Wenn am Samstagmittag im Zentrum von Brüssel die 106. Tour de France gestartet wird, sind in erster Linie die his- torischen Eckdaten klar: Zwei Jubiläen werden gefeiert. Eddy Merckx, aufgewachsen nur wenige Kilometer von der Startlinie entfernt, gewann vor 50 Jahren das erste Mal die Tour de France. Deshalb ist Brüssel nun in Eddy-Mania. Plakate mit ihm sind überall zu sehen. «Are you r’Eddy?» ist in gelber Farbe auf Strassen und an Hausfassaden gesprüht.

Die zweite historische Marke sind die 100 Jahre, die es das Gelbe Trikot als Zeichen des Siegers und des Führenden im Gesamtklassement gibt. 1919 wies Tour-Gründer Henri Desgrange den Gesamtführenden Eugene Christophe an, sich zum Start der 10. Etappe ein gelbes Textil überzustreifen. Desgrange wollte, dass die Zuschauer den jeweils Führenden besser erkennen. Christophe hingegen sträubte sich.

Er befürchtete, wegen der Farbe verspottet zu werden. Das Trikot brachte ihm auch kein Glück. Er erlitt einen Gabelbruch, reparierte diesen eigenhändig in einer Velo-Werkstatt, verlor darum aber mehr als zwei Stunden Zeit. Am Ende wurde Christophe dennoch Dritter. Knapp zweieinhalb Stunden betrug sein Rückstand auf den Sieger Firmin Lambot, 1 Stunde und 42 Minuten lag der Zweite, Jean Alavoine, zurück – epische Abstände in fernen Zeiten.

Titelverteidiger Thomas hat zu lange gefeiert

Sicher ist: In diesem Jahr wird es knapper zugehen. Wer der Sieger nach 3480 km sein wird, ist aber so ungewiss wie lange nicht. Vierfach-Sieger Chris Froome muss verletzt auf einen Start verzichten. Er fehlt nicht nur als potenzieller Siegfahrer, sondern auch als Motor für das Teamzeitfahren auf der zweiten Etappe.

Bei seinem Siegernachfolger Geraint Thomas ist die Form unklar. Der Waliser genoss zunächst ausgiebig die Feierlichkeiten nach seinem unbestreitbar grössten Karrierenerfolg im letzten Juli. Sein Fitnesszustand zu Saisonbeginn war deshalb nicht der beste. Die Ergebnisse ebenso wenig. Der Sturz auf der 4. Etappe der Tour de Suisse stellte einen weiteren Rückschlag dar.

In die Bresche sprang Teamkollege Egan Bernal. Der 22-jährige Kolumbianer holte sich den Sieg an der Schweizer Landesrundfahrt. Bernals Saison verlief allerdings auch nicht geradlinig. Prächtig gestartet mit dem Gesamtsieg bei Paris – Nizza steuerte er auf einen guten Giro d’Italia zu. Im Training brach er sich aber das Schlüsselbein, musste auf die Italien-Rundfahrt verzichten und ist nun Co-Leader mit Thomas. Dass das Team Ineos den Kolumbianer ganz offiziell als Co-Leader mitnimmt, weist auf die internen Zweifel an der Form von Thomas hin.

Egan Bernal mit der Siegertrophäe der Tour de Suisse.

Egan Bernal mit der Siegertrophäe der Tour de Suisse.

Wer nutzt die Gunst der Stunde zum Erfolg?

Die Konkurrenz wittert also Morgenluft. Die ganz grosse Bedrohung für Ineos ist aber auch nicht auszumachen. Der Vorjahreszweite Tom Dumoulin fehlt. Ihn plagen nicht nur die Folgen der Sturzverletzung am Giro, sondern auch Differenzen mit der Teamleitung über die beste Art der Genesung. Die nominell stärkste Gegnerschaft dürfte von Movistar kommen. Der spanische Rennstall, seit 1980 dabei, damals noch unter dem Namen Reynolds, schaffte es in der Vergangenheit aber nicht, mit seinen drei Trümpfen Nairo Quintana, Alejandro Valverde und Mikel Landa auch die Stiche zu machen. Gelingt das jetzt gegen das geschwächte Team Ineos?

Zu beachten ist auch das kletterstarke Team Astana, das mit Captain Jakob Fuglsang allerdings nicht den perfekten Vollender für eine Grand Tour hat. Bei den weiteren Podiumskandidaten wie Adam Yates, Romain Bardet, Thibaut Pinot, Richie Porte und Fabio Aru sind die Fragezeichen wegen jeweils nicht perfekten Saisonverlaufs mindestens so gross wie die Ambitionen. Die Tour de France ist so offen wie lange nicht.

Der Etappenplan der diesjährigen Tour de France.

Der Etappenplan der diesjährigen Tour de France.