Eishockey NLA

Der Meister aus Bern spielte gegen Lugano Eishockey wie Rockmusik

Die Berner jubeln - ihnen fehlt gegen Lugano nur noch ein Sieg zum Finaleinzug

Die Berner jubeln - ihnen fehlt gegen Lugano nur noch ein Sieg zum Finaleinzug

Der SC Bern gewinnt in Lugano in einem dramatischen Spiel 3:1 und braucht noch einen Sieg für den Finaleinzug – nächste Partie am Donnerstag.

Luganos grandiosem Untergang in diesem vierten Halbfinale werden wir am besten mit dem Refrain eines Songs der US-Rockband «3 Doors down» gerecht. «Going down in Flames». In Lugano mahnt die Lärmkulisse ja sowieso an ein Rockkonzert.

I’m going down in flames

I’am falling into this again, yeah

I’am going down in flames

I’am falling into this again.

Jeden anderen Gegner als den SC Bern hätte Lugano gestern niedergerungen, vom Eis gefegt, wäre über ihn hinweggebraust. Noch einmal mobilisierte der mächtige, leidenschaftliche Aussenseiter alles. Und bestürmte den SCB als gelte es am Vorabend des letzten Tages noch eine Festung zu erstürmen. Hinterher, im Wissen, wie es geendet hat, ist es leicht, die taktische Cleverness der Berner zu rühmen. Aber wenn Lugano das 1:0, vielleicht sogar das 2:0 gelungen wäre, alles hätte ganz anders kommen können.

Acht Minuten Überzahlspiel vermochten die Gastgeber beim Stande von 0:0 nicht auszunützen und ein letztes Mal blieben sie beim Stande von 1:2 während zwei Minuten erfolglos. Ja, es brannte lichterloh. Aber am Schluss ging Lugano in den Flammen unter, die es selber entfacht hatte. So, als wäre nicht nach Hockeyregeln gespielt worden. Sondern nach einem Hollywood-Drehbuch.

Das 1:0 war die Entscheidung

Ausgerechnet Beat Gerber (34) führt die Entscheidung herbei. Im spielerischen Wesen und Wirken so etwas wie der hockeytechnische Gegenentwurf eines typischen Lugano-Spielers. Ein kleiner (178 cm), aber mutiger, zäher, kräftiger (87 kg) «Bullterrier». Seine Aufgabe ist Verhindern von Toren. Nicht das erzielen derselben. In mehr als 900 NLA-Spielen hat er noch nicht 40 Treffer erzielt. Keine Frage: jeder nur einigermassen begabte Drehbuchschreiber wählt genau diesen Spieler aus, um dieses Drama zu vollenden.

Und tatsächlich: Nicht einer der offensiven Titanen trifft Lugano mit einem Schuss mitten ins Herz. Es ist Beat Gerber. Nach 35 Minuten  und 59 Sekunden fährt sein Geschoss ins Netz von Elvis Merzlikins. Es fällt hinterher, da wir ja wissen, wie alles herausgekommen ist, leicht, diesen Treffer dramatisch zu erhöhen. Aber jeder im Stadion spürte es: es stand 0:0.

Würde Lugano, das der Verzweiflung nahe war, weil einfach niemand ein Mittel fand um Leonardo Genoni zu überwinden, würde also dieses Lugano jetzt, in seine leidenschaftlichen Bemühungen hinein einen Treffer kassieren, dann wäre das die Entscheidung. Und es war die Entscheidung. Den Stachel dieses 0:1 brachte Lugano nicht mehr aus seinem Herzen. Als in der Schlussphase (51. Minute) doch noch das 1:2 fällt, ist es zu spät. (David Jobin hatte zum 0:2 getroffen). Der SCB hält auch dem letzten Anstrum stand und trifft ins leere Tor zum 3:1

Berns grosser Bandengeneral Kari Jalonen hatte gestern das Spielfeld wieder einmal in einen taktischen Maschinenraum verwandelt und seine Männer waren mehr Ingenieure des Defensive als Spieler. Oder, um beim eingangs erwähnten Beispiel der Musik zu bleiben: Die Berner spielten einfach, geradlinig wie eine Hardrock-Band. Einmal mehr gelang es, dieses unberechenbare Spiel berechenbar zu machen. Wir haben gestern das bisher eindrücklichste Beispiel der unheimlichen Einfachheit des Berner Spiels gesehen. Und wir haben gestern gesehen, warum Leonardo Genoni als bester Torhüter der Liga gilt. Aber das ist nun ja wirklich nicht neu.

Nun braucht der SCB noch einen Sieg für den Finaleinzug. Kann Lugano diese Serie noch drehen? Nein. Und wenn es gelänge, wäre es das grösste Comeback seit Lazarus.   

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