Kolumne

Der verschobene Fussball-Feiertag

Wenn die Endrunde naht, sieht es bei vielen so aus: Panini-Bildchen auspacken, nach Ländern sortieren und einkleben.

Wenn die Endrunde naht, sieht es bei vielen so aus: Panini-Bildchen auspacken, nach Ländern sortieren und einkleben.

Weil die Europameisterschaft diesen Sommer aufgrund des Corona-Virus verschoben wurde, fällt auch mein ganz persönlicher Lieblings-Feiertag ins Haus: Der Fellersche-Fussball-Feiertag, der ganz im Zeichen von Panini steht.

Jeder hat sie. Diese Feiertage, die er besonders zelebriert. Weihnachten, Ostern, Thanksgiving. Von mir aus auch der Valentinstag. Nun, mir sind alle eben genannten Tage so ziemlich egal. In meiner Familie gibt es einen anderen Feiertag, der bedeutend ist. Er kommt nur alle zwei Jahre, nicht an einem fixen Datum und viele werden jetzt den Mahnfinger heben und sagen: Das ist kein offizieller Feiertag.

Ist er auch nicht. Aber: völlig egal! Der Fellersche-Fussball-Feiertag fällt meist auf das letzte März-Wochenende, manchmal auch auf das erste April-Wochenende. Die Vorfreude auf diesen Tag ist immer riesig, die Geduld während des ewigen Wartens dafür überschaubar. Wenn Sie sich jetzt fragen, worauf eine 28-jährige Frau und ihr 31-jähriger Bruder so sehnsüchtig warten, dann antworte ich mit einem Wort: Panini.

Ja, Panini. Nicht diese leckeren Brötchen von der italienischen Bäckerei um die Ecke. Nein, Panini-Sticker. Abzieh-Bildchen. Sammel-Karten. Fussball-Kleber. Diese kleinen Dinger also, die im Vorfeld einer EM und einer WM jeweils verkauft und gesammelt werden wie blöd und Kinder ihre Eltern in den Wahnsinn treiben lässt. Und möglicherweise auch an finanzielle Grenzen.

Wer ein ganzes Album voll kriegen will, der muss ganz schön viel investieren. Eine Tüte kostet einen Franken, das Album kriegt man meist gratis dazu. Jenes zur WM 2018 umfasste 682 Bildchen. Damals wurde ausgerechnet: wer ohne zu tauschen das Heft voll kriegen will, benötigt 4832 Sticker, also 967 Panini-Tüten. Preis: Zirka 900 Franken. Aber was im Fussball ist schon erschwinglich?

Mir aber ist sie es wert. Diese Sammelei, sie ist etwas, die mich, seit ich denken kann, begleitet. Mein Bruder hatte sein erstes Heft an der EM 1996. Da war ich noch zu klein. Ab und zu durfte ich ein Bildchen einkleben - und wehe, es war schief. Das musste ich mir dann ewig anhören. Als ich alt genug war, bekam auch ich ein eigenes Heft. Dann tauschten wir. Immer. Überall.

Auf dem Pausenhof, dem Gemeinde-Fussballplatz, beim Nach-Hause-laufen. Es gab kein Ende, bis das Album zumindest annähernd voll war. Und dann: Die richtige Ecke suchen, um die Rückseite abzuziehen, konzentrieren, einkleben. Perfekt!

Der Küchentisch bei uns, bevor es los geht.

Der Küchentisch bei uns, bevor es los geht.

Ich glaube, dass ich meine Fussball-Leidenschaft auch den Bildchen verdanke. Es war ein spielerisches Mittel, mir die Mario Baslers, Pavel Nedveds, Fernando Hierros oder Eric Cantonas der Welt näher zu bringen. Ich lernte Namen, Grössen, Gewichte, Klubs kennen - und Frisuren. Gewisse Spieler geniessen dank Letzteren Kultstatus bei uns. Carlos Valderrama lässt grüssen.

Die Freude über den Inhalt, schlechte Foto-Montagen und noch schlimmere Haarprachten ist heute ungebrochen. Jeweils einen ganzen Samstag treffen wir uns, beide ausgestattet mit einer Hunderter-Packung. Einer Box also, die 100 Päckchen mit je fünf Bildern drin enthält.

Der Küchentisch ist ab dann Panini-Territorium. Stören darf niemand, und wenn, dann nur, um kühles Bier zu bringen. Es wird ausgepackt, sortiert, gewettet. Wer hat Rashford zuerst? Wer Ronaldo? Und wer Pogba? Ein bisschen Wettbewerb muss sein. Und wenns nicht voll wird, dann geht mein Bruder schon mal ins Training der SV Sissach F-Junioren, die von einem seiner besten Freunde trainiert werden, um Bildli zu tauschen.

Die Auslege-Ordnung.

Die Auslege-Ordnung.

So ich das hier schreibe, steigt meine Vorfreude und trifft mich der Dämpfer, dass es dieses Jahr kein Heft geben wird. Keine Bilder, keine Wetten, keine Tauschgeschäfte. Keinen Fellerscher-Fussball-Feiertag. Die EM ist verschoben - die einzig richtige Lösung.

Also bleibt nur Warten, Fiebern, in alten Heften blättern. Und vielleicht auch Zeit, um ein bisschen mehr zu sparen. Nächstes Jahr muss das Ding voll werden! Endlich mal.

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