Leichtathletik-EM
Der starke Mann hinter der Leichtathletik-EM

Bei Patrick Magyar laufen alle Fäden für die Leichtathletik-Europameisterschaften, die morgen in Zürich beginnen, zusammen. Der Grossanlass ist für ihn eine Herzensangelegenheit.

Simon Steiner
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Der Kopf der Meisterschaften: Kaum jemand hat für die Schweizer Leichtathletik so viel geleistet wie Patrick Magyar. Urs Jaudas

Der Kopf der Meisterschaften: Kaum jemand hat für die Schweizer Leichtathletik so viel geleistet wie Patrick Magyar. Urs Jaudas

Urs Jaudas

Auf dem Tisch blinkt immer wieder das Mobiltelefon auf. Patrick Magyar lässt es bei einem flüchtigen Blick auf das Display bewenden. Nur einmal nimmt er den Anruf mit einer entschuldigenden Geste an und gibt eine kurze Anweisung. Dann ist er wieder ganz für den Journalisten da, den er wenige Tage vor EM-Beginn in seinem kleinen, schlichten Büro in einem alten Gewerbelokal unweit des Letzigrund-Stadions empfängt. Nach dem 40-minütigen Gespräch hat das Telefon elf verpasste Anrufe registriert.

Bei Magyar laufen an den morgen beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaften alle Fäden zusammen. Dabei hat der 51-jährige OK-Chef den Grossanlass noch weit stärker geprägt, als dies seine Funktion vermuten liesse. «Er ist der EM-Macher», sagt Hansruedi Müller, der sowohl den Verband Swiss Athletics als auch den Verwaltungsrat der Europameisterschaften präsidiert. «Dieser Anlass trägt ganz klar seine Handschrift.»

Die Leichtathletik ist für Magyar eine Herzensangelegenheit – das wird schnell jedem klar, der ihm zuhört. Und für solche Dinge setzt er sich mit ganzer Kraft ein. «Wenn ich etwas mache, dann mit höchstem Engagement und voller Überzeugung», sagt Magyar, der sich bei keinem Detail zu schade ist, sich darum zu kümmern. Dass sich sein Perfektionismus und Tatendrang nicht mit Bürozeiten vereinbaren lässt, versteht sich von selbst. «Manche Leute sind irritiert, wenn sie von mir um fünf Uhr morgens eine E-Mail erhalten und um 22 Uhr wieder», sagt Magyar, der offiziell zu 50 Prozent für die Leichtathletik-EM angestellt ist. Als Meetingdirektor von Weltklasse Zürich fungiert er ebenso ehrenamtlich wie als Promotor der Diamond League, die er selber mit dem Ziel initiiert hat, die Top-Meetings der Leichtathletik besser zu vermarkten. Daneben führt er zusammen mit Christoph Joho eine Sportmarketing-Agentur.

«Brillanter, kreativer Kopf»

«Er ist enorm begeisterungsfähig und verfügt über die Gabe, die Leute für seine Ideen zu begeistern», sagt Joho über Magyar, den er seit über 30 Jahren kennt. Als «brillanten und kreativen Kopf mit einem breiten Wissen in vielen Bereichen» bezeichnet ihn Verbandspräsident Müller. Mit seinem Drive überfordert der Schnelldenker, der über ein breites Netzwerk verfügt, regelmässig sein Umfeld. «Wenn er von einer Idee überzeugt ist, tut er alles, um sie auch umzusetzen», sagt Joho, der seinem Geschäftspartner eine «unschweizerische Kompromisslosigkeit» attestiert.

Kritiker werfen Magyar denn auch vor, zu dominant zu sein. «Es ist nicht einfach, ihm rhetorisch Paroli zu bieten», sagt Joho. «Damit können nicht alle umgehen.» Trotz ausgeprägter Streitkultur bleibe er sportlich fair und respektvoll, es gehe ihm immer um die Sache. «Es kann mir passieren, dass ich Leute vor den Kopf stosse», sagt Magyar. «Aber nie mit Absicht.»

Die Begeisterung für den Sport geht bei Magyar weit zurück. In St. Gallen als Sohn eines Ungarn, der in den 50er-Jahren in den Westen geflüchtet war, und einer Deutschen geboren, wuchs er in Estavayer-le-Lac auf. In der Westschweiz kam er mit der Leichtathletik in Kontakt, ehe er mit der Familie als 14-Jähriger in die Region Zürich zog, wo der berufliche Weg des Vaters hingeführt hatte. Die eigene Karriere als Mittel- und Langstreckenläufer endete nach drei Ermüdungsbrüchen noch im Juniorenalter. «Ich war als Läufer nicht nur zu solid gebaut, sondern auch ausserordentlich untalentiert», blickt er lächelnd zurück. «Aber ich habe intensiv und mit grösstem Willen trainiert.»

Der Leichtathletik blieb er in der Folge als Coach treu. Bereits mit 18 führte er im LC Zürich eine eigene Trainingsgruppe. Daneben studierte er Betriebswirtschaft und unterstützte seinen Vater, der neben seiner Kaderstelle bei Mövenpick auch eine Marketing-Professur in Rennes innehatte, bei der Übersetzung seiner Vorlesungen ins Französische. Als beruflichen Ziehvater bezeichnet Magyar aber den langjährigen «Weltklasse»-Direktor Res Brügger, der ihn 1991 zum Generalsekretär des Meetings und damit zu seiner rechten Hand machte. «Er ist für mich bis heute ein Vorbild und eine menschlich wichtige Person geblieben», sagt Magyar. Von Brügger habe er unter anderem gelernt, sich auf seine Intuition zu verlassen und sich nicht zu sehr durch wissenschaftliche Kriterien leiten zu lassen.»

Im Herbst 2006 trat Magyar schliesslich Brüggers indirekte Nachfolge als Meetingdirektor an. Zuvor hatte der Vater zweier Söhne nicht nur als Manager bei der Fifa und beim Segelteam Alinghi weitere Anerkennung erworben, sondern auch beim kriselnden Leichtathletik-Verband als kurzzeitiger Präsident die Trendwende eingeleitet. Mit seinem vielseitigen Engagement für die Leichtathletik will Magyar auch einen Teil jener sozialen Verantwortung übernehmen, in der er den Sport sieht. Besonders am Herzen liegt ihm deshalb das Nachwuchsprojekt UBS Kids Cup, das er lanciert hat und in diesem Jahr über 100 000 Kinder bewegt hat.

Der Getriebene

Dass er Beruf, Hobby und Privatleben nicht voneinander trennen kann, sieht Magyar als Privileg. «Ich kann machen, was ich gern mache.» Dass er dabei selten zur Ruhe kommt, ist die Kehrseite. «Er ist ein Getriebener», sagt Christoph Joho. «Er kann nie einfach Ferien machen, sondern muss immer irgendwas am Köcheln haben.» Das hat zur Folge, dass ihm der Körper zuweilen die Grenzen aufzeigt. Sieben Lungenentzündungen hat er hinter sich, und zweimal «hat es mich ganz zusammengelegt», wie er sagt.

Nach der EM wird Magyar deshalb auch als Direktor von Weltklasse Zürich aufhören, das seit Jahren als bestes Meeting der Welt gilt, wie der Leistungsmensch nicht ohne Stolz bemerkt. «Ich bin müde», sagt er. «Zudem sind mir etwas die Ideen ausgegangen, wie wir das Meeting noch verbessern könnten.» 2015 werden seine Frau und er dafür wieder einmal im Sommer Ferien machen. Was in den 31 Jahren ihrer Partnerschaft erst ein Mal vorgekommen ist.

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