Das SMS kommt am späten Montagabend: «Frage aus Bern: Wer ist eigentlich schlechter, die Zürcher Fussballer oder Eishockeyaner?» Wer Spott und Häme etwas ausblendet, stellt fest: Die Frage ist ziemlich berechtigt. Selten war die Momentaufnahme deutlicher: Der Zürcher Sport liegt am Boden.

GC? Taumelt dem Abstieg entgegen. Trainer und Sportchef sind seit Montag entlassen. Präsident Stephan Anliker schweigt weiter.

FCZ? Lebt von den Erinnerungen an den Cupsieg im vergangenen Jahr und den Erfolgen in der Europa League.

ZSC? Als Meister die Playoffs verpasst. Trotz Trainer Arno Del Curto. Trotz Luxus-Kader.

Kloten? Vor einem Jahr aus der höchsten Liga abgestiegen. Jetzt mit dem Projekt Wiederaufstieg kläglich gescheitert.

Das Motto: Erlebnis vor Ergebnis

Es ist der Tag nach der grossen Enttäuschung. Zürich Oerlikon bereitet sich auf den Sommer vor. Die Eishockeysaison ist vorbei. Viel zu früh für den amtierenden Meister ZSC. Nach dem Verpassen der Playoffs sind Erklärungen gefordert. Sportchef Sven Leuenberger, Trainer Arno Del Curto, seine Assistenten und vier Spieler – alle säumen die kleine Trainingshalle neben dem Hallenstadion.

Mitte Januar wurde Del Curto beim ZSC als Heilsbringer vorgestellt und inszeniert. Und jetzt diese Enttäuschung. Del Curto steht vor einer Wand, im Hintergrund klebt ein Plakat, «Erlebnis vor Ergebnis» steht drauf, es ist ein Manifest für Kindersport. Und doch könnte es kaum besser passen als zum ZSC dieser Tage.

Ob er denn über den Sommer hinaus bleibe, wird Del Curto gefragt. Er wehrt sich. «Es beschäftigen mich so viele Dinge, ich habe noch keine Zeit über meine Person nachzudenken.» Nur zwei Stunden hat er geschlafen. «Immer wieder geisterten Spielszenen in meinem Kopf rum.» Am Ende sagt Del Curto: «Jeder Mensch hat Hochs und Tiefs im Leben. Ich habe bis anhin ja fast nur die Sonnenseiten kennen gelernt, also muss ich jetzt auch mit einer Niederlage leben.»

Die drängende Frage: Wie weiter?

Am Montagabend tritt der Berner Kabarettist Bänz Friedli am Zürcher Hechtplatz auf. Als interessierter (YB-)Fan und Beobachter umtreibt natürlich auch ihn die Frage, wie es bei GC weitergeht nach den Entlassungen von Trainer und Sportchef. «Die Frage ist nur, welcher Arbeitslose so verzweifelt ist, dass er diesen Job übernimmt», sagt er ins Publikum.

Doch Friedli erntet fragende Blicke. «Ich merkte, dass ich als Berner beinahe der Einzige war, den das Thema interessiert. Die eine Hälfte hat noch gar nichts vom Knall bei GC mitbekommen, die andere nimmt es schulterzuckend zur Kenntnis. Das wäre in Bern undenkbar.»

Sportverrückt, das sind die anderen

Misserfolg in Zürich ist viel schneller vergessen als anderswo. Viel zu viele Möglichkeiten gibt es, um sich abzulenken. Ob Hip-Hop-Fan, Aktien-Freak oder Veganer – jeder hat Hunderte Möglichkeiten, seine Interessen zu befriedigen.

In Wallung geraten wegen des Sports? Nein. So etwas geschieht nur andernorts. In Bern. In Basel. In Luzern, St. Gallen, Aarau oder Olten. Weil die Sportvereine wichtig sind für das kollektive Selbstverständnis.

Zürich wächst und floriert ungebremst. Wer die Quartiere in der Nähe des Stadions Letzigrund erkundet, stellt fest: Hier eröffnet ein neues Café, da eine neuer Laden. Eine Stadt, hip und modern. Gesäumt von vielen Pendlern und Zuzügern aus allen Landesteilen und dem Ausland. Aber echte Heimatgefühle? Eher selten. Zwischendrin wohnt der interessierte Beobachter mal einem Spiel bei. Häufig aus purer Lust an der Unterhaltung.

Natürlich, es gab und gibt immer wieder Momente, wo der Sport plötzlich en vogue wird. Marc Schneider erinnert sich noch immer gerne an den FCZ-Meistertitel 2006. Schneider war damals Zürcher Verteidiger. Heute ist er ein Trainertalent, schreibt mit dem FC Thun die schöne Geschichte des Underdogs, der immer weiter positiv überrascht.

«Der Sport bewegt in Zürich weniger als in Bern», Marc Schneider Trainer FC Thun.

«Der Sport bewegt in Zürich weniger als in Bern», Marc Schneider Trainer FC Thun.

Er erinnert sich: «Ich kam damals zum ersten Mal in meinem Leben vom Berner Oberland in die grosse Stadt. Einige Klischees sind schon nicht ganz falsch. Es war alles riesig und hektisch. Und manchmal – wie bei unserem Meistertitel – merkte man, welch grosses Potenzial in dieser Stadt schlummert.» Aber: «Der Sport bewegt in Zürich viel weniger als in Bern.»

Das ewige Thema: Stadion

Schneider denkt zurück an ein Podiumsgespräch. Irgendwann 2007 muss es gewesen sein. «Wir haben über ein mögliches neues Stadion diskutiert. Ich weiss noch, wie wir hofften, dass wir sogar noch darin spielen können.» Bald zwölf Jahre sind seither vergangen. «Wahrscheinlich wissen wir alle tausend Dinge nicht, die sehr kompliziert sind – aber irgendwie denkt man halt schon: Wie kann es eigentlich sein, dass noch immer kein Stadion steht?»

Im vergangenen November hat das Volk wieder einmal einen Urnengang angetreten. Das «Ja» für die neusten Pläne stimmte zuversichtlich. Aber ob das Stadion wirklich in absehbarer Zeit kommt? Bald wird der Gestaltungsplan vorgelegt. Erst dann folgt die Baubewilligung. Gegen beides kann das Referendum ergriffen werden. Es wäre keine Überraschung.

Sportstadt ohne Sentimentalitäten

Zurück nach Zürich Oerlikon. Das Restaurant Cheyenne ist so etwas wie das ZSC-Fanlokal. Manch einer schaut sich hier die Spiele am TV an. Die Mannschaft hat auch schon kollektiv einen Titel im «Cheyenne» gefeiert. Ganz in der Ecke hängt ein kleines Bild mit dem Titel «Schweizer Meister 2018». Einige Fotos sind eingerahmt, die Sujets kaum zu sehen. Im Keller hängen zwei Stöcke der Legende Ari Sulander, darauf die Unterschriften des ganzen Teams.

Der Gast wird freundlich empfangen. Von Enttäuschung oder gar Depression nach dem Verpassen der Playoffs ist nichts zu spüren. «Die meisten Leute sind schon ziemlich rasch nach Hause gegangen», erzählt die Bedienung. «Das ist jetzt halt so. Was soll man machen? Nächstes Jahr dann wieder.» Kurz Zeit später fragt ihre Kollegin. «Also, was ist jetzt mit dem ZSC passiert gestern?»

So ist das in der Sportstadt Zürich. Der ausbleibende Erfolg ist nicht gleich eine Katastrophe. Und vieles sowieso eine Momentaufnahme. Es werden wieder bessere Zeiten kommen. Garantiert.