Leichtatlethik

Der Sprinter Alex Wilson will auf das EM-Podest – dafür trainiert er so hart wie nie zuvor

Alex Wilson trainiert sechs Stunden am Tag.

Alex Wilson trainiert sechs Stunden am Tag.

Der Basler Sprinter Alex Wilson strotzt vor Selbstvertrauen, sein Coach Lloyd Cowan denkt langfristig – und übernimmt einen Teil der Kosten für das Training.

«Es kann nur einen Coach geben», sagt Lloyd Cowan. Der gebürtige Jamaikaner kümmert sich seit dem vergangenen Oktober um den sportlichen Output des Schweizer Sprinters Alex Wilson. Die Rollen sind inzwischen klar verteilt. Der Auftritt der beiden Seelenverwandten beim internationalen Meeting in Genf ist bester Beweis dafür.

Wilson verliert bei seinem Einsatz mit der Schweizer Staffel nach einer kurzen Berührung mit dem Läufer auf der Nebenbahn den Stab. Er möchte seinen Lapsus gerne durch einen späteren Einsatz über 100 m oder 200 m korrigieren. Der Schweizer Staffeltrainer versucht inzwischen mit den Organisatoren einen zweiten gemeinsamen Anlauf zu vereinbaren und der Meeting-Direktor bekniet Cowan, seinen Schützling aufgrund der hervorragenden Bedingungen noch einmal von der Leine zu lassen.

Alex Wilson während des Staffellaufs. In diesem Moment fällt ihm der Stab herunter.

Alex Wilson während des Staffellaufs. In diesem Moment fällt ihm der Stab herunter.

Die Charmeoffensive prallt an einem Felsen ab. Cowans «Nein!» ist unmissverständlich. Wilson werde bis zu den Weltmeisterschaften noch acht Rennen laufen – nicht weniger und nicht mehr. «Schliesslich haben wir einen Plan», sagt der hünenhafte Trainer. Und dieser Plan ist nicht verhandelbar. Am Ende des Weges soll der 26-jährige Basler auf dem Podest der Europameisterschaft stehen. Vielleicht schon nächstes Jahr, spätestens aber 2020.

Keine Diskussion, wer in dieser Beziehung die Hosen anhat. Das sei allerdings nicht immer so gewesen, sagt Cowan. Als Alex Wilson im Oktober 2016 nach einer längeren Phase der Stagnation und einer Saison zum Vergessen die Flucht nach vorne antrat und sich der höchst erfolgreichen Trainingsgruppe Cowans in London anschloss, mussten die Rollen zuerst geklärt werden. «Alex ist eine starke Persönlichkeit», sagt Cowan. Und der Basler war sich gewohnt, sein Leben als Sprinter selber zu bestimmen: Wie er trainiert, was er isst, wo er startet. Selbst die Sponsoren sucht Wilson auf eigene Faust.

Überlebenskampf im Training

Doch nun war da ein Coach, der bestimmte, wo es langgeht. Vor allem dorthin, wo es wehtut. Er trainiere jetzt pro Tag so viel wie zuvor in einer Woche. Sechs Stunden am Stück. Die tägliche Yoga-Stunde am Morgen, die Stabilisationsübungen, die Dauerläufe oder die ungemeine Intensität in einem Team voller Alphatiere – alles war Neuland für den in der Schweiz konkurrenzlosen Wilson. «Wenn du im Training nicht alles gibst, wirst du von den anderen gefressen», drückt es der mit 15 Jahren aus Jamaika zu seiner Mutter nach Basel gekommene Wilson pointiert aus.

Das Training in der Gruppe mit 30 Athleten und 20 Betreuungspersonen – darunter ein Koch, ein Ernährungsberater, ein Arzt und mehrere Physiotherapeuten – hat seinen Preis. Mental und finanziell. In manch grauer Londoner Nebelstunde wollte Wilson den Bettel hinschmeissen. Dass er zuerst sein Gewicht um 6 Kilo auf 82 Kilo reduzieren musste, ihm jemand vorschrieb, was er zu essen habe und er im Training Dinge tun musste, deren Sinn er nicht erkannte, drückte zusätzlich aufs Gemüt.

«Doch schon im Januar realisierte ich, dass ich in der Form meines Lebens war», sagt Wilson. Coach Cowan lacht: «Alex ist jetzt erst seit einem halben Jahr bei mir. Er musste viel ändern und er hat noch einen langen Weg vor sich. Es wird noch mehr von ihm kommen.» Hart sei das Training nach wie vor, sagt Wilson. Doch inzwischen hat er sich auch daran gewöhnt, dass es nach jedem Fehlstart als Strafe einen 400-m-Lauf gebe und dass er zum Abschluss jedes Trainings die volle Bahnrunde unter 49 Sekunden laufen müsse – oder die Übung wiederholen.

Und Wilson jammert nicht, dass er das All-inclusive-Paket in London aus dem eigenen Sack bezahlen muss, auch dank der Hilfe seines Sponsors – einem Spital. 80 000 Franken kostet ein Jahr bei Lloyd Cowan, zahlen kann Wilson nur 60 000 Franken. «Den Rest übernehme ich selber», sagt der Trainer, «weil ich an ihn glaube.» Eine Gegenleistung fordert Cowan von seinem Schützling doch: «Er kann nur in meiner Gruppe bleiben, wenn er bis Ende Saison 10,05 über 100 m und 20,20 über 200 m läuft.

Alex Wilson ist auf gutem Weg. Mit dem doppelten Schweizer Rekord vor zwei Wochen (10,11 und 20,37) fiel schon mal die Last der WM-Qualifikation von seinen Schultern. «Damit ist ein riesiger Druck weg. Ich kann nun einfach rennen, Spass haben und schnell sein», sagt der sichtlich gelöste Basler. Eigentlich sei es ja verrückt: Die Saison habe für ihn gar noch nicht richtig begonnen. Der Fokus liege nach wie vor beim Training. «Der Moment, in dem ich auf der Bahn explodiere, kommt erst.» Alex Wilson ist überzeugt, dass an der Anzeigetafel dannzumal nach 100 m zuvorderst eine 9 aufleuchten wird.

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