Leichtathletik
Damals, als Frauen noch täglich zum Rasierapparat greifen mussten

Die Perspektiven fürs Schweizer Team für die heute beginnenden WM in Peking sind vielversprechend. Doch wie gut sind die Zeiten von Kariem Hussein und Co. im internationalen Vergleich wirklich? Die Suche nach Antworten führt ins tschechische Caslav.

Daniel Weissenbrunner
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Jarmila Kratochvílová wirkte während ihrer Zeit als Läuferin sehr maskulin.

Jarmila Kratochvílová wirkte während ihrer Zeit als Läuferin sehr maskulin.

Keystone

Die 1:53,28 Minuten über 800 Meter, gelaufen am 26. Juli 1983 in München, stehen wie in ein Mahnmal gemeisselt. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist der Weltrekord von Jarmila Kratochvílová unangefochten. So lange wie kein anderer in der Leichtathletik. Die herben, maskulinen Züge sind mit den Jahren bei der heute 64-Jährigen zwar ein wenig gewichen. Die Zweifel an ihrer damaligen Leistung nicht.

Zu unheimlich war die Dominanz der 400- und 800-m-Spezialistin aus dem böhmischen Städtchen Caslav. In einer Zeit des flächendeckenden Dopings, zu auffällig die Veränderungen ihres Körpers zwischen Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre. Bewunderung rief diese Marke nicht hervor. Sie ist vielmehr ein peinliches Relikt aus der Zeit des systematischen Betrugs.

Bei 1:57,95 steht seit Juli dieses Jahres der Schweizer Rekord über 800 Meter. Aufgestellt von Selina Büchel am Diamond League-Meeting in Paris. Mit dieser Zeit liegt die St. Gallerin an vierter Stelle der Jahresweltbestenliste. Knapp eine Sekunde hinter der Jahresweltbesten Eunice Jepkoech, aber viereinhalb Sekunden langsamer als der Fabelweltrekord von Kratochvílová.

Bürkis Erfahrungen

Cornelia Bürki erlebte die Hochblüte des Dopings mit männlichen Hormonen im wahrsten Sinn des Wortes hautnah mit. «Eine rumänische Kollegin hat sich täglich rasieren müssen», erinnert sie sich. «Ich habe mir einfach immer eingeredet, solche Athletinnen seien sauber, solange sie nicht erwischt werden. Mit einer anderen Haltung hätte ich gar nicht an den Start gehen können», sagt die 61-Jährige.

Die Athletin mit südafrikanischen Wurzeln war zu jener Zeit die beständigste Schweizer Mittelstreckläuferin. Sie stellte sich dem aussichtslosen Kräftemessen. Zum Vergleich: Ihre persönliche Bestmarke lag über 800 Meter bei 2:00,99.

Dagmar Käsling-Lühnenschloss lieferte einen viel beachteten Lösungsvorschlag, um den Machenschaften künftig einen Riegel zu schieben: «Man sollte die Weltrekorde, beispielsweise wie jene der US-amerikanischen Sprinterin Florence-Griffith-Joyner und von Sprinter Carl Lewis, einfach aberkennen.» Die Aussage war insofern bemerkenswert, weil Käsling-Lühnenschloss als DDR-Athletin 1972 bei den Olympischen Spielen in München über 4x400 Meter selber an einem Weltrekord beteiligt war – mitten im Anabolika-Zeitalter.

Apropos Florence Griffith-Joyner: Die Weltrekordhalterin über 100 und 200 Meter – 10,49 und 21,34 – starb mit 38 Jahren mutmasslich an den Folgen des Testosteron-Missbrauchs. Mujinga Kambundji, der Star der Heim-EM in Zürich, drückte ihre Zeiten vor kurzem auf 11,17 und 22,80. In Distanz ausgedrückt entspricht das einem Rückstand von 6,48 und 13,5 Metern auf «Flo-Jo».

Barcelona: Youngs Spaziergang

Europameister Kariem Hussein lief an den Schweizer Meisterschaften über 400 Meter Hürden in Zug an der WM-Hauptprobe mit 48,45 Sekunden eine persönliche Bestmarke. Mit dieser Zeit reihte sich der 26-jährige Thurgauer in der Weltjahresbestenliste auf Platz 7 hinter fünf Amerikanern und einem Kenianer ein und nur 0,36 Sekunden hinter dem Schnellsten, Bershwan Jackson. Auf den Fabelweltrekord von Kevin Young beträgt die Differenz schwindelerregende 1,67 Sekunden.

Auch der Jahrhundertlauf an den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona löste bei den Zuschauern ungläubiges Staunen aus. Während Young nach dem Zielstrich über die 400 Meter Hürden nicht einmal schwer atmete, sackte der Silbermedaillengewinner Winthrop Graham ausgepumpt zusammen.

«Gesunde» Vitamin-B12-Spritzen

Zurück nach Caslav: Jarmila Kratochvílová, die Heldin des CSSR-Sports, arbeitet seit langem als Leichtathletik-Trainerin beim ansässigen Sportklub, eine gute Autostunde östlich von Prag. Sie lebt in der Wohnung ihrer Eltern, ist ledig und hat keine Kinder.

Auf Doping konkret angesprochen, sagte sie im Jahr 2011 der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: Sie verstehe sich weder als Dopingopfer noch als eines der Politik. Sie sei zu nichts gezwungen worden. «Einmal in der Woche habe ich Spritzen bekommen.» Diese enthielten angeblich Vitamin B12. Wenn jemand gesagt habe, dass es helfe, habe man das geglaubt, sagt sie. «Ansonsten fühle ich mich gesund.»