National League

Der HC Lugano im grossen Wandel: Nach der ernüchternden letzte Saison folgt der Stilwechsel

Will den HC Lugano zurück in die Erfolgsspur führen: Trainer Sami Kapanen setzt auf Disziplin und harte Arbeit.

Will den HC Lugano zurück in die Erfolgsspur führen: Trainer Sami Kapanen setzt auf Disziplin und harte Arbeit.

Der HC Lugano hat auf die ernüchternde letzte Saison mit einer Rundumerneuerung reagiert. Vom House Cleaning waren praktisch alle Ebenen betroffen. Mit Disziplin und ehrlicher Arbeit will der Verein zurück in die Erfolgsspur. Vorerst ist aber Geduld gefragt.

Sami Kapanen hat sich seinen Einstand in der National League bestimmt anders vorgestellt: Der neue Lugano-Trainer steht nach zwei Heimspielen noch ohne Punkt da. Auf das 2:5 am Freitag gegen Lausanne folgte am Dienstag ein 2:3 gegen Davos. Für Lugano ist es der schlechteste Saisonstart seit der Saison 2000/2001.

Dabei wäre ein erfolgreicher Neuanfang besonders wichtig. Damit sich die Spieler und die Verantwortlichen auf das Sportliche konzentrieren können und nicht von Nebenschauplätze abgelenkt werden. Das ist nicht immer einfach bei der anspruchsvollen und heissblütigen Anhängerschaft, die jahrein, jahraus vom Meistertitel träumt, obschon der letzte mittlerweile bereits über 13 Jahre zurückliegt.

Vom einstiegen Grande Lugano, das am Ende der Achtzigerjahre unter dem legendären John Slettvoll in fünf Saisons viermal Meister wurde und danach (1999, 2003 und 2006 mit anderen Coaches) drei weitere Meisterpokale gewann, ist nicht mehr viel übrig. Trainer kamen und gingen, manchmal nach, häufiger aber schon während der Saison.

Im Tessin als Nummer 1 abgelöst

Vor eineinhalb Jahren fehlte im Playoff-Final gegen die ZSC Lions zwar nur wenig zum achten Meistertitel. Doch seither ging es mit den Bianconeri steil abwärts. Nach langer Zeit wurden sie in der letzten Saison von Ambri-Piotta sogar im Tessin wieder als Nummer 1 abgelöst.

Nach einer sieglosen Viertelfinal-Serie gegen Zug leiteten die Klubverantwortlichen um Präsidentin und Mäzenin Vicky Mantegazza nach der Saisonanalyse einen radikalen Umbau ein. Mit Marco Werder, dem Präsidenten der Nachwuchsabteilung, wurde ein Geschäftsführer installiert, der Mantegazza bei wichtigen Entscheiden mit Rat zur Seite steht. Der frühere NLA-Stürmer hat in Zürich Betriebswirtschaft studiert und kennt sich in Sachen Kommunikation und Marketing bestens aus.

Auf sportlicher Ebene musste neben dem kanadischen Trainer Greg Ireland, der im Januar 2017 auf seinen Landsmann Doug Shedden folgte, auch Roland Habisreutinger nach neun Jahren seinen Posten als Sportchef räumen.

Schwer auszufüllende Fussstapfen

Als Nachfolger wurde Hnat Domenichelli installiert. Der frühere Lugano-Stürmer fasste die Mammutaufgabe, wichtige Abgänge zu ersetzen. Mit dem lettischen Nationalgoalie Elvis Merzlikins (Columbus Blue Jackets/NHL), Topskorer Grégory Hofmann (Zug) und Leitwolf Maxime Lapierre (Eisbären Berlin/DEL) haben drei Teamstützen den Verein verlassen. Domenichelli hatte nach seinem Amtsantritt Ende Mai aber nur noch wenig Spielraum, um das Gesicht der Mannschaft entscheidend zu verändern.

Lediglich die temporäre Verpflichtung des finnischen Weltmeister-Verteidigers Atte Ohtamaa (bis am 3. November) und des NHL-erprobten kanadischen Centers Ryan Spooner stehen in der Verantwortung das Kanada-Schweizers.

Die Zuzüge der Stürmer Reto Suri, Dominic Lammer (beide Zug) und Sandro Zangger sowie von Goalie Sandro Zurkirchen (beide Lausanne) waren schon fix. Während der zum Vize-Captain gewählte Suri eine Leaderrolle einnehmen dürfte, wird es Zurkirchen wohl schwer haben, die grossen Fussstapfen von Publikumsliebling Merzlikins auszufüllen.

Mit Kapanen folgt ein Stilwechsel

Finanziell will man im Sottoceneri zwar nicht zurückbuchstabieren, das Anheben des Budgets, wie es bei der potenten Konkurrenz in Zug, Lausanne oder Biel geschieht, liegt für den HCL jedoch nicht drin. Auch in Lugano wird jeder Rappen zweimal umgedreht.

Vielleicht fand auch deshalb in letzter Zeit kein Nordamerika-Rückkehrer mehr den Weg nach Lugano. Anstatt ins Tessin zog es die Schweizer Spieler mit AHL- oder NHL-Erfahrung nach Lausanne (Bertschy, Vermin), Genf (Richard), Biel (Hiller, Rathgeb), Freiburg (Berra), Zug (Diaz) oder Bern (Praplan). Auch Damien Brunner ist unlängst nach Biel weitergezogen.

Mit Sami Kapanen steht in Lugano seit dieser Saison ein Finne an der Bande, der als Stürmer über 900 NHL-Spiele bestritten hat. Seine bisherigen Erfolge als Trainer sind überschaubar. Zuletzt coachte er in seiner Heimat Kalpa Kuopio, wo er nach wie vor Mehrheitsaktionär ist. In der letzten Saison verpasste Kapanen mit dem Klub die Playoffs, empfahl sich aber mit dem Gewinn des Spengler Cup für ein Engagement in Lugano.

Disziplin und harte Arbeit

«Ich fühlte das Bedürfnis, aus meiner Komfortzone herauszukommen. Ich wollte mich selbst testen, und das ist der beste Ort, um es zu tun», sagte der 46-jährige Kapanen bei seiner Vorstellung im April. Kapanen ist neben Kari Jalonen (Bern), Antti Törmänen (Biel) und Ville Peltonen (Lausanne) der vierte finnische Headcoach in der National League. Diese drei erreichten mit ihren Teams im letzten Frühling allesamt die Playoff-Halbfinals.

Mittelfristig will auch Kapanen mit Lugano dort hin. Er ist sich jedoch bewusst, dass es Zeit braucht, bis die Spieler den Wechsel vom nordamerikanischen zum skandinavischen Spielstil vollzogen und das laufintensive Eishockey mit viel Puckbesitz verinnerlicht haben. Das fortan ein neuer Wind weht, bekamen die Spieler in der intensiven Vorbereitung auf dem Eis jedenfalls schon mal zu spüren.

«Disziplin und harte Arbeit» lautet Kapanens Credo. Diese waren in der Vergangenheit nicht immer die Kernkompetenzen des Kaders des HC Lugano. Und: «Geduld, Geduld, Geduld.» Doch diese ist im Sottoceneri nicht unendlich. Kapanen tut deshalb gut daran, bald die ersten Siege einzufahren. Sonst kommt im Umfeld schnell Unruhe auf - und beginnt sich die nächste Negativspirale zu drehen.

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