Leere Stadien
Die Entfremdung des Sports: Verlieren die Klubs wegen Geisterspielen ihre Fans?

Spiele finden statt, doch in den Stadien herrscht gähnende Leere. Fussball und Eishockey entfernen sich immer mehr von den Fans. Kehren diese nach Corona überhaupt wieder in die Stadien zurück?

Raphael Gutzwiller
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Die Stadien bleiben für die Fans bis auf Weiteres geschlossen.

Die Stadien bleiben für die Fans bis auf Weiteres geschlossen.

Benjamin Soland/Freshfocus

Ein bisschen haben wir uns daran gewöhnt. Daran, dass der Ton aus dem Fernseher ruhiger geworden ist. Daran, dass wir die Spieler hören, wie sie einander Anweisungen geben. Selbst an den Anblick, dass die Sitze verwaist bleiben. Doch auch nach Monaten der leeren Stadien fehlen sie noch immer: die Fans. Sie sind es, die ein Spiel in den Publikumssportarten Fussball und Eishockey zu einem Ereignis machen. Für viele Menschen ist das Stadion auch ein sozialer Treffpunkt.

Und jetzt? Jetzt sitzen die Zuschauerinnen und Zuschauer vor dem heimischen Fernseher auf ihrem Sofa. Einige von ihnen mögen aus Tradition eine Stadionwurst verspeisen oder ein Bier trinken, ein ähnliches Feeling wie früher ist es für sie aber nicht. Die Spiele des eigenen Vereins werden von einem Ereignis zu einer Nebensache. Was passiert in dieser Zeit mit den Fans? Finden sie andere Hobbys und wenden sich vom Sport ab? Und kehren sie je wieder zahlreich in die Stadien zurück?

Die sozialen Medien helfen, Kontakt zu halten

Mit diesen Themen befassen sich derzeit die Schweizer Eishockey- und Fussballklubs. David Gadze, Medienchef beim FC St. Gallen, sagt: «Tatsächlich suchen wir nach neuen Wegen, mit unseren Fans in dieser besonderen Zeit mehr Kontakt zu halten.» Funktionieren soll dies im Jahr 2020 hauptsächlich dank verstärkter Präsenz in den sozialen Medien und auf der Website. So hat der FCSG mit der «Espenrunde» eine einstündige TV-Sendung lanciert, in dem Akteure zu Wort kommen. Zudem dürfen Fans neuerdings vor jeden Meisterschaftsspiel auch Fragen für die Pressekonferenzen einreichen.

Ähnlich gehen es die ZSC Lions an. Kommunikationsleiter Sandro Frei sagt: «Natürlich ist es für uns alle sehr schwierig, dass die Fans nicht in die Stadien dürfen. Aber wir versuchen, so gut wir können und dürfen, den Kontakt aufrechtzuerhalten.» Veranstaltungen, wie Autogrammstunden oder Sponsorenevents, finden derzeit nicht statt, dafür bauen die Lions ihr digitales Angebot aus. Derzeit mit einem Adventskalender, in dem es Fanartikel zu gewinnen gibt. Während den Spielen kommentierten die Lions neuerdings ihre Spiele selber. «Das Stadionerlebnis kann man nicht eins zu eins ersetzen. Wir versuchen aber zu machen, was dank sozialen Medien möglich ist.»

Jubeln ohne Fans: Die Spieler der ZSC Lions.

Jubeln ohne Fans: Die Spieler der ZSC Lions.

Marc Schumacher / freshfocus

Auch bei den anderen angefragten Vereinen zeigt sich, dass dank Internetaktivitäten der Kontakt gehalten werden soll. Beim FC Luzern etwa ist man aktiver, postet mehr. Zudem werden die Fans durch einen Newsletter informiert. Und beim EV Zug heisst es, dass man in sozialen Medien und im Fanforum in Kontakt mit den Fans steht.

Für die Vereine ist eines der zentralen Themen derzeit, ob die Fans gänzlich auf Rückerstattung für ihre bezahlten Saisonabos pochen. So heisst es beim SC Bern, dem mit normalerweise über 16'000 Zuschauern höchsten Schnitt eines europäischen Hockeyklubs: «Zurzeit laufen Aktionen zum Verzicht auf Rückerstattung zu Gunsten des SCB.» Aufgrund von Einzeleintritten sowie Verpflegungseinnahmen brechen den Klubs viele Gelder weg.

Beim FC Basel konnten sich Fans dafür bewerben, an einem virtuellen «Runden Tisch» mit anderen Fans und der Geschäftsleitung des Klubs teilzunehmen. Ziel der Aktion ist es, kreative Vorschläge für die Saisonabobesitzer zu erarbeiten. Zudem wurden Fans dazu eingeladen, an einem Austausch mit Präsident Bernhard Burgener und CEO Roland Heri teilzunehmen.

Wenn Fixpunkte im Kalender wegfallen

So oder so: Das Stadionerlebnis ist nicht zu ersetzen. «Im Stadion hat man das Gefühl, dass man sein Team unterstützt. Vor dem TV kann ich ausschalten und es ändert sich überhaupt nichts», sagt Dario Reinhard. Der 27-Jährige ist im Vorstand des Luzerner Fanklubs des HC Ambri-Piotta und besitzt seit über 15 Jahre ein Saisonabonnement beim FC Luzern.

Ist leidenschaftlicher Fan von Ambri-Piotta: Dario Reinhard.

Ist leidenschaftlicher Fan von Ambri-Piotta: Dario Reinhard.

zvg

«Meine beiden Vereine zu unterstützen, ist eines meiner grössten Hobbys», sagt Reinhard. «Die Spiele sind normalerweise Fixpunkte in meinem Kalender. Jetzt hat sich das aber geändert.» Häufig schaue er die Spiele mit einigen ausgewählten Freunden, manchmal auch alleine. «Ich bin aber nur mit den halben Emotionen mit dabei. Im Stadion kann man sich über ein Tor minutenlang freuen. Jetzt, ob alleine zu Hause oder mit Freunden vor dem TV, stehe ich vielleicht kurz vom Sofa auf, balle die Faust und sitze wieder ab.»

Einige Fans finden neue Hobbys. Kehren sie zurück?

Wie viel bleibt von den Geisterspielen hängen?

Wie viel bleibt von den Geisterspielen hängen?

Andy Mueller / freshfocus

Die Emotionen nehmen ab, der Kontakt findet nur noch digital statt. Kehren nur noch wenige Zuschauer zurück in die Stadien? «Vielleicht gibt es einige, die neue Hobbys gefunden haben. Der Grossteil wird aber wiederkommen», sagt Dario Reinhard.

Das glaubt auch Simon Walter, FCB-Medienchef. «Wir spüren, dass die Unterstützung auch jetzt gross ist. Das zeigt die Tatsache, dass für den Frühling schon über 10'000 Fans ein Halbjahreskartenabonnement reserviert haben. Wir denken, dass sich viele Fans auf den Moment freuen, in dem sie wieder zurückkommen können.»

Und Sandro Frei von den ZSC Lions sagt: «Hätten wir die Saison erneut abgebrochen, wären wir wohl aus dem Bewusstsein der Fans verschwunden. Aber weil der Spielbetrieb läuft, glaube ich, dass das Interesse bestehen bleibt. Wir alle freuen uns, wenn die Fans endlich wieder ins Stadion dürfen.»