Eishockey-WM 2017 Paris/Köln
Die Eishockey-WM ist in Frankreich nicht mehr als eine Randnotiz: «Gibt es überhaupt Regeln?»

Die Menschen in Frankreich interessieren sich nicht wirklich für die WM, die unter anderem in ihrem Land stattfindet. In Frankreich gibt es auch Wichtigeres zu verfolgen: Die Präsidentenwahl, Terroranschläge und Studentenproteste halten das Land in Atem.

Marcel Kuchta aus Paris
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Noch ist die Eishockey-WM in Paris nicht mehr als eine Randnotiz – dementsprechend leer ist es zum WM-Auftakt rund um die AccorHotels-Arena.Keystone

Noch ist die Eishockey-WM in Paris nicht mehr als eine Randnotiz – dementsprechend leer ist es zum WM-Auftakt rund um die AccorHotels-Arena.Keystone

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Man kann nicht behaupten, dass in Paris schon die grosse Eishockey-Euphorie ausgebrochen ist. Die AccorHotels-Arena ganz in der Nähe des Gare de Lyon, dort, wo sich im Herbst jeweils auch die Tennis-Asse duellieren, ist zwar mit Fahnen und Plakaten geschmückt, die auf die gestern Abend eröffnete WM hinweisen. In den Cafés in Stadionnähe sitzen ein paar finnische und tschechische Fans, die in ihren Eishockey-Shirts, umringt von Touristen, aber eher deplatziert wirken und mit leichtem Befremden betrachtet werden. Ansonsten weist in der französischen Metropole nur wenig darauf hin, dass in den kommenden zwei Wochen hier Eishockey-Titelkämpfe stattfinden.

Eishockey-Fans sind ein spezielles Völkchen. In Frankreich beäugt man sie kritisch.

Eishockey-Fans sind ein spezielles Völkchen. In Frankreich beäugt man sie kritisch.

Keystone

Was aber auch verständlich ist. Man merkt, dass die politische Lage in Frankreich angespannt ist. Die Präsidenten-Stichwahl zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen, die am Sonntag entschieden wird, hält das ganze Land in Atem. Immer mal wieder flackern in Paris Studentenproteste auf. Und dann ist da noch die allgegenwärtige Terror-Gefahr. Im Land herrscht weiterhin der Ausnahmezustand. Massenansammlungen sorgen deshalb bei den Sicherheitsinstitutionen generell für erhöhten Pulsschlag. Eine der Konsequenzen: Die geplante Eishockey-WM-Fanmeile vor der Arena in Paris-Bercy wurde aus Sicherheitsgründen gestrichen. Für die Eishockey-Fans, die aus ganz Europa an die Seine strömen, gibt es also keine zentrale Anlaufstelle. Das ist gewöhnungsbedürftig und der ansonsten traditionell generell ausgelassenen und fröhlichen Stimmung rund um die WM-Arenen sicher nicht zuträglich.

Lieber Giro als Eishockey-WM

Man muss sich aber auch vor Augen halten, dass sich der Stellenwert der Sportart Eishockey in Frankreich im überschaubaren Rahmen bewegt. Oder anders ausgedrückt: sie gehört zu den absoluten Randsportarten. Als ob es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, liefert die renommierte Sportzeitung «L’Equipe» am Tag der WM-Eröffnung ein Musterexempel ab. Es erscheint wohl eine Sonderausgabe. Aber nicht eine zu Ehren der Eishockey-WM, sondern wegen des 100-Jahr-Jubiläums des Giro d’Italia. Die Zeitung wird sogar auf rosa Papier gedruckt. Die zweitgrösste Radrundfahrt der Welt (hinter der Tour de France) füllt entsprechend weit über die Hälfte der Seiten.

Die «L'Equipe» titelt mit dem Giro d'Italia.

Die «L'Equipe» titelt mit dem Giro d'Italia.

Marcel Kuchta

Hinter Fussball und Rugby finden sich dann aber doch noch drei Seiten zum Thema Eishockey-WM. Der Titel spricht für sich: «Le feu couve toujours sous la glace» – das Feuer schwelt noch unter dem Eis. In einer historischen Abhandlung wird erklärt, dass sich die französische Hockey-Szene auf ein paar wenige (Klein-)Städte beschränkt. Vornehmlich im Norden des Landes und natürlich in den Alpen. In Amiens, Rouen, Angers, Grenoble, Gap oder Chamonix sind die Hallen ordentlich gefüllt. Der Zuschauerschnitt der höchsten Spielklasse, der Ligue Magnus, beträgt gemäss «L’Equipe» fast 2000 Zuschauer pro Match und bewegt sich damit etwa auf dem Level der höchsten französischen Volleyball-Liga.

Auf dem TV-Sportsender Canal Plus läuft in den Tagen vor der WM auch der eine oder andere Beitrag zum Thema Eishockey. Auch hier steht mehrheitlich der aufklärerische Aspekt im Vordergrund. Wenn etwa eine Keilerei aus der NHL gezeigt wird, fragte der Moderator den Experten verwundert: «Darf man das? Gibt es überhaupt Regeln?» Dabei dürfen die Franzosen der WM in sportlichen Belangen eigentlich sehr zuversichtlich entgegenblicken. Lausanne-Goalie Cristobal Huet ist auch mit 41 immer noch ein Weltklasse-Rückhalt. Mit Antoine Roussel (Dallas), Pierre-Edouard Bellemare (Philadelphia) und Yohann Auvitu (New Jersey) stehen drei Spieler im französischen Nationalteam, die in der abgelaufenen Saison regelmässig in der NHL zum Einsatz kamen. Dazu kommt mit Stéphane DaCosta ein Mann, der in der russisch geprägten KHL bei ZSKA zuletzt zu den zuverlässigsten Skorern gehörte.

Philippe Bozon beklagt sich, dass er nicht nach seiner Meinung gefragt wird.

Philippe Bozon beklagt sich, dass er nicht nach seiner Meinung gefragt wird.

Keystone

Trotzdem wünscht man sich in der französischen Eishockey-Szene etwas mehr Euphorie. Der in der Schweiz bestens bekannte Philippe Bozon (ex Lugano und ex Servette) beklagt sich am Tag der WM-Eröffnung öffentlich darüber, dass er im Vorfeld des Turniers gar nie nach seiner Meinung gefragt worden sei. Er sei zwar mal kontaktiert worden, ob er sich vorstellen könnte, als Botschafter für das Turnier aufzutreten, habe dann aber nichts mehr von den Organisatoren gehört. Dabei hofft der 50-Jährige, der aktuell Trainer beim französischen Erstligisten Bordeaux ist, dass die WM für das hiesige Eishockey einen Aufschwung in Frankreich bewirkt. «Es wäre schön, wenn nicht nur die Eishockey-Fans zu den Spielen kommen, sondern auch solche, die die Sportart kennen lernen wollen.» Viel liegt wohl in den Händen der «Equipe tricolore». Siege sind das beste Lockmittel fürs Volk.