«Tschuttibildli»
Dank Panini kennen die Kinder Platini - und ein paar andere Gründe, weshalb das Bildli-Sammeln keine Geldverschwendung ist

Ein Tag noch bis zum EM-­Eröffnungsspiel, sechs Bilder fehlen noch. Es war nichts zu machen im April: Plötzlich war das Sammelfieber wieder da, entgegen aller Vernunft.

Ralf Streule
Merken
Drucken
Teilen
Paniniflut auch in Pandemiezeiten. Mitsammler zu finden war aber auch schon einfacher.

Paniniflut auch in Pandemiezeiten. Mitsammler zu finden war aber auch schon einfacher.

Keystone/Panini

Es wird mit den Jahren immer schwieriger, seine Sammelliebe zu rechtfertigen. Woher kommt sie? Vielleicht fühlt sich die Fussballwelt für einen «Tschuttibildli»-Sammler ja einfach etwas heiler an. Spielerlöhne steigen ins Unermessliche, die reichsten Clubs liebäugelten kürzlich mit einer neuen Geldmaschinen-Liga. Rechtsstreite und Korruption durchdringen den Fussball. Man weiss nicht, wo einem der Kopf steht.

Alles verändert sich, das Gummiband bleibt

Das Geräusch hingegen, das entsteht, wenn das zweifach um den Stapel gezogene Gummiband auf den obersten Spieler klatscht, hat sich seit den 1980er-Jahren nicht verändert. Ebenso der Anblick eines frisch gekauften Päckchens, das neben Spargel und Joghurt in der Einkaufstasche liegt. Eine Kindheitserinnerung! Wie auch das Geräusch beim Auspacken. Diese Arbeit haben zwar längst die Söhne übernommen. Der Vater schaut aber gerne zu. Und riecht mit. Das Wort «Tschuttibildli» wurde zwar von «Paninis» abgelöst. Und statt handgeschriebenen Zahlenzetteln kursieren Computer-Ausdrucke. Der Geruch frisch ausgepackter Bildli aber ist geblieben.

Die Kioskauslage ist schuld

Auf die Nase gebunden hatte der Vater den Söhnen die Sache mit dem Paninialbum nicht. Im Gegenteil. Kein Wort fiel zu diesem Thema – bis die Kinder an der Kioskauslage und auf dem Pausenplatz auf die EM und das teure Sammelhobby aufmerksam wurden. Der Vater ist nicht unglücklich darüber. Vielleicht ist seine EM-Vorfreude – bei vielen quasi inexistent – auch dank den Paninibildern immerhin ein klein wenig aufgekommen.

Natürlich: Es spricht einiges gegen die Abziehbilder, besonders in diesem Jahr. Ein Album, das im Jahr 2021 noch immer «Euro2020» heisst! Die fast 700 Bilder, die es inzwischen einzukleben gilt! Die kommerziell auf die Spitze getriebene Methode mit Bildern auf Coca-Cola-Petflaschen! Und vor allem: Das Fehlen der Angabe, in welchen Teams die EM-Fussballer sonst spielen...

Die 150 Franken lassen sich rechtfertigen - oder schönreden

Pandemiebedingt waren Mitsammler heuer etwas schwieriger zu finden. Und der Pausenplatz gibt weniger her als damals in den 1980ern, ist zu hören. Die letzten Fehlenden erstehen die Söhne im Internettausch. Der Gang zum Briefkasten wird zum Tageshöhepunkt der Kinder.

Für ein volles Album zahlt der Papa gut und gerne 150 Franken. Rechtfertigen lässt sich das so: Das Album von 1986 hat im Internethandel inzwischen einen Wert von über 300 Franken erreicht. Schönreden lassen sich die Ausgaben auch im Wissen, dass in vierzig Jahren die Enkelkinder im Buch stöbern und über die Frisuren lachen werden. So, wie es heute die Söhne in der 1986er-Ausgabe tun. Socrates! Zico! Maradona! Ancelotti! «Warum ist Ronaldo hier nicht drin?», fragen die Kleinen. Die Antwort lautet: «Ronaldo hat Jahrgang 1985.» Grosse Augen bei den Söhnen, sie rechnen. Gerade erst beginnt sich bei ihnen ein historisches Zeitgefühl zu entwickeln, auch in Sachen Fussball. Dank Panini kennen sie Platini.

Man trug in den 1980ern Schnauz - auch das haben die Kinder gelernt

Es ging ein Aufschrei durch die Lehrer- und Elternwelt, als Panini 2018 leere Gratis-­Fussball-Alben in Schweizer Schulen versandte, dies mit der Erklärung, das Album halte pädagogisch Wertvolles bereit: Zählen, vergleichen, tauschen. Ein No-Go, natürlich, angesichts der Millionen-Umsätze der Firma Panini sowieso.

Doch auch wenn der Hintergrund wohl eher ein kommerzieller als ein pädagogischer war: Die Bildli-Produzenten hatten recht. Der Kleine kann jetzt 41 und 14 unterscheiden. Der Grosse weiss, wie man englische Namen ausspricht. Beide wissen nun, dass Ronaldo 1986 erst ein Jahr alt war. Dass man damals Schnauz trug. Dass Ungarn auf ungarisch «Magyarorszag» heisst.

Und wie man ein ­Gummiband doppelt um die Doppelten wickelt.

Kaderauswahl durch Panini:
Treffgenauigkeit von 90 Prozent

Die Pandemie und die EM-Verschiebung hat die Planung auch für Panini sehr schwierig gemacht. Als sich Anfang 2020 die Verschiebung abzeichnete, waren viele der Paninibilder bereits gedruckt, sagt Ezio Bassi, Geschäftsführer von Panini Schweiz. Jedoch noch nicht alle: Noch waren vier EM-Plätze frei, das Heft war noch nicht in Druck gegangen. So lieferte die in Modena beheimatete Firma Panini im Frühjahr Ersatzprodukt. Doch die «Preview-Edition» 2020 war, mitten in der Pandemie und ohne EM, selbstverständlich kein Verkaufsschlager. Auch das Geschäft mit dem regulären Album in diesem Jahr startete schleppend, sagt Bassi. Im Vergleich zu anderen EM sei der Absatz deutlich tiefer.

Die Spielerauswahl für die Albumseiten wurden im vergangenen Winter auf aktuelle Veränderungen in den EM-Kadern angepasst, bevor das Heft in Druck ging. Und so kommt das Album auf eine ansehnliche Quote, was die ausgewählten Spieler anbelangt. Rund 450 der 500 Kopfbilder stammen von Spielern, die auch wirklich an der Europameisterschaft antreten. Bei den Schweizern lag Panini nur beim verletzten Renato Steffen daneben. Gleich auf sechs Positionen verschätzten sich die Albummacher bei den Niederlanden. (rst)