Sportmedizin

Der alte Mann und das Messer: Bernhard Segesser

Bernhard Segesser mit seinem ungarischen Jagdhund Arad.

Bernhard Segesser mit seinem ungarischen Jagdhund Arad.

Ist Bernhard Segesser ein Wunderheiler? Oder doch ein Dopingarzt? Auf jeden Fall ebnete er vielen Spitzensportlern den Weg zurück zur Weltspitze. Ein Porträt über den international profilierten Sportmediziner.

Es sei aber etwas unordentlich bei ihm zu Hause. «Typischer Singlehaushalt», warnt Bernhard Segesser (75) am Telefon. Witterswil. 9 Kilometer südwestlich von Basel. Eine solothurnische Exklave. Am Dorfrand bewohnt Segesser zusammen mit seinem ungarischen Jagdhund Arad ein Einfamilienhaus.

Weisse Möbel, die Unordnung beschränkt sich auf die Küche, aus den Boxen tönt klassische Musik. Segesser ist ein kleiner, rundlicher Mann mit kräftigen Fingern, einer gedämpften Stimme und einer auffälligen Narbe über der linken Wange. Aber Segesser ist auch einer der profiliertesten Sportärzte der Schweiz. 1981 gründet er mit zwei Partnern in Muttenz die Praxisklinik Rennbahn, die erste private Sportklinik im deutschsprachigen Raum. 1985 erlangt Segesser nationalen Heldenstatus, weil er Pirmin Zurbriggen, respektive das «Knie der Nation», in rekordverdächtiger Zeit zusammenflickt.

Zurbriggen wird nur 17 Tage nach der erlittenen Knieverletzung Abfahrtsweltmeister. Fortan ist Muttenz für verletzte Spitzensportler, was Lourdes für Katholiken ist: ein Wallfahrtsort. Doch Jahre später wird Segesser als Dopingarzt verteufelt, weil er den Schweizer Kugelstösser Werner Günthör während der Rehabilitation auch mit Anabolika behandelt hat. Wunderheiler oder Dopingarzt? Segesser hat mit beiden Begriffen grösste Mühe, aber ziemlich viel zu erzählen.

Das Knie der Nation

Der Kontakt mit Zurbriggen ist nie abgebrochen. Nur: Die skifahrende Naturgewalt wartet bis heute, dass Segesser mal in sein Hotel nach Zermatt kommt. Als Zurbriggen vor drei Jahren 50 wurde, fragte ihn Segesser nach dem Befinden. «Es tut mir alles weh, ausser das von dir operierte Knie», antwortete Zurbriggen.

Zurbriggen gewinnt im Januar 1985 die prestigeträchtige Abfahrt von Kitzbühel. Doch aufrecht kann er nicht zur Siegerehrung. Denn irgendetwas klemmt im Knie. Er kann es nicht mehr strecken. Trotz des Triumphs in Österreich: Die Ski-Nation Schweiz bangt und hadert. Schliesslich ist in wenigen Tagen WM.

Zurbriggen wird umgehend nach Muttenz transportiert und von Segesser operiert. Alle Scheinwerfer sind auf die Rennbahn-Klinik gerichtet; Segesser findet sich im Auge des medialen Orkans wieder. Selbst Zurbriggens Grossmutter meldet sich zu Wort. Die Beschwerden ihres Enkels rührten vielleicht von einer Grippe, das Knie müsse wohl nicht operiert werden.

Der öffentliche Druck, die Hysterie, das ganze Theater, all das nagt an Segessers Nervenkostüm. Deshalb schickt er seinen Partner vor, um die Medien zu füttern. «Gut, wir hatten unsere eigene Technik, die für die Muskeln am wenigsten traumatisierend war», sagt Segesser.

«Aber die Operation an sich war keine grosse Sache; ein eingeklemmter Meniskus. Die Rehabilitation Zurbriggens hat also nichts mit Hexerei zu tun. Das wichtigste Element dieser Erfolgsgeschichte war Zurbriggen selbst. Respektive seine Ahnungslosigkeit und sein Vertrauen. Er wusste nicht genau, wie ein Knie funktioniert, und es hat ihn auch nicht interessiert. Er kam zu uns, konnte das Knie nicht mehr strecken. Und als er aus der Narkose aufgewacht ist, konnte er es wieder strecken. Für ihn war einzig diese Erfahrung wichtig.»

Umgehend werden erste Tests gemacht. Erstaunlich dabei: Zurbriggen ist mit dem operierten Bein stärker als mit dem anderen. Segesser gibt grünes Licht für ein Training auf Skiern. Zurbriggen und sein Trainer Karl Frehsner verkleiden sich, um unerkannt von Muttenz nach Saas-Fee zu fahren. Der Rest der Geschichte ist bekannt und endet zuoberst auf dem WM-Podest.

«Ich garantiere, dass ich nie einen Sportler leistungsmässig manipuliert habe.» Dass sein Name mit Dopingvergehen in Verbindung gebracht wird, belastet Segesser noch heute. Zu den Klienten des Sportmediziners zählte auch Werner Günthör, der zwischen 1987 und 1993 dreimal Weltmeister im Kugelstossen wurde. Zwischen 1984 und 1988 hat er Günthör nach Verletzungen und Unfällen viermal während maximal drei Wochen Anabolika verabreicht. Dabei stehen Anabolika seit 1975 auf der Liste der verbotenen Substanzen. Segesser wurde Anfang der 90er vorgeworfen, systematisch zu dopen.

Die berühmten Therapiefenster

Nur muss man bedenken, dass der Zeitgeist damals ein anderer war. Der Kampf gegen Doping war jung, die Sportmedizin im Anfangsstadium. Segesser sah sich als Beschleuniger. Sein Ziel war es, zu optimieren, nicht zu schummeln. Ein verletzter Sportler sollte so schnell wie möglich und so fit wie vor der Verletzung auf die grosse Bühne zurückkehren.

Also richtete er bei Sportlern, die über Wochen als Patienten nicht einsatzfähig waren, in Absprache mit dem Nationalen Komitee für Elite-Sport (NKES) Therapiefenster ein, bei denen er sich die Freiheit nahm, Präparate zu verabreichen, die laut Dopingreglement verbotene Substanzen enthalten.

«Diese Therapiefenster waren nötig, um eine Rehabilitation für damalige Verhältnisse optimaler zu gestalten», sagt Segesser. «Nur habe ich bei weitem nicht jedem verletzten Sportler Anabolika verabreicht. Es gibt einen Kollegen, der noch heute behauptet, ich hätte auch Zurbriggen Anabolika verabreicht. Das ist eine Diffamierung.»

Nehmen wir doch mal den Fuss vom Gas. Eigentlich widerspricht jeglicher Dopingkonsum meinem Gerechtigkeitsempfinden. Selbst wenn Doping «nur» zu therapeutischen Zwecken eingenommen wird. Doch im mehrstündigen Gespräch mit Segesser verschafft sich ein Gedanke Raum in meinem Kopf. Macht es in der hochkommerzialisierten Welt des Sports nicht Sinn, Therapiefenster à la Segesser einzurichten?

Schliesslich: Verletzt sich ein Cristiano Ronaldo, haben der Spieler, der Klub, der Sponsor, der TV-Sender, die Medien, der Fan, die Liga, ja alle ausser der Konkurrenz aus Barcelona ein enormes Interesse, dass der Superstar so schnell wie möglich zurückkehrt. Warum also nicht die Rehabilitation optimieren?

Eigentlich wollte Segesser das Thema umrunden, hat aber selbst die Kurve nicht gekriegt. Dopingkontrollen habe man eingeführt, «um eine Gesundheitsgefährdung des Athleten zu verhindern und die Chancengleichheit zu wahren», sagt er. «Beide Ziele wurden nicht erreicht», sagt Segesser.

«Dopingkontrollen sind einzig juristisch gerechtfertigt, nicht aber medizinisch. Ja, ein Therapiefenster könnte heute viele Probleme lösen. Es würde eher für Chancengleichheit sorgen und vor Missbrauch schützen. Und es wird bisweilen ja auch gelebt. Oder hat irgendjemand mal die Hodenkrebserkrankung von Lance Armstrong infrage gestellt? Aufgrund dieses Befunds durfte er Testosteron nehmen, seine Konkurrenten natürlich nicht. Aus heutiger Sicht ist ein Therapiefenster medizinisch vertretbar. Aber mit der Null-Toleranz-Politik nicht vereinbar.»

Karl-Heinz Rummenigge

Den internationalen Durchbruch verdankt Segesser Karl-Heinz Rummenigge. Die Achillessehne des damaligen Starstürmers von Inter Mailand gleicht einem dünnen Faden. Rummenigge denkt: Der Arzt soll flicken, und danach beende ich meine Karriere. Doch der Arzt sagt: «Ich operiere nicht, wenn du doch nicht weiterspielst.» Prompt hängt Rummenigge noch zwei Jahre bei Servette an.

Nach Rummenigge kommen sie alle, die an Knie und Achillessehne verletzten Stars der Bundesliga. «Am Anfang hatten sie einen Marktwert von 5 Millionen, später einen von 40 Millionen», sagt Segesser. Relevant sei dies einzig für seine Haftpflichtversicherung gewesen, die er ständig anpassen musste.

Die zehn besten Tore von Karl-Heinz Rummenigge

Die zehn besten Tore von Karl-Heinz Rummenigge

Karl-Heinz Rummenigge

Sowieso: Das viele Geld im Sport behagt ihm nicht. Weil es zur Folge hat, dass die PR-Walzen alles plattmachen. «Interviews von Sportlern tue ich mir nicht mehr an. Weil nichts spontan, keine Emotion echt, sondern alles abgekocht ist.»

Also kein zusätzlicher Druck, weil die Fussballerbeine auf dem Operationstisch Millionen wert sind? «Nein», sagt Segesser. «Druck verspürte ich, als ich als Medizinstudent für das Rote Kreuz im Krieg im Jemen und zwei Tage vor den Royalisten auf der Flucht war. Da hatte ich Todesangst.»

Ungeschoren ist Segesser nicht davongekommen. Bisweilen arbeitet er 18 Stunden pro Tag. Das ist weder gut für die Beziehung zu seiner Frau, noch bleibt ihm Zeit für die drei Töchter. Die Scheidung ist unumgänglich. Ausserdem: 1987 klemmt das Vorderrad seines Velos, und beim Salto vorwärts erleidet er eine Wirbelfraktur, die mehrere Operationen erfordert. Operieren kann der Sohn eines Lehrers aus Bern trotzdem.

Bernhard Segesser schreibt doppelhändig, links spiegelverkehrt.

Bernhard Segesser schreibt doppelhändig, links spiegelverkehrt.

Denn operiert hat er schon immer beidhändig. Linkes Knie mit der linken Hand, rechtes Knie mit der rechten Hand. «Ich bin ein spiegelbildlicher Doppelhänder», sagt er, nimmt ein Blatt und zwei Schreiber zur Hand und schreibt mit der rechten Hand ganz normal von der Mitte des Blattes nach rechts und mit der linken synchron von der Mitte nach links – spiegelverkehrt. Und die Narbe auf der Backe? «Ich musste ein Krebsgeschwür entfernen. Früher bin ich viel gesegelt, habe aber nie Sonnencreme aufgetragen.» Prima: Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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