für die EM, wurden 30 Teilnehmer als Ziel definiert. Dass nun die grösste Schweizer Delegation an einem Leichtathletik-Grossanlass Tatsache wird, hat zwar auch mit einer milderen Selektionspolitik zu tun, deutet aber auch eine erfolgreiche Trendwende an.

Die positive Entwicklung schlägt sich auch in der Zahl der Lizenzierten nieder, die wieder im Anstieg begriffen ist. Oder in den Resultaten an den internationalen Meisterschaften im Nachwuchsbereich. Vor allem aber: Gemessen an den Selektionsvorgaben für die EM 2014, war die Spitze der Schweizer Athleten seit der Jahrtausendwende nicht mehr so breit wie heute.

Die Leichtathletik wird weiblicher

Auffällig ist, dass der Aufschwung in erster Linie den Frauen zu verdanken ist. Seit bekannt ist, dass die EM in Zürich stattfindet, hat sich die Zahl der Athletinnen mit erfüllter Vorgabe mehr als verdoppelt. Dass die Schweizer Leichtathletik weiblicher geworden ist, zeigt sich auch im Nachwuchsbereich: Dort ist die weibliche Jugend quantitativ deutlich stärker vertreten als die männliche. Einer der Gründe dafür dürfte in der grossen Popularität des Fussballs liegen, der mehr Prestige verspricht und vor allem junge Männer durch die Aussicht anzieht, viel Geld zu verdienen.

Solche Perspektiven vermag die Leichtathletik kaum zu bieten. Der Kreis der Athleten, die vom Sport leben können, ist überschaubar. In der Schweiz ist dies in den vergangenen Jahren einzig Viktor Röthlin gelungen. Umso bemerkenswerter ist, wie viele Athleten die Chance auf eine Teilnahme an den Titelkämpfen im eigenen Land dazu bewegte, auf die EM ihr Arbeitspensum zu reduzieren oder ihr Studium zu unterbrechen.

Keine übertriebenen Erwartungen

Was die Erfolgsaussichten der Schweizer EM-Teilnehmer betrifft, so ist allerdings vor übertriebenen Erwartungen zu warnen. Die Quantität der Swiss-Athletics-Delegation sagt noch nichts über deren Qualität aus. Für die Mehrheit der Schweizer Starter ist bereits die Selektion erfreulich.

Realistische Medaillenchancen besitzt das Team einzig im Marathon, wo neben dem bald 40-jährigen Titelverteidiger Viktor Röthlin mit Tadesse Abraham ein zweiter Podestanwärter im Schweizer Dress ins Rennen steigt. Der gebürtige Eritreer, der seit mehr als zehn Jahren hierzulande wohnt und Ende Juni den Schweizer Pass erhielt, gilt auf der anspruchsvollen Strecke durch die Zürcher Innenstadt als Topfavorit. Daneben gibt es im Heim-Team eine ganze Reihe von Kandidaten und vor allem Kandidatinnen für einen Finalplatz. Sie könnten allenfalls mit einem Exploit für eine Überraschung sorgen.

Eine Bilanz ist erst in ein paar Jahren möglich

Eine Bilanz der EM aus Sicht der Schweizer Leichtathletik wird vermutlich erst in einigen Jahren möglich sein. Erst dann wird sich zeigen, wie nachhaltig die Impulse sind, welche der Grossanlass der hiesigen Szene verliehen hat. Die Aussichten sind aber nicht nur deshalb gut, weil viele der EM-Teilnehmer von Zürich ihren Leistungszenit noch vor sich haben dürften, sondern auch, weil die Nachhaltigkeit bewusst angestrebt wird.

Ein zentrales Element ist dabei der von EM-CEO und Weltklasse-Zürich-Direktor Patrick Magyar lancierte und vom Leichtathletik-Hauptsponsor unterstützte UBS Kids Cup. Der langfristig ausgelegte Nachwuchsanlass bringt in diesem Jahr mehr als 110 000 Kinder und Jugendliche mit den drei leichtathletischen Grundoperationen Laufen, Springen und Werfen in Berührung. Das sind gute Voraussetzungen für die Nachwuchsrekrutierung von Athleten, längerfristig gesehen auch von Trainern und Funktionären.

Mehr als ein Sportfest

Zunächst jedoch steht in Zürich ein grosses Sportfest mit kulturellem Rahmen bevor. Die Crew um Magyar, die das Weltklasse-Meeting jedes Jahr mit höchsten Ansprüchen inszeniert, hat alles unternommen, um erfolgreiche und stimmungsvolle Europameisterschaften zu organisieren.

Da Titelkämpfe in der Leichtathletik kein Selbstläufer sind, wurde die EM von Beginn weg als Event geplant, der über den Sport hinausgeht. Die Leistungen der Athleten sollen zwar im Mittelpunkt stehen, tägliche Showacts im Stadion und ein grosses City-Festival auf dem Sechseläutenplatz mit der Präsenz des «House of Switzerland» umrahmen die Wettkämpfe. Auch wenn das damals nicht in den Abstimmungsunterlagen stand.

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