Eishockey
Darum muss EVZ-Trainer Dan Tangnes die Weihnachtstage ohne Familie verbringen

Der 41-Jährige hat ein bewegtes Jahr hinter sich. Zu Besuch beim Norweger, lässt er tief in sein Seelenleben blicken. Er sagt, wie er den Spagat zwischen knallhartem Hockeybusiness und Vaterrolle meistert.

Philipp Zurfluh
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Eigentlich wollte Dan Tangnes Weihnachten bei seiner Familie in Schweden verbringen.

Eigentlich wollte Dan Tangnes Weihnachten bei seiner Familie in Schweden verbringen.

Stefan Kaiser (Cham, 22. Dezember 2020

Weihnachten steht vor der Tür. Die Zeit der Ruhe, der Besinnung. Die Gelegenheit, einige Tage der Hektik des Alltags zu entfliehen, runterzufahren und abzuschalten – auch für EV-Zug-Trainer Dan Tangnes. Zwei Tage vor Heiligabend heisst er uns in seinem Zuhause in Cham im Kanton Zug willkommen. «Hey, how are you?», grüsst er freundlich.

Er wirkt aufgeräumt, tiefenentspannt, als könnte ihn nichts aus der Fassung bringen, fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Schaut man sich um, deutet ausser einem Adventskranz nichts auf Weihnachten hin. Aus gutem Grund: Der Norweger verbringt Weihnachten ohne Familie. «Für mich benötige ich keinen Weihnachtsbaum», sagt Tangnes. «Es ist das erste und hoffentlich auch das letzte Mal, dass ich an Weihnachten allein bin.»

Ehefrau Anja und Tochter Wilma (10) sind bereits seit Sonntag in Ängelholm in Südschweden. Hier, an dem Ort, wo er mit seiner Familie gelebt hat, bevor er 2018 seine Trainerkarriere beim EVZ lancierte, hat er sich vor einiger Zeit ein altes Haus gekauft und frisch renoviert.» Dass seine Liebsten in diesen Tagen Tausende Kilometer entfernt Weihnachten feiern, bedauert er.

Wenn man einen Tag mit der Familie verbringen möchte, dann an Weihnachten.

Auf Geschenke soll die Tochter trotzdem nicht verzichten müssen. Pünktlich sollen sie per Luftpost in Schweden eintreffen. Tangnes’ Plan wäre gewesen, heute nachzureisen und am 27. Dezember wieder den Rückweg anzutreten. Doch aufgrund der unsicheren Lage wegen Corona verzichtet er auf den Kurztrip. «Es ist ein Entscheid der Vernunft.»

«Betrunkener» Mann ist nur ein Schmutzli

Tangnes nimmt sich geduldig Zeit, um für den Fotografen zu posieren. Auf der grossen Terrasse lehnt er sich lässig ans Geländer und lächelt in die Kamera. Sein Blick schweift zum Spielplatz. Er schmunzelt und sagt. «Ich muss später unbedingt eine lustige Anekdote erzählen, sie passt gut zu Schweizer Bräuchen und Traditionen.»

Dan Tangnes in seiner Wohnung in Cham.

Dan Tangnes in seiner Wohnung in Cham.

Stefan Kaiser (Cham, 22. Dezember 2020

Mittlerweile lebt Tangnes schon seit über zwei Jahren in der Schweiz. «Meine Familie und ich sind glücklich hier.» Im Umgang mit anderen Menschen zeigt der charismatische Kommunikator keine Scheu.

Ich bin ein Wohlfühlmensch und mir liegt am Herzen, dass auch meine Frau und meine Tochter ein zufriedenes Leben führen.

Dem war nicht immer so: Während seines Trainerengagements bei Linköping HC (2014–2018) lebte seine Familie in Südschweden, vier Fahrstunden entfernt. «Eine belastende Situation für uns alle», schaut Tangnes zurück. Das Pendeln war für ihn auf Dauer ein unhaltbarer Zustand. Hier in der Schweiz sind die Wege kürzer, «das macht das Leben so viel einfacher».

Zurück zur Anekdote: Im Dezember vor zwei Jahren bemerkt Tangnes im Wohnquartier einen verkleideten Mann, der Kinder hinterherjagt. «Ich dachte, er sei betrunken und wollte ihn zur Rede stellen.» Ein Nachbar kommt ihm jedoch zuvor und klärt den Norweger auf, dass der Mann nur ein Schmutzli sei und den Kindern nichts Böses tun wolle. Das sei eben ein Brauch hierzulande. «‹Tangnes schlägt Schmutzli die Zähne aus›, hätte doch eine gute Schlagzeile gegeben in der Zeitung», sagt Tangnes und lacht herzhaft.

Beim Joggen kann er loslassen

Der Vollbluttrainer ist selten um einen lockeren Spruch verlegen. Doch vor rund zwei Monaten war ihm ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Das Coronavirus setzte ihm schwer zu. Über Tage litt er unter Fieberschüben. Schlimmer als die Krankheit seien die körperlichen Nachwehen gewesen, an denen der Sportsmann nach wie vor leidet. «Ich hätte nie für möglich gehalten, dass mein Energielevel so nachhaltig beeinträchtigt wird.»

Ist er in Form, könne er normalerweise locker 10 bis 15 Kilometer pro Tag zu Fuss abspulen. Plötzlich machten sich Schweissperlen bereits beim Treppensteigen bemerkbar. Meter fühlten sich an wie ein Marathon. «Vorerst muss ich mit meiner Energie haushälterischer umgehen.» Sport nimmt in seinem Leben einen wichtigen Stellenwert ein. Vier- bis fünfmal pro Woche schnürt er seine Laufschuhe, spult Kilometer um Kilometer ab. «So kann ich meine Gedanken neu ordnen. Das ist Balsam auf die Seele.»

Weihnachten gibt Tangnes auch die Gelegenheit, 2020 Revue passieren zu lassen. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Nach einer starken Qualifikation seines Teams folgte der Saisonabbruch. Es habe sich angefühlt wie eine Niederlage. «Jede Niederlage ist eine Enttäuschung, es ist das schlimmste Gefühl im Sport.»

Der Norweger erinnert sich an die Niederlage im Playoff-Final 2019 gegen Bern. Es sei schwer zu ertragen gewesen, den Gegner beim Feiern zuzuschauen. «Im Sport stehen vor allem die Sieger im Rampenlicht. Zu ihnen schaut man hoch.» Er hasse es, zu verlieren, «doch die Vergangenheit sollte man irgendwann ruhen lassen». Sich an positive Dinge klammern, lautet seine Devise. «Entscheidend ist, was man aus Rückschlägen lernt. Man muss Frustration in Motivation umwandeln.» Ein optimistisch denkender Mensch.

Auch Selbstkritik darf Platz haben

Tangnes reflektiert nach jedem Spiel sein Handeln, seine Emotionen, seinen Umgang mit den Spielern. Und er ist sich keineswegs zu schade, Selbstkritik zu üben. Zuletzt habe er sich zu oft über Schiedsrichterentscheidungen enerviert. «Da muss ich meine Emotionen besser kontrollieren. Es ist Energie, die ich besser anderweitig investiere.» Er sei auch immer wieder erstaunt, wenn er sich nachträglich im Fernsehen sehe. Der stets Besonnene, wild mit den Händen fuchtelnd. Der abgeklärte Norweger ausser Rand und Band.

Bist es wirklich du, Papa?»,

fragt dann die Tochter ab und zu ungläubig.

Tangnes will seine Emotionen besser kanalisieren. «Hockey ist knallhartes Business. Da braucht es ab und zu auch mal gute Laune zum bösen Spiel.» Seinen Beruf als Hockeytrainer und die Rolle als Familienvater will er klar trennen. «Ab und zu kommt meine Familie leider zu kurz. Aber verbringe ich Zeit mit ihr, hat sie Priorität.»

Bevor Tangnes sein Leben dem Hockey verschrieb, hatte er einen guten Job als Projektleiter in einem Bauunternehmen. Er hatte viel Verantwortung. Bereut er rückblickend, diesen guten Job aufgegeben zu haben? Er überlegt kurz, sagt dann bestimmt: «Nein, Hockeytrainer ist mehr als ein Beruf, eine Leidenschaft, die seit je ungebrochen ist, trotz Rückschlägen.» Die Kombination aus Sport und Leadership fasziniere ihn.

Ganz alleine wird Tangnes womöglich an Weihnachten nicht sein, verrät er. Vielleicht findet er heute Unterschlupf bei Assistenztrainer Josh Holden und dessen Familie. Es wäre nicht überraschend, sondern typisch Dan Tangnes. Familienmensch durch und durch.