Bundesliga-Abstiegskampf
Mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss: Christian Gross soll den FC Schalke 04 aus dem Tabellenkeller der Bundesliga führen

Der Zürcher Fussballtrainer traut sich die Herkulesaufgabe zu, den FC Schalke 04 vor dem Abstieg aus der deutschen Bundesliga zu retten. Die Gelsenkirchener haben seit 29 Partien nicht mehr gewonnen und sind mit nur vier Punkten aus 13 Spielen Tabellenletzte.

Markus Brütsch
Drucken
Teilen
Christian Gross soll den FC Schalke 04 vor dem vierten Abstieg aus der Bundesliga retten.

Christian Gross soll den FC Schalke 04 vor dem vierten Abstieg aus der Bundesliga retten.

Bild: Karsten Rabas / Keystone

Udo Jürgens hat viel vom Leben gewusst. Sein Song «Mit 66 Jahren» wird 1977 ein Hit:

«Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 66 Jahren, da hat man Spass daran. Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss. Mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss.»

Ganz nach diesem Motto verlässt der 66-jährige, eigentlich längst pensionierte, Trainer Christian Gross kurz nach Weihnachten seinen Ruhestand im geliebten Engadin und wirft sich couragiert in ein neues Fussballabenteuer. Seine Berufung, den Traditionsverein FC Schalke 04 nach 30 Jahren vor dem vierten Abstieg aus der Bundesliga zu retten, ist mehr als eine dicke Überraschung. Wären vor einer Woche tausend Experten nach ihrer Meinung befragt worden, wer bei Königsblau nach David Wagner, Manuel Baum und Huub Stevens als vierter Trainer in dieser Saison anheuert - keiner hätte auf Gross getippt.

Gross wollte eigentlich nur noch Berater sein

Als dieser Mitte Mai im «Sportpanorama» zu Gast ist, sagt er: «Nach meiner Entlassung in Ägypten und unter dem Einfluss der Coronapandemie habe ich mich entschlossen, mit dem Coaching aufzuhören.» Er wolle künftig als Berater seine Erfahrungen weitergeben. Ganz am Ende des Gesprächs lässt er sich aber eine Hintertür offen:

«Auch James Bond hat mal gesagt: ‹Never say never again.› Sag niemals nie.»

Sieben Monate später kehrt Gross nun aber nicht durch die kleine Pforte, sondern durch das grosse Portal auf die Fussballbühne zurück. Am Sonntag hat er einen Vertrag bis zum Saisonende unterschrieben und danach eine erste Trainingseinheit geleitet. Deutsche Medien berichten, sein Fixum sei bescheiden, eine allfällige Nichtabstiegsprämie aber üppig.

Der Zürcher hat eine klare Vorstellung, was es zum Ligaerhalt braucht. Er sagt:

«Wir müssen ziel- und resultatorientiert arbeiten. Ich will den Ehrgeiz der Spieler in jeder Sekunde spüren. Ich gebe alles, um unser Ziel zu erreichen.»

Wer sich fragt, weshalb der FC Schalke 04 ausgerechnet in Gross seinen Heilsbringer sieht, wird bei zwei früheren Wegbegleitern fündig, die heute in Gelsenkirchen arbeiten. Sportvorstand Jochen Schneider sass 2009 in der Geschäftsführung des VfB Stuttgart, als der damalige Sportchef Horst Heldt den Schweizer ins Schwabenland holte. Gross hatte durchschlagenden Erfolg. Mit einem phänomenalen Punkteschnitt von 2,26 rettete er nicht nur den bei seiner Übernahme auf dem 16. Platz darbenden VfB vor dem Abstieg, sondern führte ihn gar in die Europa League.

Dass Gross in der folgenden Saison nach einem Fehlstart entlassen wurde, hat an Schneiders Einschätzung nichts geändert: Gross ist der ideale Feuerwehrmann. Zumal dieser bereits 1998 Tottenham Hotspur vor dem Abstieg aus der Premier League gerettet hatte. «Er hat bewiesen, dass er schwierige Missionen erfolgreich gestalten kann», sagt Schneider. «Gross wird die Mannschaft mit klarer Linie und einer unmissverständlichen Erwartungshaltung auf den richtigen Weg bringen.»

Welche Rolle spielte Nachwuchschef Knäbel?

Ein zweiter Schalker Ratgeber pro Gross könnte Peter Knäbel gewesen sein. Der 54-Jährige leitet auf Schalke die Knappenschmiede und hat einst als Nachwuchschef des FC Basel sechs Jahre lang mit Gross zusammengearbeitet. Auch Knäbel könnte im vierfachen Meistermacher des FCB die ideale Lösung für seinen Klub sehen.

Gross hat den Ruf, ein harter Hund zu sein, ein Routinier, der schon alles erlebt hat und deshalb befähigt ist, auf Schalke das benötigte Wunder zu schaffen. Und mit seiner Autorität den Sauhaufen («Bild») zu disziplinieren.

Die Aufgabe ist allerdings weit schwieriger als vor elf Jahren. Damals hatten die Stuttgarter als Drittletzte nach 15 Spielen immerhin 12 Punkte auf dem Konto, bei Schalke übernimmt Gross ein Team, das seit dem 17. Januar 29 Mal sieglos geblieben ist, bald den bisherigen Rekord von Tasmania Berlin mit 31 Partien ohne Sieg einstellen kann und am 2. Januar als Schlusslicht mit nur vier Punkten aus 13 Begegnungen zum Auswärtsspiel gegen Hertha Berlin reist.

Schalke ist für jeden Trainer ein hartes Brot. Der siebenfache deutsche Meister, zuletzt 1958, hat zwar nach der Jahrtausendwende unter Huub Stevens und Ralf Rangnick drei Mal den Pokal sowie zuvor 1997 mit dem Holländer den Uefa-Cup gewonnen, aber ausser diesen beiden wurde im Pott kaum ein Trainer glücklich. Hinter Arminia Bielefeld (61) und ex aequo mit Stuttgart liegt Schalke mit einem Verschleiss von 57 Trainern - darunter auch Roberto Di Matteo - seit dem Bundesligastart 1963 an dritter Stelle.

Warum übernimmt er das Himmelfahrtskommando?

Natürlich steht auch die Frage im Raum, was um Himmelswillen Gross dazu bewogen hat, sein beschauliches Rentnerdasein aufzugeben, um bei den mit 200 Millionen Euro verschuldeten Gelsenkirchenern ein Himmelfahrtskommando zu übernehmen. Ist es vielleicht Langeweile? Der Drang, trotz 15 Titeln in 32 Jahren zu bestätigen, dass er auch im Zeitalter der Laptoptrainer mit Jungen wie Julian Nagelsmann und Sebastian Hoeness mithalten kann? Oder lockt das Geld, obwohl er finanziell längst ausgesorgt hat? «Von Schalke geht eine grosse Faszination aus, denn es ist ein berühmter und spezieller Verein. Das ist entsprechend eine reizvolle Aufgabe. Das Mittelfeld hat mich nie interessiert. Wenn es nach oben geht oder gegen unten, dann ist das etwas für mich», sagt Gross:

«Ich verspüre noch viel Energie.»

Die Ambition, der älteste Trainer in der Bundesligageschichte zu werden, kann er nicht haben. Noch mit 78 Jahren hatte Fred Schulz Werder Bremen trainiert. Jupp Heynckes war 68, als er mit den Bayern das Triple holte und gar 73, als er mit diesen 2018 noch einmal Deutscher Meister wurde.

Gross hatte bis Februar zum dritten Mal seit 2014 Al-Ahli in Saudi-Arabien trainiert, dazwischen Ägyptens Spitzenklub Zamalek. YB, seine bisher letzte Trainerstation in Europa, liegt fast neun Jahre zurück.

Udo Jürgens sang auch noch: «Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Ihr werdet euch noch wundern. Wenn ich erst Rentner bin. Sobald der Stress vorbei ist. Dann lang ich nämlich hin.»