Sport

Der Eishockey-Sommer: Zwischen Vernunft und Wahnsinn

Geisterspiele, wie hier am 28. Februar zwischen Bern und Fribourg, kommen für die Klubs zum Saisonstart im September nicht infrage.

Geisterspiele, wie hier am 28. Februar zwischen Bern und Fribourg, kommen für die Klubs zum Saisonstart im September nicht infrage.

Mit der Liga-Versammlung am Mittwoch beginnt der heisseste politische Eishockey-Sommer seit Einführung der Playoffs.

Die National League, früher NLA, ist eine der erfolgreichsten Ligen der Welt. Nach der nordamerikanischen NHL am meisten Zuschauer. Nach der NHL und der grossrussischen KHL die dritthöchsten Löhne. Die Coronakrise hat allerdings das sensible Gleichgewicht zwischen Vernunft und Wahnsinn gestört. Deshalb beginnt mit der Liga-Versammlung am Mittwoch in Bern der heisseste politische Hockey-Sommer seit ­Einführung der Playoffs vor 34 Jahren. Und um folgende Veränderungen in den nächsten Monaten:

Keine Absteiger

Nächste Saison gibt es keinen Absteiger aus der National League (NL) und der Swiss League (SL). Aber der Aufstieg in beide Ligen ist möglich. Es kann also sein, dass übernächste Saison in der höchsten Liga mit 13 statt 12 Teams gespielt wird. Das ist definitiv und bereits beschlossen. Aber nach wie vor ist nicht entschieden, ob die Liga anschliessend wieder auf 12 Teams reduziert wird. Inzwischen laufen Bestrebungen, den Auf/Abstieg auch übernächste Saison auszusetzen. In diesem Falle wäre dann in der Saison 2022/23 in der National League gar 14 Teams möglich. Die Erfahrung lehrt, dass eine Reduktion der Liga politisch fast nicht mehr machbar ist. Hier ist eine schleichende Aufstockung der Liga in Gang gesetzt worden.

Mehr Ausländer

Bis und mit der nächsten Saison sind in der National League vier ausländische Spieler einsatzberechtigt. Diese sportliche Vernunft ist eines er Erfolgsgeheimnisse der Liga. SCB-Manager Marc Lüthi möchte nun die Ausländerbeschränkung gleich ganz aufheben. Er erliegt dem fundamentalen Irrtum, dass so die Löhne der Schweizer Spieler durch diese Markterweiterung gesenkt werden könnten – allerdings gibt es diesen Markt an tauglichen Ausländern gar nicht. Ein Entscheid in dieser Sache gibt es am Mittwoch noch nicht und dürfte frühestens im August fallen. Die Allianz der Unvernünftigen ist so stark, dass eine Erhöhung der Anzahl Ausländer nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Immerhin besteht die Chance, dass der von Marc Lüthi angestrebte Wahnsinn einer totalen Öffnung durch einen Kompromiss (sechs Ausländer) abgemildert oder im Falle einer Annahme der Salärbegrenzung sogar hinfällig wird.

Lohnbegrenzung

Hier handelt es sich um den wichtigsten politischen Entscheid der Liga seit Einführung der Playoffs. HCD-Präsident Gaudenz Domenig hat ein Konzept zur Limitierung der Spieler-Saläre ausgearbeitet. Dabei geht es um eine Obergrenze der Gesamt-Lohnsumme für die Spieler. Wer diese Obergrenze überschreitet, zahlt eine «Luxussteuer», die den Klubs zugutekommt, die sich an die Begrenzung halten. Die Kontrolle erfolgt über die Lohnausweise der Spieler und die Begrenzung soll mit einer Übergangsfrist von vier Jahren umgesetzt werden. Juristische Einwände können ignoriert werden. Selbst Matthias Remund, der Direktor des Bundesamtes für Sport (Baspo), hält die Salärbegrenzung für machbar. Die Spielergewerkschaft spielt in dieser Sache keine Rolle. Es handelt sich um eine Operetten-Organisation, die nur der guten Form halber angehört wird. Die Salärbegrenzung ist die einzige Möglichkeit, um die Kosten in Griff zu bekommen und die Ausgeglichenheit der Liga zu wahren. Selbst die NHL, die keinerlei Ausländerbegrenzung kennt und sich im globalen Spielermarkt bedienen kann, musste die Lohnobergrenze einführen, um die Kosten in Griff zu bekommen. Allerdings sind sich alle einig: Wenn es nicht gelingt, den Grundsatzentscheid noch in diesem Jahr zu fällen – also so lange auch den Unvernünftigen der Schock der Coronakrise noch in den Knochen steckt – wird es schwierig.

Zurzeit ist die Allianz der Vernünftigen stark genug, um diesen Entscheid durchzubringen. Am Mittwoch wird über die Salärbegrenzung erst beraten und noch nicht entschieden.

Ligaunabhängigkeit

2009 sind Liga und Verband zu einer juristischen Einheit geworden. Nun will die Liga juristisch wieder selbstständig werden und die TV-Verträge in Eigenregie aushandeln. Gegen diese Absicht gibt es keine nennenswerte Opposition. Der Entscheid dürfte bei der übernächsten Ligaversammlung im August fallen.

Reform der Junioren

Hinter dieser harmlosen Bezeichnung versteckt sich eine schleichende Abwertung der Swiss League. Weil die Meisterschaft der Elite-Junioren (U20) immer mehr an Qualität verliert (die besten Junioren spielen in der Swiss League oder in Nordamerika und Schweden) sollen künftig 22-jährige Spieler eingesetzt werden können (U22). Die Folge: der Swiss League werden Ausbildungsspieler «entzogen», die etwa für Olten, Langenthal, Visp oder Ajoie wichtig sind. Wenn zugleich die höchste Liga bis in zwei Jahren schleichend auf 14 Teams aufgestockt wird, gerät die Swiss League in eine schwierige Lage. Der Entscheid zur Reform der Elite-Junioren wird allerdings in diesem Jahr nicht mehr erwartet.

Keine Geisterspiele

Der Start zur Meisterschaft ist am 18. September geplant. Auch wenn es noch keinen formellen Entscheid gibt (und ein Entscheid am Mittwoch nicht zu erwarten ist), so sind sich die Klubs mehrheitlich einig: keine Geisterspiele, aber notfalls Umrüstung der Stadien auf Sitzplätze. Weil die WM um mindestens zwei Wochen in die zweite Mai-Hälfte verschoben wird, haben die nationalen Verbände etwas mehr Spielraum. Liga-Spielplanchef Willi Vögtlin geht davon aus, dass es möglich ist, 52 Qualifikationsrunden und Playoffs auch bei einem Saisonstart Ende Oktober/Anfang November noch durchzubringen.

Meistgesehen

Artboard 1