Final Four

Der Nationalmannschafts-Delegierte Claudio Sulser zieht vor seinem Rücktritt Bilanz: «Würde ein paar Dinge anders machen»

Der Nationalmannschafts-Delegierte Claudio Sulsers blickt auf sein Schaffen zurück.

Claudio Sulser hört Ende Juni nach drei Jahren als Delegierter des Nationalteams und damit als Chef von Vladimir Petkovic auf. Der 63-jährige Funktionär zieht vor dem Schweizer Spiel um Platz drei (heute, 15 Uhr) Bilanz und sagt, es fehle das i-Tüpfelchen.

Müssen oder wollen Sie als Nationalmannschaft-Delegierter aufhören?

Claudio Sulser: Ich will aufhören. Das Amt des Nationalmannschaft-Delegierten ist ein 100-Prozent-Job. Und dieses Volumen will und kann ich nicht leisten. Mein Hauptberuf ist Anwalt und das möchte ich auch bleiben.

Ist es nicht so, dass Bernhard Heusler und Georg Heitz in ihrem Bericht über die Nationalmannschaft gesagt haben, Sie müssen weg?

Ich habe selbst lange mit beiden geredet und ihnen gesagt, dass man diese Arbeit nicht im Nebenamt machen könne. Es stehen tagtäglich Aufgaben an, aber wenn man prioritär einen anderen Beruf ausübt, kommt man immer wieder in Konflikt mit seinen verschiedenen Aufgaben. Der Delegierte in dieser Form ist nicht mehr zeitgemäss, deshalb kommt nun der Teammanager.

Als Delegierter sind Sie der Chef von Vladimir Petkovic, handeln die Prämien aus oder verantworten wie hier in Portugal die Kampagne. Bis jetzt ging das alles im Nebenamt.

Es hat sich viel verändert. Es ist weitaus mehr Arbeit geworden, auch aufgrund der Professionalisierung im Schweizer Verband. Man schaue da nur auf die anderen Länder. Als ich begonnen hatte, waren es andere Voraussetzungen, zudem sah ich meine Position mehr als politische, institutionelle Funktion. Ich war ja im Vorstand der Swiss Football League, die mich als Delegierten vorschlug.

Im Moment gibt es Meinungsverschiedenheiten im Verband zwischen der Amateur-Liga und der 1. Liga einerseits und der Swiss Football League anderseits. Es geht darum, ob der Teammanager nur für die A- und U21-Nationalmannschaft oder bis hin für alle Nachwuchsauswahlen verantwortlich ist.

Es gibt verschiedene Sichtweisen, ja. Unser Verband ist sehr kompliziert, wenn man etwas ändern will. Wenn sich eine Sektion dagegenstellt, gibt es die Änderung nicht. Priorität hat so oder so das A-Team. Die Philosophie, bis nach unten in den Nachwuchs zu wirken, finde ich positiv.

Was passiert, wenn bis Ende des Monats kein Teammanager da ist? Bleiben Sie interimistisch im Amt?

Fragen Sie mich nochmals, falls es tatsächlich so weit kommen sollte. Ich habe schon lange kundgetan, dass ich aufhören werde. Aber ich stehe noch zur Verfügung, bis der Teammanager gefunden und eingesetzt ist.

Wer ist Ihr Favorit für den Posten?

Es kursieren Namen. Aber es liegt nicht an mir, darüber zu spekulieren. Man wird nach der Bestimmung des Teammanagers sofort informieren.

Was sagen Sie zu Alain Sutter, Peter Knäbel, Martin Andermatt?

Die Namen haben Sie genannt. Wie gesagt: Es liegt nicht an mir, darüber zu spekulieren.

Die Schweiz hat in der Nations League gegen Portugal verloren. Wie ordnen Sie den Auftritt ein?

Gegenüber der Nations League war ich anfänglich sehr skeptisch, auch von der Gruppengrösse mit drei Ländern. Doch ich habe meine Meinung revidiert. Sie ist besser als ich gedacht habe. Die Schweiz hat gut gespielt in der Nations League, wir verfügen über Substanz, daran habe ich auch nie gezweifelt. Der Auftritt gegen Portugal war gut, aber wir haben trotzdem verloren. Es fehlte wenig. Aber dieses Wenige spiegelt sich eben im Resultat. Ich war gegen Portugal nach dem Ausgleich überzeugt, dass wir das schaffen. Und dann kam Cristiano Ronaldo.

Sie sind nun drei Jahre im Amt, haben eine Endrunde an der WM erlebt. Wie fällt die Bilanz aus?

Positiv aus sportlicher Sicht. Wir hatten viele imponierende Siege in der WM-Qualifikation. Auch die Qualifikation für das Final Four hier in Portugal ist top, das wurde meiner Meinung nach zu wenig honoriert. So gesehen bin ich zufrieden, allerdings fehlt das i-Tüpfelchen.

Russland hallte lange nach, vielleicht tut es das noch immer.

Ich würde heute im Nachhinein ein paar Dinge anders machen. Es gab gewisse Konstellationen, die konfus waren und in denen wir falsch reagierten. Ich habe Fehler gemacht, die ich nicht mehr rückgängig machen kann. Dazu muss ich stehen. Wir haben viel gelernt, Massnahmen getroffen, Prozesse angepasst.

Die Folge war der Heusler-Bericht.

Schon vorher war klar, dass die Rollen und Strukturen angepasst werden müssen. Vor allem wussten wir, dass die Position des Delegierten so nicht mehr zeitgemäss war und ist. Die Professionalisierung auf ein Vollzeit-Mandat und die Anpassung des Auftrags sind nun die richtigen Schritte.

Es gab auch negative Stimmen über Sie. Was hätten Sie anders machen müssen beim Doppeladler-Gruss? Oder direkt nach dem WM-Aus?

Man hätte schneller und koordinierter reagieren müssen. Während unseres Aufenthaltes in Russland hatten wir die Dynamik, die der Doppeladler-Gruss ausgelöst hatte, unterschätzt. Auch verpassten wir es danach, uns genügend abzusprechen und zu koordinieren.

Würden Sie heute den Coach zwingen, früher zu reden nach der WM?

Vladimir Petkovic wollte dabei sein. Aufgrund einer internen Informationspanne kam es dann allerdings nicht dazu. Das darf nicht passieren. Wir haben unseren Teil gelernt und alle Massnahmen eingeleitet, dass solche Situationen nicht mehr passieren.

Als Anwalt müssten Sie eigentlich krisenerprobt sein.

Nun ja, manchmal erwischen einen gewisse Ereignisse auf dem linken Fuss. Sie haben recht, als Anwalt bin ich es geübt, mit besonderen Situationen umzugehen. Doch in diesem Falle wurden wir von der in der Öffentlichkeit geführten Debatte regelrecht überrollt. Intern war die Stimmung viel besser, als gemeinhin angenommen. Das Team und der Trainer und der Staff hielten zusammen. Und es bleibt zu sagen, insgesamt dürfen wir stolz sein auf die Resultate, die die Mannschaft in der letzten Zeit erreicht hat. Die kleine Schweiz gehört zu den zehn besten Fussball-Nationen der Welt.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Vladimir Petkovic beschreiben?

Ich habe eine gute Beziehung zu ihm. Wir konnten uns auch über unterschiedliche Standpunkte immer gut austauschen. Ich schätze seine Trainerqualitäten. Er ist ein absoluter Profi, der nie mit dem Erreichten zufrieden ist, in der Niederlage nie die Schuld anderen zuschiebt oder nach Entschuldigungen sucht.

Er wird teilweise ziemlich kritisiert. Könnten Sie ihn besser schützen?

Auch heftige Kritik gehört zu den Risiken dieses Jobs. Die Fakten sprechen aber für Petkovic: noch nie war ein Trainer in der Geschichte der Nationalmannschaft so erfolgreich wie er.

Das Nationalteam ist multikulturell. Wieso haben Teile des Schweizer Volks damit manchmal Mühe?

Die Nationalmannschaft profitiert von ihrer multikulturellen Prägung. Ich erlebe es immer wieder ganz konkret, wie die Schweizerinnen und Schweizer stolz sind auf ihre Nati. Fussball leistet viel zur Integration unserer Migranten in diesem Land. Das ist wesentlich.

Was machen in Zukunft?

Ich hatte ein Leben vor dem Delegierten-Dasein, und ich werde auch danach eines haben. Für mich war es eine intensive Zeit und eine gute Lebensschulung.

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