EM-Halbfinal
Deutschlands Fallrückzieher-Legende Klaus Fischer im grossen Interview

François Schmid-Bechtel
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Klaus Fischer erzielt im WM-Halbfinal 1982 gegen Frankreich in der Verlängerung per Fallrückzieher das 3:3.

Klaus Fischer erzielt im WM-Halbfinal 1982 gegen Frankreich in der Verlängerung per Fallrückzieher das 3:3.

Imago

In der ewigen Bundesliga-Torjägerliste liegt Klaus Fischer (66) hinter Gerd Müller auf Position 2. Doch punkto Tor-Ästhetik ist Fischer die Nummer 1. Legendär sind seine Fallrückzieher. Wie im WM-Halbfinal 1982 gegen Frankreich. Doch dem gelernten Glasbläser Fischer ist der ganz grosse Triumph verwehrt geblieben. Zumindest im Fussball. Final-Niederlage gegen Italien an der WM 1982. Mit einem Schienbeinbruch im Spital, als Deutschland 1980 Europameister wurde. Und Meister wurde der Bayer mit Schalke und Köln auch nie. Immerhin ist er später im Eisstockschiessen Deutscher Meister und Europameister geworden.

Welche Erinnerungen haben Sie an 1982, den WM-Halbfinal gegen Frankreich?

Klaus Fischer: Als wäre es gestern gewesen. Das war ein Halbfinalspiel der besten Sorte. Hochdramatisch von der ersten bis zur letzten Minute. In der Verlängerung gerieten wir 1:3 in Rückstand. Aber eine deutsche Mannschaft darf man erst abschreiben, wenn der Schlusspfiff ertönt ist. Rummenigge macht das 2:3. Und dann flankt Littbarski von links. Hrubesch legt zurück und ich erziele in der 108. Minute dieses Tor zum 3:3.

Nicht irgendwie, sondern mit einem Fallrückzieher.

Anders als mit einem Fallrückzieher hätte ich diesen Ball nicht verwerten können. Glück gehört dazu, denn wir haben gegen ein sehr gutes Frankreich gespielt. Ein Frankreich, das mit Tigana, Giresse und Platini ein Traum-Mittelfeld hatte.

Das Penaltyschiessen hat Deutschland gewonnen. Warum sind Sie als Torjäger nicht vom Elfmeterpunkt angetreten?

Ich habe auch im Klub nur selten Penaltys geschossen. Ausserdem habe ich mich nicht aufgedrängt. Und wenn ich ehrlich bin, war ich froh, dass ich nicht an die Reihe gekommen bin.

Sie sagten, die Deutschen darf man nicht vor dem Schlusspfiff abschreiben. Gilt das auch heute noch?

Ich glaube, dass auch die aktuelle Mannschaft diese Qualität noch immer hat.
Welchen Eindruck hatten Sie von der Deutschen Nationalelf im Viertelfinal gegen Italien?
Taktisch war das alles in bester Ordnung. Nur hat das dazu geführt, dass wir fast keine und die Italiener gar keine Torchancen hatten. Mir gefällt das nicht.

Mehmet Scholl moniert, der Nationaltrainer Jogi Löw habe seine Taktik zu sehr den Italienern angepasst. Sind Sie einverstanden mit Scholls Kritik?

Teils, teils. Wir sind schliesslich amtierender Weltmeister. Da müsste es eher so sein, dass sich die Gegner nach uns richten und nicht umgekehrt. Ein Weltmeister sollte Dominanz ausstrahlen, aber ohne arrogant zu sein. Das war gegen Italien nicht der Fall. Wir waren nicht dominant. Wie auch, wenn man nur drei offensive Spieler auf dem Platz hat. Aber wir sind eine Runde weiter gekommen – Ziel erreicht.

Scholl glaubt, Löw sei durch seinen Schweizer Chefscout Siegenthaler beeinflusst und riet, Siegenthaler solle im Bett liegen bleiben und die anderen ihre Arbeit machen lassen.

Tja, das ist mir zu polemisch. Man kann den Fussball nicht mit früher vergleichen. Heute wird halt alles ausgereizt. Insbesondere im analytischen und taktischen Bereich. Für uns Zuschauer ist das nicht immer interessant.

Hatte Ihre Spielergeneration mehr taktische Freiheiten?

Das schon. Nur hatte ich damals als Stürmer einen Gegenspieler, der 90 Minuten hinter mir hergelaufen ist und mich notfalls sogar auf die Toilette begleitet hat. Man muss etwas tun, man muss laufen, genau Pässe schlagen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das ist heute nicht anders als früher.

Der Halbfinal-Krimi von 1982 gegen Frankreich war auch ein äusserst ruppiges Spiel. Es gibt dieses Bild von Torhüter Toni Schumacher, wie er den französischen Stürmer Battiston niederstreckt.

Stimmt. Dass wir ohne Platzverweis über die Runden kamen, war ziemlich glücklich. Aber so war er halt, der Toni Schumacher. Ohne Rücksicht gegenüber sich selbst und gegenüber dem Gegner.

Früher furchteinflössende Kampfmaschinen, heute eine spielstarke Multi-Kulti-Equipe. Hat sich der deutsche Fussball so stark gewandelt?

Ach, das ist mir zu extrem. Sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung. Wir waren nicht nur Kampfmaschinen. Wir hatten damals hochbegabte Fussballer wie Breitner, Rummenigge, Littbarski, Hansi Müller, Matthäus. Und wir hatten mit Manni Kaltz sogar einen offensiv ausgerichteten Verteidiger. Natürlich hatten wir Kampfmaschinen wie den Karl-Heinz Förster oder den Hanspeter Briegel. Aber solche Typen gibt es auch heute noch.

Was für ein Spiel erwarten Sie gegen die Franzosen?

Das sind zwei Mannschaften, die nach vorne spielen. Doch der gegenseitige Respekt könnte gross sein. Die Franzosen wissen, dass sie gegen den Weltmeister spielen. Und wir sind uns bewusst, dass wir gegen einen starken Gastgeber spielen.

Frankreich musste auf dem Weg in den Halbfinal noch keinen grossen Brocken aus dem Weg räumen. Wie gut ist der Gastgeber tatsächlich?

Bis auf den 5:2-Sieg gegen Island haben mich die Franzosen nicht überzeugt. Island hat es den Franzosen mit haarsträubendem Abwehrverhalten aber auch einfach gemacht.

Xherdan Shaqiris Wahnsinns-Treffer gegen Polen ...

... das beste Tor dieser EM.

Eine Fischer-Kopie?

Kann man so sagen. Wenn ich so ein Tor sehe, geht mir das Herz auf. Shaqiri kann das, daran habe ich nie gezweifelt.

Sie haben 1977 gegen die Schweiz einst das Tor des Jahrhunderts geschossen.

Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Wir haben 4:1 gewonnen. Auch ein Fallrückzieher. Vielleicht war der Ball ein bisschen höher als bei Shaqiri.

Nach Ihrem Rücktritt als Spieler sind Sie ins Trainerbusiness eingestiegen. Doch zu einer grossen Karriere hat es nicht gereicht – warum?

Als Schalke mir trotz unterschriebenem Vertrag Udo Lattek vorgezogen hat, wollte ich nicht mehr länger Assistenztrainer bleiben. Ich habe dann Schalkes Amateure übernommen und später eine Fussballschule gegründet, die ich heute noch führe.

Bedauern Sie diesen Entscheid?

Natürlich kann man als Trainer viel Geld verdienen. Aber der Druck in diesem Job ist enorm. Ich kenne einige, die abgewrackt, dem Alkohol verfallen sind. Nein, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich lebe noch immer auf Schalke und bin im Ehrenrat des Klubs.

Die Schweizer Sturmhoffnung Breel Embolo wechselt zu Schalke. Kann er Ihr Nachfolger werden?

Ich hoffe es. Er ist robust, hat schnelle Beine und ist auch handlungsschnell, was im heutigen Fussball sehr wichtig ist. Aber er muss noch hart an sich arbeiten – das hat man an der EM gesehen. Sie können ihm sagen: Wenn er ein Gespräch mit mir haben möchte, kann er sich jederzeit gerne mit mir unterhalten.

Deutschland-Legende Klaus Fischer ortet bei Breel Embolo im technischen Bereich noch Verbesserungspotential und will dem Nachwuchstalent als Schalke-Experte und Ratgeber beiseite stehen.

Deutschland-Legende Klaus Fischer ortet bei Breel Embolo im technischen Bereich noch Verbesserungspotential und will dem Nachwuchstalent als Schalke-Experte und Ratgeber beiseite stehen.

Keystone

Wo hat Embolo Defizite?

Im technischen Bereich. Aber das ist nicht so gravierend. Denn er ist ja noch jung und entwicklungsfähig. Ausserdem kann man diese Defizite ausmerzen – auf dem Platz, nach dem Training. Ich kann ihm schon ein paar Tipps geben, wenn er das will.

Schalkes Erwartungen an Embolo sind hoch, allein weil der Verein etwa 25 Millionen Franken Ablöse bezahlt hat. Wie kann der Spieler diesem Druck standhalten?

25 Millionen sind schon viel, aber im internationalen Vergleich nicht astronomisch. Da werden ganz andere Summen bezahlt. Wissen Sie: Die Fans auf Schalke verzeihen viel. Wenn ein Spieler Gas gibt, hart arbeitet und versucht, etwas zu bewegen, verzeiht man ihm auch Fehler. Wenn er weiter an sich arbeitet und nicht aufgibt, wenn es mal nicht läuft, kann Embolo ein ganz grosser Spieler werden.