Leichtathletik
Das ist Mujinga Kambundjis Schwester – sie gewann mal ein Stöckelschuh-Rennen

In der Familie von unserem Sprint-Star Mujinga Kambundji sind sogar High Heels sportlich relevant. Schwester Kaluanda war dafür verantwortlich, dass Mujinga überhaupt Leichtathletin wurde.

Etienne Wuillemin, Bern
Merken
Drucken
Teilen
Kaluanda Kambundji war dafür verantwortlich, dass ihre Schwester Mujinga überhaupt Leichtathletin wurde.

Kaluanda Kambundji war dafür verantwortlich, dass ihre Schwester Mujinga überhaupt Leichtathletin wurde.

Emanuel Per Freudiger

Es ist Mittwoch kurz vor 16 Uhr in Bern. Kaluanda Kambundji nimmt einen letzten Schluck von ihrem Vanille-Tee und schaut gelassen auf die Uhr. In wenigen Minuten fährt der Zug nach Zürich. «Keine Sorge, ich komme nicht zu spät – ich bin ja schnell genug», sagt sie und lacht. Die 23-Jährige besucht die Leichtathletik-EM so oft es geht. Und fiebert mit ihrer Schwester Mujinga mit.

Am Abend verfolgt die ganze Familie Kambundji, also Vater, Mutter, vier Schwestern, Grossmutter, Onkel, Cousins den sensationellen Auftritt von Mujinga. «Kurz nach der ganzen Aufregung konnten wir Mujinga kurz gratulieren, umarmen und ein ‹Müntschi› geben, dann musste sie bereits weiter ins Hotel», sagt Kaluanda.

Wann immer es geht, telefonieren die beiden Schwestern aber zusammen. So auch gestern nach dem Vorlauf über 200 Meter. «Es liegt noch mehr drin!», sagt Mujunga. Der Halbfinal ist der einzige Lauf, den Kaluanda nicht live im Stadion verfolgen kann – sie arbeitet in Bern.

Die Schwestern teilen ein Zimmer

Vor drei Jahren war es, als Mujinga Elodie Kambundji, geboren am 17. Juni 1992, im Alltag eine Idee hatte. Vielleicht träumte sie in diesem Moment davon, wie es sein würde, an der Heim-EM in den Final einzuziehen. Oder gar eine Medaille umgehängt zu bekommen, wohl eher mit der Staffel als im Einzel, aber egal. In diesem Moment wollte sie ihren drei Schwestern ein Versprechen geben. «Sie sagte: Wenn ich eines Tages den Schweizer Rekord brechen sollte, lade ich euch zehn Tage nach New York ein», erzählt Kaluanda. Mitte Juni knackte Mujinga den Rekord erstmals. Und darum ist es im Herbst soweit. Die Kambundji-Rasselbande erobert den Big Apple.

«Wir sind eine wilde Bande», sagt Kaluanda lächelnd, «alle gleich, alle temperamentvoll». Alle vier Schwestern – Kaluanda (23), Mujinga (22), Muswama (18) und Ditaji (12) – wohnen noch zu Hause in Bern Liebefeld. Die beiden ältesten in einem abgetrennten Studio, aber ohne getrennte Wände. «Wir teilen uns fast alles. Das Zimmer, den Kleiderschrank, die Schuhe – und wir haben auch die gleichen Freunde», erzählt Kaluanda.

In den letzten fünf Monaten musste sie allerdings auf ihre Schwestern verzichten. Kaluanda war als Au-Pair in Nizza, «um den Kopf zu lüften nach den intensiven Jahren bis zum Bachelor in meinem Sport- und Französisch-Studium.» Gerade rechtzeitig auf die EM ist sie zurückgekehrt.

«S’ schnäuschte Modi vo Bern!»

Wie aber kamen die Kambundjis zur Leichtathletik? Begonnen hat alles mit dem Lauf «S schnäuschte Modi vo Bern». Kaluanda erinnert sich: «Wir waren 9- und 8-jährig. Und wir beide wurden in unseren Kategorien Zweite. Das hat unseren Ehrgeiz geweckt. Im Jahr darauf gewannen wir dann.»

Seither trainierten die beiden im Stadtturnverein Bern. Für diesen startet Mujinga auch heute noch. Ihre ältere Schwester legte den Fokus aber nie ganz so stark auf den Sport. Kalunada möchte Lehrerin werden. Die jüngeren beiden eifern Mujinga indes leidenschaftlich hinterher. Muswama hätte dieses Jahr an der U20-WM teilnehmen können, verpasste sie jedoch wegen einer Vorstufe eines Ermüdungsbruchs.

Siegerin auf dem Bundesplatz

Mujinga Kambundji ist ohne Zweifel die Schweizer Leichtathletik-Königin dieser EM. Vor drei Jahren kürte sich Kalunada in einer speziellen Disziplin bereits zur Königin von Bern, im Stögelischuh-Sprint. Sie gewann die Kick-Off-Veranstaltung zum Frauenlauf Bern, einen Sprint-Wettbewerb in High Heels über 60 Meter auf dem Bundesplatz. «Ich fand diese Idee ziemlich lustig. Eigentlich ist rennen in High Heels gar nicht so schwierig, beim Sprint ist das Körpergewicht auf den Fussballen, deshalb ging das sogar ohne schmerzende Füsse.», erinnert sie sich. Eine Fussmassage von Ditaji erhielt sie gleichwohl.

Zurück in die Gegenwart. Noch ist die EM nicht vorbei. Noch liegt eine Medaille drin. Vor allem in der Staffel von morgen Samstag und Sonntag. Vielleicht ja sogar heute im 200-Meter-Final. Kaluanda wird Mujinga und ihren Teamkolleginnen auf jeden Fall wieder auf der Tribüne die Daumen drücken. Aufgeregt wie immer.