Langlauf

Der klassische Langlauf steht vor dem Aussterben - die Gründe

«Es wäre schade, wenn die klassische Technik aussterben würde», findet Olympiasieger Dario Cologna.

«Es wäre schade, wenn die klassische Technik aussterben würde», findet Olympiasieger Dario Cologna.

Beim Weltcup in Davos werden dieses Wochenende beide Rennen in der Skating-Technik ausgetragen. Das ist Zufall: Noch finden sich im Wettkampfkalender Rennen in zwei Stilarten – Skating und Klassisch. Dies könnte sich jedoch bald ändern.

Die klassische Technik hat in den letzten Jahren in Langlaufkreisen massiv an Rückhalt verloren und könnte schon bald aus dem Weltcup verschwinden.

Das Hauptproblem: Die besten Langläufer stossen sich immer häufiger nur noch mit den Armen durch die Klassisch-Spur und verzichten komplett auf den traditionellen Diagonalschritt. Weil die Abstossbewegung mit den Beinen und deshalb auch das Steigwachs damit überflüssig werden, kommen dabei die gleichen Ski zum Einsatz wie in den Skatingrennen.

Diese Entwicklung ist auf zwei Faktoren zurückzuführen. Zum einen finden die Athleten dank den Fortschritten bei der Streckenpräparierung immer häufiger schnelle Spuren vor, welche die Doppelstock-Stosstechnik begünstigen. Zum andern investieren die weltbesten Langläufer heute bedeutend mehr Training in den Oberkörper als noch vor wenigen Jahren und sind dadurch in der Lage, immer längere und steilere Anstiege durchzustossen.

FIS versucht Strecken zu verschärfen

Um reine Stosswettbewerbe insbesondere in den Männerrennen zu verhindern, versucht die FIS daher, die Weltcupstrecken zu verschärfen. Aufhalten lässt sich die Entwicklung dadurch aber kaum. Nachdem das Durchstossen zunächst vor allem in den Sprintrennen in Mode kam, kann es sich je nach Verhältnissen inzwischen auch bei Distanzrennen lohnen. Vor einem Jahr lief Dario Cologna in Davos auf diese Weise über 15 km klassisch aufs Podest. Wenige Wochen später sorgte der Kasache Alexej Poltoranin in Toblach für den ersten Sieg in einem klassischen Distanzrennen auf Skatingski.

Experten sehen deshalb für die traditionelle Stilart eine düstere Zukunft auf Spitzensport-Ebene. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die klassische Technik aus dem Wettkampfsport verschwindet», sagt Jürg Capol. Der frühere Weltcupläufer und langjährige Renndirektor des internationalen Verbandes ist heute bei der FIS Marketing AG zuständig für die nordischen Disziplinen. «Der klassische Langlauf verkümmert zu einer Sportart, die nicht mehr ästhetisch aussieht», findet der Bündner. Die norwegische Langlauf-Legende Björn Dählie pflichtet bei: «In zehn Jahren wird es die klassische Technik im Weltcup nicht mehr geben.»

Für die Konzentration auf die Skating-Technik spricht auch die klarere Positionierung des Langlaufs im Aufmerksamkeits-Wettbewerb unter den Sportarten. «Wir haben heute viele unterschiedliche Wettkampfformate», sagt Dählie. «Die Beschränkung auf eine Stilart würde den Langlauf für das breite Publikum verständlicher machen.»

Eine Abschaffung hätte nicht nur Nachteile

Die Trennung der beiden Stilarten geht auf die Mitte der 1980er-Jahre zurück, als der Skatingschritt die klassische Diagonaltechnik zu verdrängen drohte. Während man sich im Biathlon und in der Nordischen Kombination auf die Skating-Technik festlegte, entschied man sich im Spezial-Langlauf für ein Nebeneinander der beiden Stile. Als Hauptargument für eine Festhalten an der traditionellen Technik diente damals die Feststellung, dass die Mehrheit der Breitensportler auch in der klassischen Technik unterwegs sei.

Dieses Argument ist inzwischen teilweise hinfällig geworden. Einerseits ist die Skatingtechnik inzwischen vor allem in Mitteleuropa im Breitensport weit verbreitet, andererseits hat das Doppelstockstossen nur noch wenig mit der Bewegungsart der klassisch laufenden Bevölkerung zu tun. Selbst bei den grossen Volksläufen wie dem Wasalauf stossen die Topathleten inzwischen auf Skatingski durch. Wurden im Weltcup die Kontrollen inzwischen verschärft, können die Organisatoren im Breitensport allfällige Regelverstösse in Form von Skatingschritten höchstens punktuell feststellen.

Das Gleiche gilt für den Nachwuchssport, der ein weiteres Argument für die Abschaffung der klassischen Technik im Spitzensport darstellt. «Wenn man nur noch eine Skating-Ausrüstung braucht, macht das den Langlauf für die Eltern von Nachwuchsläufern erschwinglicher», sagt Jürg Capol. Und Björn Dählie weist darauf hin, dass mit dem im Klassisch-Bereich deutlich aufwendigeren Wachsen eine weitere Einstiegshürde für potenzielle Nachwuchsläufer entfallen würde.

"Ein Aussterben wäre schade"

Noch hält die FIS im Weltcup an der klassischen Technik fest. Karl-Heinz Lickert, Chef der Kommission für Regeln und Kontrollen im Weltverband, ist überzeugt, dass die traditionelle Stilart auch im Spitzensport noch zu retten ist. «Die klassische Technik hat eine Zukunft, wenn die Trainer und Athleten das wollen», sagt der Deutsche. «Im Schwimmen können Brustschwimmen und Crawl auch nebeneinander existieren.» Für Lickert braucht es dafür aber eine stärkere Sensibilisierung für die klassische Technik in der Nachwuchsausbildung. Support erhält er von Athletenseite: «Es wäre schade, wenn die klassische Technik aussterben würde», findet Olympiasieger Dario Cologna.

Im Breitensport wird die traditionelle Stilart ohnehin nicht so rasch verschwinden, und sei es nur dank des Skiwanderns. Und im Weltcup steht am kommenden Sonntag in Toblach das nächste Klassisch-Rennen auf dem Programm. Erwartet wird ein Stoss-Wettbewerb.

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