Sportwetten
Der Kampf gegen die Hydra ist beinahe unendlich

Rund 100 Billionen Dollar werden heute mit Sportwetten umgesetzt. Im Tag! Dank Internet und Globalisierung hat dieses Geschäftsfeld in den letzten 15 Jahren gigantische Züge angenommen. Sportverbände und Politik versuchen zu reagieren. Aber in vielen Fällen sind ihnen noch immer die Hände gebunden

Rainer Sommerhalder
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Sportwetten werden immer häufiger

Sportwetten werden immer häufiger

Keystone

Einmal im Jahr organisiert die europäische Vereinigung für Sport-Management (EASM) eine Konferenz. In dieser Woche findet sie erstmals in der Schweiz statt. 300 Akademiker aus 40 Nationen diskutierten gestern über mögliche Massnahmen im Kampf gegen Manipulationen von Sportevents. Fachleute aus allen involvierten Bereichen – klammert man die Wettmafia aus – erzählten über ihre Erfahrungen und Entwicklungen.

Der Justiz sind oft die Hände gebunden

Ein schwieriges Thema, dem viel zu lang nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Aufseiten des Staates ist man vielfach noch immer überfordert. So mussten die Strafverfolger von Interpol zu den speziellen Gesetzmässigkeiten von Sportwetten erst einmal ausgebildet werden. Weil in vielen Ländern keine strafrechtlichen Vorschriften zu Sportwetten bestehen, sind der Justiz oft die Hände gebunden. In Europa sind Malta und Gibraltar solche Wettoasen, weltweit ist es Ostasien mit Epizentrum Hongkong.

Erfolge gegen Spielmanipulationen feiert man nur gemeinsam. Der Europarat ist bei der Ausarbeitung und Koordination von internationalen Standards gegen illegale Wetten an vorderster Front. In der Schweiz wird ein eigener Artikel zu Sportwetten ins neue Geldspielgesetz aufgenommen. Der Weltverband der Sportwetten-Anbieter arbeitet inzwischen mit der Fifa, der Uefa und dem IOC zusammen. Das neue globale Lotterie-Überwachungssystem (GLMS) hat in den letzten sechs Monaten 372 Verdachtsfälle im Fussball und 34 im Tennis festgestellt. Allein die Uefa hat als Konsequenz 51 Verfahren eröffnet.

Fifa ab 2018 weltweit zuständig

Die Fifa wird ab 1. Januar 2018 die weltweite Überwachung aller Fussballspiele übernehmen. Sie hat damit die St. Galler Firma «Sportradar» beauftragt. In deren Grossraumbüros geht es zu und her wie an der Börse. Mehrere tausend Spiele täglich werden auf Unregelmässigkeiten und verdächtige Wetttransaktionen geprüft.

Die FIFA will künftig gegen illegale Sportwetten vorgehen

Die FIFA will künftig gegen illegale Sportwetten vorgehen

KEYSTONE/WALTER BIERI

Es bleibt ein Kampf gegen die Hydra, weil die «Bösen» eben nicht in London, New York oder Moskau sitzen, sondern irgendwo anonym im weltweiten Netz – zu oft ausser Reichweite von juristischen Konsequenzen. Im Zuge von strikteren und griffigeren Kontrollmechanismen im internationalen Zahlungsverkehr dienen Sportwetten dem organisierten Verbrechen inzwischen im grossen Ausmass zur Geldwäscherei.

Wetten auf die eigene Niederlage

Dass man heute bei Spielen auf fast jedes Detail wetten kann, macht den Kampf nicht einfacher. Die Wettmanipulatoren fokussieren dabei auf Partien in unteren Ligen, abseits von Kameras und Publikum. Spieler und Schiedsrichter werden mit viel Geld für kleinere Manipulationen – eine bewusste gelbe Karte im Fussball, drei verlorene Games in Folge im Tennis – geködert und sind dann im System gefangen.

Bisweilen sind selbst Spitzensportler vor den Verlockungen der Sportwetten nicht gefeit. Bei den Sommerspielen in Rio wurden drei Athleten erwischt, die gegen das Wettverbot für Olympiateilnehmer verstossen hatten. Ein irischer Boxer wettete sogar auf seine eigene Niederlage. Dumm nur, dass er den Kampf gewann. Gesperrt wurde er vom IOC trotzdem.