Bronze im Riesenslalom
Die Olympiamedaille von Lara Gut-Behrami ist ein Versprechen, dass da noch mehr geht

Der eigenwillige Skistar aus dem Tessin streift ihre Zweifel punktgenau auf den Saisonhöhepunkt ab und findet den Rennrhythmus wieder. Die 30-Jährige gewinnt eine Medaille, die sie selbst nicht für möglich hielt. Und die sie vom Olympiasieg im Super G träumen lässt.

Rainer Sommerhalder
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Uneingeschränkte Freude bei Lara Gut-Behrami über Olympiabronze.

Uneingeschränkte Freude bei Lara Gut-Behrami über Olympiabronze.

Luca Bruno / AP

Man hat Lara Gut-Behrami nach dritten Plätzen schon trotzig erlebt. Die Bronzemedaille im Riesenslalom von Yanqing hingegen brachte die 30-jährige Tessinerin zum Strahlen. Das zweite olympische Edelmetall nach Abfahrtsbronze 2014 in Sotschi kam für Gut-Behrami unerwartet. Selbst wenn sie als Weltmeisterin von Cortina bereits vor einem Jahr ihre herausragenden Fähigkeiten auch in dieser Disziplin unter Beweis stellte.

Unerwartet, weil bei ihr im ersten Lauf das Timing nicht passte und der Rückstand von einer Sekunde und mehr auf die Postplätze auf kein Happy-Ende schliessen liess. Selbst als sie lange fünfeinhalb Stunden später mit einer ganz anderen Überzeugung im Finaldurchgang zur Laufbestzeit stürmte, glaubte sie im Ziel noch nicht daran.

Eine Saison ohne richtigen Rhythmus

Unerwartet aber auch, weil bei der 30-Jährigen in dieser Saison irgendwie der Wurm drin war. Aus mehreren Gründen stand sie im Weltcup bei lediglich zwei von sechs Riesenslaloms am Start. Anfang Saison plagten sie hartnäckige Grippe-Symptome. Mitte Dezember setzte eine Corona-Infektion die polarisierende Skirennfahrerin für drei Wochen ausser Gefecht. Mit den fünf verpassten Rennen verspielte sie auch die Chancen auf einen Sieg im Gesamtweltcup.

Und für die letzten drei Rennen vor Olympia meldete sich Lara Gut-Behrami mit der Begründung ab, sie sei körperlich und mental erschöpft. Zwei Wochen lang blieb sie so vor dem Riesenslalom ohne Wettkampfpraxis. «Ich habe nicht gewusst, wo ich stehe», sagt sie.

Trotzdem passt dieser Podestplatz zur Tessinerin. Aufstehen nach schwierigen Zeiten gehört ebenso zu ihren aussergewöhnlichen Talenten wie schnell die richtigen Lehren aus Rückschlägen zu ziehen. Ihre Freude hielt in China sogar bis zu den Interviews mit den Medien an. Selbst diese absolvierte sie für einmal mit einer gewissen Leidenschaft. Oft genug erinnern ihre Pressetermine an gegenseitige Strafaufgaben.

Den Lauf an der WM bei Olympia wiederholen

Vor allem aber macht die unerwartete Medaille Lust auf mehr. Auch bei Lara Gut-Behrami. «Wenn ich im Riesenslalom stark bin, dann funktioniert es in allen Disziplinen», sagte sie im TV-Interview. Es ist eine Ansage im Hinblick auf die Abfahrt und vor alle den Super G. Selbst wenn sie daran erinnert, dass in diesem Winter bei ihr auf ein gutes oft ein überraschend schwaches Resultat folgte.

Wie es hingegen herauskommen kann, wenn Lara Gut-Behrami in Fahrt kommt, zeigt der Blick zurück auf die letztjährigen Weltmeisterschaften. Gold im Riesenslalom und im Super G sowie Bronze in der Abfahrt lautete in Cortina ihre überragende Bilanz. Wehe also, wenn die unbeugsame Athletin Lunte gerochen hat.

Und danach? Über einen Rücktritt nach dieser Saison wird in den Medien bereits heftig spekuliert. Seit ihrer Heirat mit Fussballer Valon Behrami und dem Leben in Italien hat sich ihr Zeitaufwand fürs Training nochmals erhöht. Mehrfach erwähnte sie, dass es ihr vor allem in der Saisonvorbereitung bisweilen schwer falle, die Geborgenheit des familiären Umfelds gegen den Alltag in den Trainingslagern einzutauschen.

Und nicht zuletzt würde die 34-fache Weltcupsiegerin mit einem Olympiasieg die letzte Lücke in ihrem Palmarès schliessen. Doch selbst bei dieser ultimativen Entscheidung darf man die Eigenwilligkeit der 1.60 m kleinen Powerfrau nicht unterschätzen. «Der Wert meiner Karriere hängt nicht von einem Sieg mehr oder weniger ab», sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews. Es klang beinahe ein wenig trotzig. Wie so einiges bei ihr.

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