Ski Alpin

Der Liebeskummer einer gesamten Ski-Generation

Bode Miller war der «Rockstar» unter den Skifahrern.

Bode Miller war der «Rockstar» unter den Skifahrern.

Er selber hat es noch nicht ausgesprochen, doch der Abschied scheint in Reichweite zu sein. Wie erklären, warum wir Bode Miller im Weltcup vermissen werden.

Das war es also. «Ich gehe zu 100 Prozent davon aus, dass Bode Miller nicht mehr in den Skiweltcup zurückkehrt», sagt Head-Rennsportleiter Rainer Salzgeber. Offiziell hat Miller seinen Rücktritt zwar nie erklärt, aber irgendwie würde ein konventionelles Ende auch nicht passen zu dieser Liebesgeschichte zwischen Miller und dem Skisport. Das Ende, wie so oft bei Beziehungen, schmerzt.

Als Letzter noch individuell

«Der Verlust für den Skisport ist riesig», sagt Salzgeber wenige Tage nachdem der Ausrüstervertrag zwischen Miller und Head im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst wurde.

Mit Miller verliert der Skisport den vielleicht letzten Nonkonformisten. Einen, der anders war. Und gerade deshalb in Europa zum Rebell stilisiert wurde. Im positiven Sinn. Quasi das heimliche Verlangen der Braven, vielleicht etwas Naiven, nach dem «Bad Boy».

«Miller war der letzte Athlet, dem es egal war, was über ihn geschrieben und gesagt wurde. Der auch mal ausbrach aus einem immer professionelleren Sport, der eigentlich solches nichts mehr zulässt», sagt Salzgeber. Bode Miller fuhr Ski, wie er wahrgenommen wurde: verrückt. «Etwas, das ich am Skisport so sehr liebe, ist, dass alle immer sagen, mein Stil sehe ‹scheisse› aus, und ich trotzdem schnell bin», betonte der 38-Jährige.

Kalkulierter Wahnsinn

Und Miller lebte, wie er Ski fuhr: verrückt. Von der Party auf die Piste mit Restalkohol im Blut. Rebellisch, aufmüpfig, unprofessionell? So zumindest zeichnet sich das Bild, das heute viele vom Amerikaner haben.

Doch so einfach ist das nicht. Wo die Wahrheit beginnt und die Fiktion endet, weiss nur Miller selbst. Denn Miller sagte auch: «Nur, wer optimal vorbereitet ist, kann im Weltcup an den Start gehen.» Er relativiert, was er selber erschaffen hat: sein Image.

Sicher ist: Bode Miller war ein begnadeter Skifahrer. Zweimal gewann er den Gesamtweltcup, viermal war er Weltmeister und einmal Olympiasieger. Unvergessen bleiben Auftritte wie jener in Wengen, als er 2007 bei seinem Sieg am Lauberhorn ins Ziel stürzte. Hinterher sagte er: «Ich wusste schon vor dem letzten Sprung, dass ich mich in den Schnee setzen muss.» Kalkulierter Wahnsinn.

Salzgeber erinnert sich: «Bode hatte gerade eine ganze Saison ausgelassen und ist im Frühling für Skitests nach Europa gereist. Ohne sich aufzuwärmen, wollte er sofort den schwierigen Super-G fahren. Als ich ihm sagte, er solle aufpassen, es fehle ihm die Praxis, antwortete er: ‹Ich hatte im Flugzeug viele Stunden Zeit, mir einen Plan zu machen.› Dann fuhr er los. So war Bode.»

Eine Ära geht zu Ende

Vorerst will Miller viel Zeit mit seiner Familie verbringen, mit seinen drei Söhnen und Ehefrau Morgan. Daneben hat er ein neues Hobby: Pferderennen, die ihm viel bedeuten. Acht Pferde trainiert er mittlerweile selbst. Skifahren wird er weiterhin, wenn auch nur noch privat. «Der Spass war für mich schon immer wichtiger als Siege», sagte er einst.

Am übernächsten Wochenende beginnt in Sölden die neue Weltcupsaison. Die Ära nach Miller. «Der Skisport wird weiterleben», sagt Salzgeber. «Auch nach Alberto Tomba oder Hermann Maier dachte man, so wie es war, wird es nie mehr.» Doch sobald sich der Liebeskummer gelegt hat, verliebt man sich neu.

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